Rafael Behr: Institutioneller Patriotismus statt Vielfaltsideologie

"E pluribus unum" - Detail eines Freskos von Constantino Brumidi im Kapitol in Washington D. C.

Rafael Behr lehrt Kriminologie und Soziologie an der Akademie der Polizei Hamburg und gilt als einer der führenden Polizeiforscher Deutschlands. In seinem Werk über Polizeikultur kritisiert er Ideologien der Vielfalt, weil diese den Zusammenhalt in Institutionen gefährden könnten. Erfolgreich wirkende Institutionen müssten aus Vielfalt eine Einheit formen, wozu „institutioneller Patriotismus“ erforderlich sei.1

Damit eine Institution wie die Polizei ihren Auftrag erfüllen könne, müsse sie Menschen unterschiedlichster Hintergründe integrieren, sie zu einer Einheit formen und „aus einer Vielfalt an Haltungen“ etwas „aushaltbar und berechenbar Homogenes“ schaffen. Dazu müsse sie von Menschen verlangen, „einen Teil ihrer Gesamtpersönlichkeit in den Dienst der Institution zu stellen“, und zwar „mit dem Ziel, möglichst einheitliche Standards zu erzeugen“. Ein „Diversity Management“ oder ein Multikulturalismus, welche die identitären Ansprüche von Minderheiten und individuelle Besonderheiten in den Vordergrund stellen, wirkten dem entgegen.

Nur auf der Grundlage einer „assimilationsmächtigen Organisationskultur“ könne die beschriebene Einheit hergestellt werden. Es gehe dabei explizit um eine „umfassende Assimilation“ sowie um die die Unterordnung des Einzelnen unter ein gemeinsames Ziel:

  • Ein „institutioneller Patriotismus“ oder „Institutionspatriotismus“ könne diese Assimilation ermöglichen, indem er „für alle Angehörigen gleichermaßen eine Identität sui generis“ stifte, „die ethnische, kulturelle, nationale und politische Vorbedingungen vernachlässigt“. Dies sei auch in „Hochleistungsteams“ außerhalb des polizeilichen Kontexts zu beobachten, etwa in führenden Orchestern.
  • Eine solche patriotische Haltung setze „ein Bekenntnis zu etwas“ sowie Leidenschaft voraus; „es geht ausdrücklich um eine Überzeugung, nicht um Rationalität“. Diese Leidenschaft sei „nicht gebunden an politische Ideologien und auch nicht an Nationalität“.
  • Der Bezugspunkt des institutionellen Patriotismus sei nicht die Nation, sondern der politische und kulturelle Raum der Institution selbst, wobei die Nation im polizeilichen Kontext ein Bezugspunkt bleiben müsse, „weil schließlich die nationale Verfassung die zentrale Legitimationsquelle für das staatliche Gewaltmonopol darstellt“.

Die Ansprüche von Minderheiten und individuelle Sonderansprüche dürften in einer auf Einheit angewiesenen Institution nicht in den Vordergrund gestellt werden. Zugleich seien „Gleichmacherei und Formalismus bei der Gleichbehandlung“ zu vermeiden. Die Mitglieder von Institutionen müssten „dort unterschiedlich behandelt“ werden, „wo die Differenz evident ist“, etwa im Fall berufstätiger Mütter.

Ein anderes Beispiel sei der Umgang mit Homosexualität: In einer funktionierenden polizeilichen Institution werde niemand wegen einer entsprechenden sexuellen Orientierung „besonders gefördert oder besonders geächtet“, solange er „die hegemonialen Regeln nicht konterkariert“: Eine „effeminierte Männlichkeit tut das, und deshalb hat sie geringes Ansehen“.

Hintergrund und Bewertung

Die auf praktischen Erfahrungen beruhenden Anregungen Behrs entsprechen dem Erfahrungswissen, das dem Solidaritätsbegriff der christlichen Soziallehre und der abendländischen politischen Philosophie zugrundeliegt. Deren Aussagen zum Thema Solidarität beziehen sich meist auf die Ebene des Gemeinwesens, sind aber auch die Institutionen übertragbar, auf denen es beruht.

Zu diesem Erfahrungswissen gehört, dass Vielfalt nicht per se eine Stärke darstellt wie die gegenwärtigen Ideologien der Vielfalt behaupten, sondern zum Zerfall von Institutionen führen kann, wenn ihr nicht bindende Kräfte entgegenwirken. Auf diesen Kräften beruht die Stärke von Institutionen. Nur wo sie vorhanden sind, kann Vielfalt befruchtend wirken.

Platon schrieb über die Bedeutung dieser Kräfte:

„Gibt es nun etwas Schlimmeres für einen Staat als das, was ihn auflöst und in eine Vielheit zerspaltet? Oder etwas Vorzüglicheres als das, was ihn verbindet und vereinheitlicht?“2

Thomas von Aquin schrieb, dass die „Wohlfahrt und das Heil einer zu höherer Gemeinschaft verbundenen Menge“ darin bestehe, „jene Einigkeit zu erhalten, die man Friede nennt“. Ohne sie gehe „aller Nutzen, der aus dem Leben der Gemeinschaft erwächst, zugrunde, und die entzweite Menge wird sich selbst zur Last“. Herrscher müssten daher vor allem darauf achten, Einheit zu stiften. Ein Gemeinwesen, das „in sich selbst eins ist“, sei eine Voraussetzung des Gemeinwohls. „Vielheit“ im Sinne von unterschiedlichen Zielvorstellungen hingegen fördere das Gemeinwohl nicht.3

Cicero schrieb, dass gemeinsame Ziele die stärksten gemeinschaftsstiftenden Kräfte darstellten:

„Es gibt aber mehrere Stufen in der menschlichen Gesellschaft. […] Doch unter allen […] ist keine vorzüglicher, keine fester, als wenn brave, an Charakter ähnliche Männer durch vertrauten Umgang mit einander verbunden sind. […] Nichts ist aber geeigneter Liebe zu erwecken und eine innige Verbindung hervorzurufen, als die Ähnlichkeit des Charakters bei guten Menschen. Denn wo gleiche Bestrebungen und gleiche Gesinnungen herrschen, da findet Einer an dem Anderen ebenso viel Wohlwollen wie an sich selbst, und die Folge davon ist, was Pythagoras in der Freundschaft als das Höchste ansieht, daß aus mehreren Personen Eine wird.“4

Das Motiv der Schaffung von Einheit aus Vielheit liegt auch einem Leitspruch des republikanischen Pluralismus („E pluribus unum“) zugrunde, der sich auf eine Formulierung von Augustinus bezieht, mit denen dieser das Entstehen enger Bindungen auf der Grundlage gemeinsamen Geistes beschreibt.5 (FG1)

Quellen

  1. Rafael Behr: Polizeikultur. Routinen – Rituale – Reflexionen. Bausteine zu einer Theorie der Praxis der Polizei, Wiesbaden 2006, S. 185-188.
  2. Platon: Der Staat, Leipzig 1908, S. 163 (fünftes Buch).
  3. Thomas von Aquin: Über die Herrschaft der Fürsten, Stuttgart 1971, S. 11.
  4. Raphael Kühner (Hg.): Cicero’s drei Bücher von den Pflichten, Stuttgart 1873.
  5. Wolfgang Hübner: „E pluribus unum. Augustinus und die Vereinigten Staaten von Amerika“, Revue d’études augustiniennes et patristiques, Nr.57 (2011), S. 137-144.