Die Arroganz der Gegenwart und der “Rufmord am Mittelalter”

Darstellung der Erde aus dem Liber Divinorum Operum, 12. Jhd.

In der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung „Die Zeit“ setzt sich die Kunsthistorikerin Friederike Quander mit einem Phänomen auseinander, das sie als die „Arroganz der Gegenwart“ bezeichnet. Diese werde vor allem im modernen Mittelalter-Bild sichtbar, das auf Klischees und Unwahrheiten beruhe und “Rufmord am Mittelalter” begehe.

Das Bild eines „finsteren Mittelalters“ solle mittels „abstruser Vorstellungen“ das wohlige „Gefühl der eigenen Aufgeklärtheit“ stärken und “den modernen Menschen viel klüger und entwickelter dastehen” lassen als er ist. Man brauche das “dunkle Mittelalter bis heute als Negativfolie, vor der unsere moderne Welt umso strahlender hervortritt”. Zu den in diesem Zusammenhang verbreiteten Unwahrheiten gehöre die Vorstellung, „dass der Einfluss der Kirche ein wissenschaftsfeindliches Klima befeuert“ habe. Dies sei jedoch unwahr, denn „gerade die christlichen Klöster“ seien „die Wissenschaftszentren des mittelalterlichen Europas“ gewesen.

Es werde außerdem verbreitet behauptet, dass die Menschen des Mittelalters gedacht hätten, dass die Erde eine Scheibe gewesen sei. Auch dies sei falsch, denn das Wissen um die Kugelgestalt der Erde sei nachweislich „nicht nur die Lehrmeinung an Klöstern und Universitäten, sondern in der Gesellschaft weit verbreitet“ gewesen.

Dass die Erde eine Kugelgestalt habe, sei bereits in der Antike bekannt gewesen und von den wichtigsten christlichen Autoren der Spätantike und des Mittelalters allgemein nicht bestritten worden. Augustinus etwa habe den biblischen Schöpfungsbericht im Einklang mit entsprechenden Beobachtungen gedeutet. In Lehrwerken des 12. Jahrhundert sei die Kugelgestalt der Erde erwähnt worden, und mittelalterliche Karten hätten zum Teil Hinweise auf diese enthalten. Zahlreiche Abhandlungen und Erzählungen hätten über die Menschen auf der anderen Seite des Globus spekuliert, was darauf unterstreicht, dass das Wissen um die Gestalt der Erde im Mittelalter allgemein verbreitet war.

Der Ursprung der Behauptung, dass im Mittelalter eine Scheibengestalt der Erde angenommen worden sei, liege in der „vermeintlich aufgeklärten Neuzeit“. Es handele sich „um eine Fiktion des 19. Jahrhunderts“, die der Autor Washington Irving in einer größtenteils erfundenen Biographie von Christoph Kolumbus geschaffen habe. Historiker hätten diese Erfindung aufgegriffen und populär gemacht. Dass sie weiterhin verbreitet werde, sage „nicht so viel über die Naivität der Menschen früher aus als vielmehr über unsere eigene Naivität“ und Unfähigkeit, deren Denken zu verstehen.

Hintergrund und Bewertung

Versuche zur Herabsetzung der geistigen und kulturellen Leistungen des Mittelalters setzten bereits in der Renaissance ein. Der Historiker Julián Juderías schuf den Begriff der „schwarzen Legende”, um den Bestand an unwahren historischen Darstellungen über das Mittelalter bzw. über das Wirken von Christen zu dieser Zeit zu benennen, der seitdem aus unterschiedlichen Motiven heraus geschaffen wurde.1 Den meisten Urhebern solcher Darstellungen ging es dabei vor allem darum, das Christentum als rückständig, irrational, abergläubisch oder verbrecherisch darzustellen, um ihre eigene Weltanschauung im Vergleich dazu als überlegen erscheinen zu lassen.

Viele der in diesem Zusammenhang verbreiteten unwahren Darstellungen wurden später durch totalitäre Ideologien aufgegriffen und wirken bis in die Gegenwart nach. Außerdem werden laufend neue Darstellungen dieser Art geschaffen, etwa die Behauptung, dass Europa seine kulturelle Entwicklung im Mittelalter vor allem islamischen Impulsen zu verdanken habe, wie zum Beispiel in Publikationen der deutschen Bundeszentrale für politische Bildung behauptet wird:

  • Auch diese Behauptung ist unwahr, wie der Mediävist Sylvain Gouguenheim (der nicht bestreitet, dass es produktiven Kontakt zwischen muslimischen und christlichen Gelehrten im Mittelalter gab) umfassend darlegte.2 Kritiker reagierten darauf mit dem Vorwurf, dass Gouguenheim Positionen vertrete, deren “politische Implikationen inakzeptabel” seien. Die Frage nach der Wahrheit von Hypothesen tritt hier vollständig hinter die Frage nach ihrer politischen Nützlichkeit zurück.3
  • Der Romanist Georg Bossong schrieb, dass das islamische Andalusien bereits im 19. Jahrhundert zum „Objekt romantischer Verklärung“ geworden sei. Motiv für entsprechendes Wunschdenken sei häufig ein antikatholischer Impuls. Bis heute halte “sich der Mythos von einem maurischen Spanien, wo ein friedlicher Multikulturalismus herrschte”. Dieser Phantasievorstellung werde das Klischee einer intoleranten und aggressiven katholischen Kirche entgegengesetzt.4

Die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann verband diese Form der Abwertung der eigenen Vergangenheit vor allem mit dem Wirken der 68er-Bewegung, die alle Tradition „bestenfalls als muffig, meist jedoch als vergiftet“ dargestellt und sich damit durchgesetzt habe. Die Gegenwart präge “ein Bekenntnis zur Diskontinuität“. Der “kulturrevolutionäre Zug zum unbedingten Neubeginn“ strebe nach einer “Stunde Null für das kulturelle Gedächtnis“. Bereits seit der frühen Neuzeit gebe es aber bereits eine Tendenz zur „Infragestellung von Autorität, Diskreditierung von sankrosankten Beständen, Abschaffung der Vergangenheit als normativer Ressource“.5

Der katholische Theologe Dietrich von Hildebrand sprach in diesem Zusammenhang von „Epochalismus“, die eine Form des Chauvinismus sei. Die „Eingebildetheit auf die eigene Zeit“ und das „Gefühl der Überlegenheit allen gegenüber, die nicht in der gleichen historischen Epoche leben“ würden, würden für viele Menschen die gleiche psychologische Funktion erfüllen wie die Berufung auf die mutmaßlich überlegene eigene Abstammung in völkischen Ideologien. Hier werde der Stolz des Menschen angesprochen.6 Das auf Unwahrheiten gegründete Erheben über die mutmaßlichen Verfehlungen der Vergangenheit sei ein Ausdruck von Arroganz, die nach der Erhöhung der eigenen Person auf Kosten anderer strebe.7 (FG5)

Quellen

  1. Julián Juderías: La Leyenda Negra, Salamanca 2003.
  2. Sylvain Gouguenheim: Aristoteles auf dem Mont Saint-Michel. Die griechischen Wurzeln des christlichen Abendlandes, Darmstadt 2011.
  3. Thomas Ricklin: “Der Mittelalter-Sarrazin”, Süddeutsche Zeitung, 24.08.2011, S. 14.
  4. Georg Bossong: „Al-Andalus, goldener Traum“, Die Zeit, 16.06.2011, S. 24.
  5. Aleida Assmann: Zeit und Tradition. Kulturelle Strategien der Dauer, Köln 1999, S. 67-69.
  6. Dietrich von Hildebrand: Das trojanische Pferd in der Stadt Gottes, Sankt Ottilien 1992, S. 195.
  7. Ebd., S. 316.