Der politischen Kultur Deutschlands mangelt es an Klugheit

Michelangelo - Die delphische Sibylle (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Politikwissenschaftler Anthony Glees leitet das Centre for Security and Intelligence Studies an der Universität Buckingham. In einem im Magazin Cicero erschienenen Aufsatz kritisiert er, dass es der politischen Kultur Deutschlands zunehmend an Klugheit mangele. Insbesondere das Handeln der scheidenden Bundeskanzlerin Merkel sei von Emotionalität und Irrationalität geprägt gewesen.1

Die Amtszeit Merkels werde zumindest bei britischen Beobachtern des Geschehens wegen ihrer „politischen Ausbrüche“ in Erinnerung bleiben:

  • Zu diesen zähle ihre „reflexartige Entscheidung, alle deutschen Kernkraftwerke abzuschalten“. Indem Merkel nach der Fukushima-Katastrophe 2011 „ihren Gefühlen freien Lauf ließ“, habe sie deutschen Interessen geschadet, das Land vom Import russischer Energieträger abhängig gemacht und dem russischen Staat dadurch „beträchtlichen Einfluss auf Deutschland“ ermöglicht.
  • Zudem habe sich Merkel 2015 dazu entschieden, „alle Vorsicht in den Wind zu schlagen“ und die „Tore des Landes für über eine Million Migranten zu öffnen“. Politisch sei diese Entscheidung „potenziell katastrophal“ gewesen, weil sie wesentlich zum Brexit beigetragen und die europäische Einheit geschwächt habe. Das Beharren Merkels darauf, die irregulären Migranten, deren Einreise in die EU sie ermöglicht hatte, auf andere EU-Staaten zu verteilen, habe Deutschland zudem „als Tyrannen Europas erscheinen“ lassen und nationalistische Ressentiments gegenüber Deutschland gestärkt.
  • Außerdem habe Merkel während der Corona-Krise die Beschaffung von Impfstoffen der EU-Kommission überlassen und dadurch ebenfalls dem Gemeinwohl ihres Landes geschadet.

Vor diesem Hintergrund erscheine die bei vielen internationalen Beobachtern immer noch verbreitete Annahme, dass die politische Kultur Deutschlands Werte wie Kompetenz, Rationalität und kluge Vorsicht schätze, zumindest als unvollständig.

Hintergrund und Bewertung

Glees hatte Deutschland unmittelbar nach der 2015 durch die Bundesregierung getroffenen Entscheidung, irreguläre Migranten nicht wie vorgesehen an den Grenzen des Landes zurückzuweisen, als einen  “Hippie-Staat” bezeichnet, der “nur von Gefühlen geleitet wird“. Die diesbezüglichen Entscheidungen seien irrational und könnten zu einem Zerfall der Europäischen Union führen. Vielen professionellen Beobachtern der Lage in Großbritannien erscheine dieses Verhalten als “unsinnig”, und es herrsche der Eindruck vor, “die Deutschen hätten ihr Gehirn verloren”.2

Die christliche Soziallehre betrachtet die Klugheit als die höchste unter den Kardinaltugenden. Sie ist laut Josef Pieper die Tugend, die zu einem sachlichen Blick auf die Wirklichkeit befähige. Gut könne nur sein, was wahr ist, und wahr sei, was der Wirklichkeit entspreche. Eine gute Entscheidung sei daher in erster Linie eine wirklichkeitsgemäße Entscheidung. Gutes tun und richtig handeln könne nur derjenige, der die Lage, in der er sich bewegt, vollständig erkannt habe.3

Bereits Platon und Aristoteles sahen die Klugheit als die wichtigste Tugend der Menschen an, die Verantwortung für das Gemeinwesen tragen. Daran anknüpfend bezeichnete Thomas von Aquin die Klugheit als eine herrscherliche Tugend. Sie umfasse die Fähigkeit dazu sich beraten zu lassen, richtig zu urteilen und richtig zu entscheiden.4 Die Disziplin der Strategischen Studien hält bis heute an dieser Erkenntnis fest, weil sie sich in Krisensituationen wieder und wieder bestätigt hat.5 Die von Glees kritisierte Neigung zur Emotionalität und zur sentimentalen Irrationalität hingegen disqualifiziert ihre Träger für Führungsfunktionen und -Ämter. Versuche, diese Neigungen zu Tugenden zu erklären, müssen dem Gemeinwohl Schaden zufügen. (FG1)

Quellen

  1. Anthony Glees: „Das Land des Lächelns“, Cicero, 10/2021, S. 18-20.
  2. Tobias Armbrüster: „‚Wie ein Hippie-Staat von Gefühlen geleitet‘“, Deutschlandfunk, 08.09.2015: URL: https://www.deutschlandfunk.de/deutschland-und-die-fluechtlinge-wie-ein-hippie-staat-von.694.de, Zugriff: 30.10.2021.
  3. Josef Pieper: Traktat über die Klugheit, Leipzig 1937, S. 27.
  4. Ebd., S. 50.
  5. Raymond Aron: Peace and War. A Theory of International Relations, New York 1966, S. 585.