Maximilian Terhalle: Die strategische Kultur Deutschlands ist defekt

Ritter und Beamter diskutieren - Darstellung aus einer Ausgabe von "Le Songe du Vergier", 14. Jhd.

Der Politikwissenschaftler Maximilian Terhalle lehrt das Fach Strategische Studien an der Universität von Winchester. In mehreren kürzlich erschienenen Aufsätzen warnte er, dass die strategische Kultur Deutschlands defekt sei. Diese kulturelle Schwäche gefährde potenziell den Bestand des Landes, seiner Kultur und seiner politischen Ordnung.

Laut Terhalle bezeugt die „Fragilität aller sozialen Ordnungen, reflektiert in ihrem wiederkehrenden Scheitern“, die „Gefahren, die von der Hybris ihrer Anführer und der Nachlässigkeit von Gesellschaften gegenüber dem Wert des für selbstverständlich Gehaltenen ausgehen“.1

Staaten mit einer intakten strategischen Kultur hätten ein Grundbedürfnis danach, das Maß an Sicherheit für sich zu gewährleisten, das sie benötigen, um „die ihnen jeweils spezifische Lebensart und die dafür notwendigen Voraussetzungen in Gegenwart und Zukunft“ zu erhalten.2 Die fundamentale Pflicht politischer Entscheidungsträger bestehe hier darin, für den „Erhalt ihrer Lebenswelt“ einzutreten.3

Die strategische Kultur Deutschlands sei hingegen defekt und kaum dazu geeignet, der Selbstbehauptung des Landes zu dienen:

  • Deutschland gehöre zu einem Teil der Welt, der „weitestgehend im Innern befriedet ist“. Außerhalb dieser „sehr heilen Welt“ gebe es jedoch „eine andere Welt“, in der andere Regeln gelten. Diese müsse man verstehen und akzeptieren, „will man in dieser Welt überleben“.4
  • In Deutschland herrsche zudem eine „grassierende Nachlässigkeit“ gegenüber dem Schutz der eigenen Lebenswelt. Wer diese bewahren wolle, müsse dazu fähig sein, „für seine Existenz kämpfen zu können und kämpfen zu wollen.“5

Strategisches Denken sei in Deutschland „nicht integraler Bestandteil der politischen Kultur“. Das politische Bewusstsein für die Grundlagen der eigenen Freiheit und Sicherheit fehle hier weitgehend. Die strategische Kultur des Landes sei von einer idealistischen Weltsicht geprägt, die auch von der robusten Begegnung mit der Realität nicht erschüttert werde.6

Das Denken der politischen und geistigen Eliten sei außerdem von falschen Schlussfolgerungen aus der deutschen Geschichte geprägt. Pazifismus werde in Deutschland als „Tugend missverstanden“, und die sicherheitspolitische Debatte sei von einer „provinziellen Moralistik“ geprägt:

  • Das „intellektuelle Milieu“ des Landes habe in den vergangenen Jahrzehnten „jegliche Neugierde an Strategie eo ipso negiert“ und vorhandene Wissensbestände ignoriert.
  • Auf der Ebene der strategischen Planung arbeite man in Deutschland „bar analytischen Rüstzeugs“. Innerhalb staatlicher Institutionen habe sich „über Jahrzehnte eine antiintellektuelle Position entwickelt“, die kaum zur Reflektion fähig sei und die Vielfalt vorhandener externer Denktraditionen ausblende. Die entsprechenden Weltbilder würden auch angesichts von Krisen und Umbrüchen verbreitet nicht in Frage gestellt.7
  • An Universitäten herrsche neomarxistisches Denken vor und verhindere eine fundierte Auseinandersetzung mit strategischen Fragestellungen.8

Kein anderer Staat vergleichbarer Größe leiste sich „den Luxus, keine strategische Kultur zu haben“. Die politische Kultur des Landes sei auf Illusionen über eine Welt gegründet, die anders funktioniere als man es sich vormache. Man blende unerwünschte Aspekte der Lage in Deutschland aus, um an diesen Illusionen festhalten zu können.9

Bewertung

Teile der Kirche haben in den vergangenen Jahrzehnten dazu beigetragen, die strategische Kultur Deutschlands zu schwächen, indem sie (in der guten Absicht, dadurch pazifizierend zu wirken), Unwahrheiten über die Dynamiken verbreitet haben, die im Bereich des Politischen wirken. Man dient Menschen jedoch nicht, indem man sie schwächt, und einem Gemeinwesen leistet man keinen Dienst, indem man seine kulturelle Fähigkeit zur Selbstbehauptung abbaut. Die dafür verantwortlichen Teile der Kirche blenden dabei ihr eigenes geistiges Erbe aus, das wesentlich realitätstauglicher ist, als es die Äußerungen der meisten deutschen Kirchenvertreter der Gegenwart vermuten lassen.

Kardinal Henri de Lubac hatte diese Tendenz bereits vor langer Zeit kritisiert und gewarnt, dass das Christentum in Europa eine „schwächliche, wirkungslose Religion […] ohne wahren Ernst“ zu werden drohe. Es befinde sich auf dem Weg, „eine Religion neben dem Leben, oder eine, die uns selbst vom Leben abschneidet“ zu werden. Den Herausforderungen für Europa (de Lubac bezog sich auf die sich abzeichnende Bedrohung durch das nationalsozialistische Deutschland) zu begegnen erfordere ein Christentum das „männlicher, fruchtbarer, kraftvoller, und, wenn es gefordert wird, heldenhafter“ sei als das von Teilen der Kirche propagierte.

Terhalles oben wiedergegebene Kritik betrifft vor allem den Bereich der Elitenkultur. In seinen Texten geht er jedoch nicht auf die Frage ein, wie und auf welcher Grundlage dieser Bereich der Kultur im Sinne des Gemeinwohls bzw. im Sinne der Fähigkeit des Gemeinwesens zur Selbstbehauptung erneuert werden könnte. Er hebt jedoch die Bedeutung der Frage „nach Gesamtansätzen, die dem schlafwandlerischen Element im Verfall von Ordnungen Einhalt gebieten und Staatsführungen strategische Konzeptionen anbieten“ können, hervor.10

Der Soziologe James Davison Hunter hat sich ausführlicher mit der Frage auseinandergesetzt, wie eine entsprechende kulturelle Erneuerung bewirkt werden kann.  Ihm zufolge stützt sich die kulturelle Regeneration von Institutionen oder auch von ganzen Gesellschaften stets auf das Wirken alternativer Eliten, die in etablierte Eliten hineinwirken und sie von innen heraus verwandeln. Wie der Althistoriker David Engels an geschichtlichen Beispielen gezeigt hatte, sind die Bedingungen dafür vor allem in Krisenzeiten günstig. Da die hierfür erforderliche alternative Elite in Deutschland zur Zeit jedoch allenfalls in Ansätzen existiert, hatte der Politikwissenschaftler Werner Weidenfeld die Einrichtung einer „Schule des strategischen Denkens“ zur Schaffung einer solchen Elite angeregt. Optionen zur Verwirklichung eines solchen Vorhabens auf der Grundlage christlich-abendländischer Weltanschauung werden zur Zeit geprüft. (sw)

Quellen

  1. Maximilian Terhalle: „Warnung vor strategischem Schlafwandeln“, Neue Zürcher Zeitung, 10.10.2019, S. 40.
  2. Maximilian Terhalle: „Eine Grundlegung strategischen Denkens in Deutschland“, in: ders: Strategie als Beruf. Überlegungen zu Strategie, Weltordnung und Strategic Studies, Baden-Baden 2020, S. 1–32, hier: S. 13.
  3. Maximilian Terhalle: „Konzeptionen – Strategie und Strategielehre“, in: ders.: Strategie als Beruf. Überlegungen zu Strategie, Weltordnung und Strategic Studies, Baden-Baden 2020, S. 35–64, hier: S. 40–41, hier: S. 48.
  4. Florian Felix Weyh: „Maximilian Terhalle über Strategien in der Politik. Deutschland hat noch Nachholbedarf“, Deutschlandfunk Kultur, 11.07.2020, URL: https://www.deutschlandfunkkultur.de/maximilian-terhalle-ueber-strategien-in-der-politik.1270.de.html, Zugriff: 13.09.2021.
  5. Maximilian Terhalle: „Warnung vor strategischem Schlafwandeln“, Neue Zürcher Zeitung, 10.10.2019, S. 40.
  6. Maximilian Terhalle: „Eine Grundlegung strategischen Denkens in Deutschland“, in: ders: Strategie als Beruf. Überlegungen zu Strategie, Weltordnung und Strategic Studies, Baden-Baden 2020, S. 1–32, hier: S. 28.
  7. Maximilian Terhalle: „Konzeptionen – Strategie und Strategielehre“, in: ders.: Strategie als Beruf. Überlegungen zu Strategie, Weltordnung und Strategic Studies, Baden-Baden 2020, S. 35–64, hier: S. 40–41.
  8. Ebd., S. 39-40.
  9. Maximilian Terhalle: Strategie als Beruf. Überlegungen zu Strategie, Weltordnung und Strategic Studies, Baden-Baden 2020, S. 5–6.
  10. Maximilian Terhalle: „Warnung vor strategischem Schlafwandeln“, Neue Zürcher Zeitung, 10.10.2019, S. 40.