Peter Thiel: Über die Berufung der Deutschen

Karl Friedrich Schinkel - Gotischer Dom am Wasser (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Peter Thiel gehört zu den bedeutendsten Risikokapitalgebern der Gegenwart. In seiner am 7. Oktober anlässlich der Verleihung des Frank-Schirrmacher-Preises gehaltenen Dankesrede sprach er über die Berufung der Deutschen, von deren Ideen die Zukunft des Westens abhängen werde.

Es werde nicht hinreichend gewürdigt, dass Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert die Quelle der Ideen gewesen sei, „die das Schicksal des Westens bestimmen sollten“. Das Klischee, das die Deutschen als „eine Nation der Dichter und Denker“ ansehe, sei „ganz offenkundig wahr“. Ideen könnten allerdings auch gefährlich sein, zumal jede Idee „potenziell eine neue Art von Waffe“ sei:

  • Deutschland sei „das Labor für die radikalsten und katastrophalsten Experimente der Moderne“ gewesen. Sowohl Kommunismus als auch Nationalsozialismus hätten ihren Ursprung in Deutschland gehabt. Das Land sei noch vor hundert Jahren allerdings auch das „unangefochtene Zentrum der Wissenschaften“ gewesen und habe „die Quantenmechanik und die moderne Physik“ hervorgebracht. Der Erfolg der USA und Leistungen wie das Manhattan-Projekt oder das Apollo-Programm seien im Wesentlichen das Werk deutscher Migranten gewesen.
  • Aufgrund der destruktiven Kraft, die deutsche Ideen in der Welt entfaltet hätten, hätten die Deutschen der Gegenwart Angst vor sich selbst und „fürchten seither die Extreme sowohl in Politik wie Technologie“. Das Land befinde sich „auf der Flucht vor seinen Wurzeln“ und sei von einer „Sehnsucht nach Rückzug aus der Modernität“ geprägt, weil es für destruktivsten Ideen der Moderne verantwortlich gewesen sei.

Diese Fluchthaltung sei jedoch nicht zukunftstauglich. Die Menschheit brauche die Fähigkeiten der Deutschen, um die Herausforderungen von Gegenwart und Zukunft zu bewältigen: „Die Welt braucht deutsche Ideen.“ Deutschland werde „für die Zukunft des Westens der entscheidende Schauplatz sein“. Ob „die Menschheit als Ganzes den Herausforderungen gewachsen sein wird oder nicht, kann davon abhängen, ob die Deutschen in der Lage sind, in Technologie und Wissenschaft neue Gedanken zu entwickeln.“

Neue Ideen seien gefährlich, aber das Versprechen, Frieden und Sicherheit durch Rückzug aus der Geschichte gewinnen zu können sei „die Parole des Antichrist“, und heute müsse man „eher den Antichrist fürchten als Armageddon“.1

Hintergrund und Bewertung

Die Positionen Thiels sind von libertären Impulsen sowie von einem großen Maß an Technologieoptimismus geprägt. Zugleich steht er konservativen Akteuren nahe, die sich für die Bewahrung des abendländischen Erbes einsetzen, und gilt zudem als Bewunderer der Werke und Ideen J. R. R. Tolkiens. Einige der von ihm gegründeten Unternehmen benannte er nach entsprechenden Bezügen, etwa Palantir Technologies, dessen Produkte auch von deutschen Sicherheitsbehörden genutzt werden.

In seiner oben zitierte Rede bezog er sich mutmaßlich auf eine Reihe von Motiven, die tief in die abendländische Geistesgeschichte zurückreichen:

  • Dass die Deutschen eine universelle Berufung hätten, und dass diese Berufung geistiger, dienender und friedfertiger Art sei, ist ein Grundmotiv der deutschen Geistesgeschichte.2 Dieses Motiv orientiert sich am alttestamentarischen Gedanken der besonderen Berufung des Volkes Israel, der im Mittelalter so interpretiert wurde, dass auch andere Völker über Berufungen verfügen könnten.
  • Die Vorstellung einer solchen Berufung der Deutschen prägte auch den Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Stefan George etwa schrieb kurz vor dem Beginn der NS-Herrschaft über die Notwendigkeit prophetischer Akteure, welche die „heilige glut“ schüren und dafür sorgen müssten, dass „nicht das mark verfault“ und „der keim erstickt“, damit einst des „erdteils herz die welt erretten“ kann.3 Der Schwur der Männer des 20. Juli 1944, von denen einige von George beeinflusst waren, erwähnt Kräfte im Deutschen, „die ihn berufen, die Gemeinschaft der abendländischen Völker zu schönerem Leben zu führen“. Diese Männer bekannten sich zu einem abendländischen Deutschland und zu „den großen Überlieferungen unseres Volkes, das durch die Verschmelzung hellenischer und christlicher Ursprünge in germanischem Wesen das abendländische Menschentum schuf.“4

Werner von Trott zu Solz schrieb nach dem Zweiten Weltkrieg, dass es fraglich sei, ob „wir Deutschen in dieser Welt je ein Vaterland gehabt hätten“. Dies sei die Folge ihrer oben erwähnten universellen Berufung, der sie jedoch nicht hinreichend nachgekommen seien. Es sei jedoch die falsche Schlussfolgerung aus den Verbrechen des Nationalsozialismus, diese Berufung zu verweigern. Man müsse sich ihr vielmehr stellen und gegen ihre Schänder eintreten, damit die Deutschen zu ihrer eigentlichen Identität finden und ihre Stärken in den Dienst der Völker der Welt stellen könnten.5 (FG5)

Quellen

  1. Peter Thiel: „Deutsche Poesie reicht nicht“, Die Welt, 08.10.2021, S. 14.
  2. Andreas Koenen: „Visionen vom ‚Reich‘. Das politisch-theologische Erbe der Konservativen Revolution, in: Andreas Göbel/Dirk van Laak/Ingeborg Villinger (Hrsg.): Metamorphosen des Politischen. Grundfragen politischer Einheitsbildung seit den 20er Jahren, Berlin 1995, S. 53-74, hier: S. 60.
  3. Stefan George: Das Neue Reich (Gesamt-Ausgabe der Werke, Band 9), Berlin 1928, S. 35-41.
  4. Zit. nach Eberhard Zeller: Geist der Freiheit. Der 20. Juli, München 1963, S. 489 -490.
  5. Werner von Trott zu Solz: „Der Untergang des Vaterlandes“, Labyrinth, Nr. 1 (1960), S. 4-20, hier: S. 4-6.