Michael Sommer: Die Zerstörung der Meritokratie durch identitätspolitischen Aktivismus

Ambrogio Lorenzetti - Die Gerechtigkeit (Detail aus 'Die Allegorie der guten Regierung', Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Historiker Michael Sommer lehrt an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. In der aktuellen Ausgabe des Magazins Cicero warnt er vor einer Zerstörung der Grundlagen der freiheitlichen Ordnung Deutschlands durch das „identitätspolitische Gift“. Wenn dieses „von den Universitäten in Medien und Schulen sickert“, dann stehe „die Demokratie selbst zur Disposition“, denn „die identitätspolitischen Kämpfe zerstören einen Pfeiler unserer liberal-demokratischen Ordnung: die Meritokratie“.1

  • An Universitäten äußere sich identitätspolitischer Aktivismus u. a. in Form der Einführung von Fächern wie den „Gender Studies“ oder der Ausbreitung der „Critical Race Theory“. Diese lieferten „die intellektuelle Blaupause für das Staatsziel Gleichstellung“.
  • Diese Formen des akademischen Aktivismus „reklamieren für ihre Klientel einen systemisch bedingten Opferstatus“ und gingen davon aus, dass Frauen und Nichtweiße auch bei vollständiger Gleichberechtigung systemisch diskriminiert würden. Dieser Ansatz habe für Aktivisten den Vorteil, „dass man sich nicht die Mühe machen muss, ihn empirisch nachzuweisen“, denn es „genügt, ihn zu behaupten“.
  • In der Gerechtigkeitsutopie dieser Aktivisten gebe es „nur noch Täter und Opfer“, wobei der „nichtbehinderte, alte, weiße Mann“ der Täter sei und die Angehörigen aller anderen Gruppen „Opferstatus für sich reklamieren“ könnten. Der „Gradmesser für Diskriminierung“ sei dabei „allein ein gefühliges Meinen“.

Die identitätspolitische „Opferlogik“ hebele an Universitäten und zunehmend auch außerhalb von ihnen „jeden leistungsbasierten Selektionsmechanismus aus“, weil er neben einem Minderheitenstatus auch ideologische Konformität zum Auswahlkriterium mache. Wer sich dem nicht füge, etwa durch Verwendung der jeweils neusten Gender-Sprachregelung, werde „als Feind markiert“.

Im Kern gehe es diesem Aktivismus nicht um Gerechtigkeit, sondern um Macht. Die „Minderheit der Links-Neoautoritären“ versuche „der Mehrheitsgesellschaft ihren Willen aufzuzwingen, indem sie ihr einredet, für sämtliche Übel dieser Welt verantwortlich zu sein“. Die von ihnen eingeforderten „Selbstdenunzia­tionen“ glichen den Verschwörungstheorien am anderen Ende des politischen Spektrums.

Politik sei jedoch „kein Kampf des Guten gegen das Böse, sondern ein Ringen um die besseren Rezepte auf dem politischen Marktplatz“. Über die Frage der Gerechtigkeit und der gerechten Gestaltung von Gesetzen müsse „in offener Debatte, ohne künstliche Empörung und neoautoritäre Machtworte“ gesprochen werden. Das „identitätspolitische Gift“ hingegen zerstöre von den Universitäten ausgehend die freie Debatte und korrumpiere das Verständnis von Gerechtigkeit.

Hintergrund und Bewertung

Weitere Beiträge zum Problemkomplex Identitätspolitik finden sich hier. Der entsprechende Aktivismus beruht auf dem Gerechtigkeitsverständnis egalitaristischer neomarxistischer Ideologie, die jegliche Unterschiede zwischen Menschen oder Gruppen als Menschen als das Ergebnis ungerechter Diskriminierung durch eine Unterdrückergruppe ansieht, die dadurch ihre ungerechtfertigten Privilegien erhalten wolle. Gerechtigkeit liegt nach neomarxistischem Verständnis erst dann vor, wenn es keine Unterschiede mehr zwischen Gruppen von Menschen gibt. Dies sei nur durch eine mit dem Ziel ihrer Entmachtung geführte Bekämpfung der jeweiligen Unterdrückergruppe möglich.

Das Gerechtigkeitsverständnis der traditionellen abendländischen Weltanschauung hingegen bejaht Unterschiede die naturgegebene ungleiche Verteilung von Stärken und Fähigkeiten unter den Menschen auf individueller Ebene. Wo jeder seine Rolle gemäß seiner Stärken einnimmt, gewinnen alle. Die Verwirklichung einer gerechten Gesellschaftsordnung ist daher nur auf Grundlage einer meritokratischen Hierarchie möglich, in der die Position eines Menschen auf der Grundlage objektiver Maßstäbe durch seine Eignung, Leistung und Befähigung bestimmt wird. In einer gerechten Ordnung nehmen die Besten unabhängig von Abstammung und Geschlecht die höchsten Ränge ein, wobei mit dem Rang die Pflichten zunehmen sollen und nicht die damit verbundenen persönlichen Vorteile.

Dieses Ideal kann durch unvollkommene Menschen nur annähernd verwirklicht werden. Neomarxistischer bzw. identitätspolitischer Aktivismus leugnet die Unvollkommenheit des Menschen und misst seine politischen Aussagen nicht an der Wirklichkeit, sondern an der eigenen Utopie, deren Verwirklichung die Zerstörung der historisch gewachsenen Ordnung voraussetzt. Wo versucht wird, diese Utopie in die Praxis umzusetzen, verbessert sich die Lage jedoch nicht. Unvollkommene Hierarchien wurden durch das Wirken dieses Aktivismus bislang nicht durch eine Ordnung ersetzt, in der alle Menschen gleich sind, sondern durch neue, im Kern korrumpierte ungerechte Hierarchien, die unmittelbar auf Faktoren wie Abstammung beruhen und dadurch den schlechtesten hierarchischen Ordnungen der Vergangenheit stärker ähneln, als es den Aktivisten vermutlich bewusst ist.

An ein Ideal kann man sich schrittweise annähern, nicht jedoch an eine Utopie, weil sie nicht der Wirklichkeit entspricht. Wie alle Erfahrung zeigt, wird identitätspolitischer Aktivismus das Faktum der Ungleichheit der Menschen nicht aufheben können, weshalb er scheitern wird. Falls sich der gegenwärtige Trend nicht wendet, hat er jedoch das Potenzial dazu, auf dem Weg dorthin so wie seine marxistischen Vorgänger immer größere Ungerechtigkeit zu schaffen, bis der Zusammenhalt in den von ihm geprägten Gesellschaften soweit geschwächt ist, dass sie entweder in verfeindete Gruppen zerfallen oder im Angesicht innerer oder äußerer Herausforderungen zusammenbrechen. (FG4)

Quellen

  1. Michael Sommer: „Solon gegen die Gleichmacher“, Cicero, Nr. 9/2021, S. 42-48.