Der christliche Humanismus und das ewige Abendland

Das christliche Europa - Detail des Genter Altars (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der katholische Theologe Hugo Rahner (1900-1968) ist vor allem durch seinen Einsatz für die Verteidigung des abendländischen Gedankens und des christlichen Humanismus in Erinnerung geblieben. In einer Reihe von Aufsätzen, die er unter dem Eindruck der Herrschaft des Nationalsozialismus verfasste, betonte er die Bedeutung dieser Konzepte als Waffen gegen die “Macht des Ungeistes” und als geistiger Grundlage für die Erneuerung Europas.

Das Wesen des christlich-abendländischen Humanismus

Der christlich-abendländische Humanismus sei die „Einheit zwischen dem besten Erbe der Griechen und dem Glauben an Christus“.1 Dieser Humanismus gehe auf die Antike zurück und habe sich bereits im Mittelalter entfaltet, als die christlichen Klöster das von ihnen bewahrte Erbe weitergaben. Die späteren „Heroen des Humanismus“ wie Thomas von Aquin hätten das antike Erbe dabei “nicht vergöttert, sondern geheiligt“ bzw. durch die Verbindung mit christlichem Denken vollendet.2 Die “geheimnisvolle Kraft“, welche die Denker des christlichen Europas im Mittelalter vereint habe, sei die von der Kirche als “Mutter aller Kultur“ gehütete christlich-abendländische Lehre und Tradition gewesen.3

Der abendländische Humanismus habe sich „aus der schönen Einheit zwischen der himmlischen Botschaft von oben und der griechischen Sehnsucht von unten“ heraus gebildet. Platon und Aristoteles seien die ältesten bekannten Denker, die „Welten des humanen Geistes“ erahnt hätten, die erst durch das Wirken Christi greifbar geworden seien.4 Es “war der weite und schöne Geist der christlichen Theologie, der von seinem ureigensten Interesse her auch die besten Güter des griechischen Erbes aufzubewahren die heilige Pflicht fühlte“.5

Das Christentum sei untrennbar mit der griechischen und römischen Geisteswelt verbunden. Gott habe „seine Offenbarung in die Welt des griechischen Geistes und des römischen Imperiums hineingesprochen, und die Kirche hütet diese Wahrheit in den griechischen Lauten ihres heiligen Buches und in der Erblehre, die vom lateinischen Rom ausgeht“:6

  • Das Christentum habe sich von Anfang an auf das griechische und später auch auf das römische Erbe bezogen und dieses weiterentwickelt. Die Apostel hätten sich in göttlichem Auftrag entschieden der Kulturwelt der Griechen und Römer zugewandt.
  • Der Apostel Paulus habe in seiner Rede auf dem Areopag in Athen die Verbindung zwischen dem griechischen Denken und dem Christentum hergestellt. Außer Matthäus hätten alle Apostel die griechische Sprache als Träger ihrer Verkündigung gewählt, “und so ist es gekommen, daß die Botschaft Jesu auf hellenisch geschrieben wurde und daß Gott selbst in seiner Inspiration sich griechische Laute zur ureigenen Sprache machte”. Der Logos selbst habe “die Sprache der Hellenen zum Wort Gottes gewählt“.7
  • Die „Erdengeschichte Gottes“ gehe aus „vom Herzen der Weltgeschichte, dem getauften Königreich des griechischen Geistes“.8 Für “alle kommenden Zeiten wird die Theologie den vom Heiligen Geist diktierten biblischen Text ihrer Bücher in der Sprache der Griechen lesen” und die Theologie ihre Erkenntisse „immer in der heiligen Sprache der Römer“ lehren.9

Das griechische Erbe sei zudem unverzichtbar für das Kirche. Das Christentum ziele vor allem auf den Verstand des Menschen, und ein Glaube, der danach strebe verstanden zu werden, sei „nur möglich mit der Hilfe der besten Wahrheitsgüter der griechischen Philosophie“.10 Basilius der Große habe Christen daher zum Studium der “Schriften der Alten” aufgerufen.11 Zwar habe es auch Christen gegeben, die klassische Bildung und Philosophie abgelehnt hätten. Diese hätten sich jedoch nicht durchgesetzt und seien frühzeitig (etwa durch Gregor von Nazianz) als „beschränkt und unwissend“ verurteilt worden, weil sie alle Menschen geistig herabziehen wollten, damit ihre eigene Bildungsferne nicht bemerkt werde.12

Das abendländische Erbe und die Erneuerung Europas

Rahner betrachtete die Erneuerung der Bindung der Kulturen Europas an die Synthese aus dem geistigen Erbe des antiken Griechenlands und Roms mit dem geistigen Erbe des Christentums als Voraussetzung für eine kulturelle Erneuerung Europas. Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs schrieb Rahner, dass es nun zu retten gelte, “was von abendländischer Kultur übrigblieb“, denn ohne diese Kultur gäbe es Europa nicht mehr.13

Eine Wiedergeburt des durch totalitäre Ideologien zerstörten Europas sei nur dann möglich, „wenn wir wieder in lebensspendende Berührung kommen mit den unsterblichen Gütern der Vergangenheit, aus denen sich unsere Kultur gebildet hat“.14

Das abendländische Erbe werde bedroht durch die “Macht des Ungeistes”, die etwa den Nationalsozialismus, aber andere moderne Ideologien präge.15 Der „jugendliche, der revolutionäre, der unreife Mensch“ sei „in seinem Drang nach Ungebundenheit“ versucht, „alles Vergangene als überwunden und minderwertig abzutun; er bricht mit seiner eigenen Geschichte – und er stirbt daran“. Das zwangsläufige “Absterben geschichtsleugnender Ideologien“ gehöre zu den zentralen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts.16 Wer “seine eigene Vergangenheit verrät, wer sie umdichtet und umfälscht“ um ihre christlich-abendländischen Wurzeln zu vernichten, sei ein “Barbar”.17 Als Antwort auf diese “Macht des Ungeistes” gelte es, „Menschen eines abendländischen Humanismus” heranzubilden, die dieser Macht entgegentreten könnten.18

Die Weltoffenheit des abendländischen Denkens

Das abendländische Denken habe sich in besonderem Maße als weltoffen erwiesen, weil es auf Maßstäben beruhe, auf deren Grundlage die Werke und Leistungen aller Kulturen beurteilt und, wenn sie als wertvoll erachtet wurden, in das eigene Denken integriert werden konnten.

Justin der Märtyrer habe im zweiten Jahrhundert das Konzept des „ausgestreuten Logos“ formuliert. Menschen aller Kulturen und Religionen hätten demnach Anteil „an dem in Keimen ausgestreuten Logos Gottes“. Dem Christentum müsse es daher um die „Heimholung alles Wahren und Schönen in die Einheit mit dem menschgewordenen Logos“ gehen.19 Die damit verbundene Aufgabe, „die Geister der ganzen Erde an sich zu ziehen, heimzuholen in die schöne Gemeinschaft eines christlichen Humanismus“, sei noch nicht beendet.20

Das realistische Menschenbild des Christentum als Grundlage der Abwehr totalitärer Ideologien

Die zentrale Folgerung aus den Katastrophen, die Europa in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts durchlief, sei die „Absage […] an die aufgeklärte Leugnung des geschichtlichen Zusammenhanges mit dem Erbe der Vergangenheit“ und „an die hochmütig intellektuelle Überzeugung von der naturhaften Güte des reinen und edlen Menschen“. Es gelte, „die himmlischen und dämonischen Kräfte anerkennen, zwischen denen des Menschen Fleisch und Geist schwebt, umworben von göttlicher Gnade und teuflischer Schwerkraft“. Wer „eine dieser beiden Kräfte leugnet, zerstört im tiefsten Kern die Möglichkeit einer humanen Lebensgestaltung“. Wer der Vorstellung anhänge, „einen Humanismus formen zu können aus dem Glauben an den in sich guten Menschen, der wird sehr bald wieder vor den Ausbrüchen einer höllischen Lava von Unmenschlichkeit stehen“.21 (FG5)

Quellen

  1. Hugo Rahner: „Abendländischer Humanismus und Theologie“, in: ders.: Abendland. Reden und Aufsätze, Freiburg i. Br. 1966, S. 24-55, hier: S. 45. (Rahner 1966b)
  2. Rahner 1966b, S. 44.
  3. Hugo Rahner: „Christlicher Humanismus und Theologie“, in: ders.: Abendland. Reden und Aufsätze, Freiburg i. Br. 1966, S. 11-23, hier: S. 14. (Rahner 1966a)
  4. Rahner 1966b, S. 26.
  5. Rahner 1966b, S. 35-36.
  6. Hugo Rahner: Griechische Mythen in christlicher Deutung, Zürich 1957, S. 8-9.
  7. Rahner 1966b, S. 27.
  8. Rahner 1966b, S. 45.
  9. Rahner 1966a, S. 17.
  10. Rahner 1966b, S. 29.
  11. Rahner 1966b, S. 36.
  12. Rahner 1966b, S. 37.
  13. Rahner 1966a, S. 13.
  14. Rahner 1966b, S. 24-25.
  15. Rahner 1966a, S. 12.
  16. Rahner 1966a, S. 15.
  17. Rahner 1966a, S. 16
  18. Rahner 1966a, S. 12.
  19. Rahner 1966b, S. 51-52.
  20. Rahner 1966a, S. 15.
  21. Rahner 1966b, S. 24-25.