Lawrence Freedman: Die Seele des Beschützers

Zwei Damen reichen einem Ritter Helm und Schild - Darstellung aus dem Lutrell-Psalter, 14. Jhd

Lawrence Freedman, einer der führenden Strategieexperten der Gegenwart, lehrte bis zu seiner Emeritierung das Fach Militärwissenschaft am King’s College in London. In einem seiner Aufsätze ging er auch auf die seelischen Anforderungen an die Menschen ein, die in höheren Ämtern Verantwortung für den Schutz eines Gemeinwesens tragen. Diese würden vor allem einen klugen Realitätssinn benötigen, der die Möglichkeit des Ernstfalls in alle Überlegungen einfließen lasse.

Es gebe „eine dunkle Seite der strategischen Vorstellungskraft, welche in Zeiten der Stabilität Anzeichen von Unordnung wahrnimmt, welche die Zerbrechlichkeit menschlicher Institutionen wahrnimmt, auch wenn sie danach strebt, sie zu stärken, und die nicht aufhören kann, an den Krieg zu denken, während sie sich für den Frieden einsetzt“. Gerade dieses „ständige Nachdenken über die Möglichkeit von Instabilität und Konflikten“ könne jedoch dazu beitragen, den Ernstfall abzuwenden.1

Bewertung und Hintergrund

Freedman beschreibt in seinem Aufsatz einen Aspekt der abendländischen Kardinaltugend der Klugheit, nämlich einen am Kontakt mit den Härten des Daseins geschärften Realitätssinn, der sich keinen Illusionen über die Natur des Menschen und der Welt hingibt und der weiß, dass es in dieser Welt keinen dauerhaften Frieden geben wird.

In Zeiten des Friedens besteht die Gefahr, dass dieser Realitätssinn mangels Fühlung mit dem Schrecken, der sich außerhalb der Sphäre der Ordnung und Zivilisation bewegt, verloren geht. José Ortega y Gasset  führte historische Krisen dementsprechend darauf zurück, dass die Eliten eines Gemeinwesens aufgrund der Erfolge ihrer Vorgänger, die Sicherheit, Ordnung und Wohlstand schufen, „Fühlung […] mit den Grundproblemen“ des Daseins verlieren und die Tradition nicht mehr verstehen, die diese Leistungen ermöglichte. Die Aufgabe dieser Tradition werde von ihnen als Gewinn von Freiheit verstanden.2 Wenn eine solche Kultur dann erneut mit existenziellen Herausforderungen konfrontiert werde, könne sie diese nicht mehr bewältigen, weil sie sie mangels Einsicht in die Realität nicht verstehen könne und auch die tradierten Antworten auf sie verloren habe.3

Um dies zu vermeiden, müssen jene, die Verantwortung für ein Gemeinwesen tragen, Fühlung zum Ernsthall halten, um eine realistische Vorstellung von den Kräften des Bösen zu gewinnen, die in der Seele der Menschen wirken können, auch in ihrer eigenen, sowie von dem Chaos, das dadurch freigesetzt werde kann. Josef Pieper warnte deshalb davor, klassische bzw. christliche Tugend mit der „‚Ordentlichkeit‘ und ‚Bravheit‘ des Spießbürgers“ zu verwechseln.4 Das Bewusstsein dafür scheint jedoch in den politischen Eliten Deutschlands, aber auch in den Kirchen verlorengegangen zu sein, welche häufig die jeweils naivste und sentimentalste Deutung des Weltgeschehens für die beste Verwirklichung „europäischer Werte“ oder der Forderungen des Christentums zu halten scheinen. Pieper kritisierte in diesem Zusammenhang eine zunehmend Tendenz zur „Verharmlosung des Daseins“ und dazu, „die Existenz des Furchtbaren zu leugnen“.5

Dietrich von Hildebrand hielt entsprechenden Tendenzen in den Kirchen entgegen, dass „ein nüchternes Sehen aller Gefahren der Situation, die durch den Fall des Menschen geschaffen ist“, ein Bestandteil jeder wirklich christlichen Haltung sei.6 Christus sagte, dass die, die ihm nachfolgten, sich zu allen Zeiten unter Wölfen befinden würden. Sie müssten daher auch „klug wie die Schlangen“ sein.7

Hans Jonas entwarf als Antwort auf die oben beschriebenen Tendenzen auf der Grundlage des abendländischen Klugheitsbegriffs eine Verantwortungsethik, deren Grundlage die „vorausgedachte Gefahr“ bilde, die in „ihrem Wetterleuchten aus der Zukunft“ die eigenen Pflichten erkennen lasse. Er sprach diesbezüglich von einer „Heuristik der Furcht“. Bedrohungen für das physische und seelische Überleben des Menschen würden ihn erkennen lassen machen, welche Güter er schützen und bewahren müsse.8

Solange eine Bedrohung nicht erkannt ist, wisse man auch nicht, was auf dem Spiel stehe. Das Gute sei solange unauffällig und werde als gegeben hingenommen, bis es bedroht werde. Um den Frieden schätzen und angemessen verteidigen zu können, müsse man wissen, was Krieg bedeutet.9 Die „vorausschauende Sorge“ sei der Auftrag „des Gesetzgebers und Staatsmanns für das künftige Wohl des Gemeinwesens“.10 Dieses Denken sei nicht in unangemessenem Maße pessimistisch. Der größere Pessimismus liege in jedem Fall bei jenen, die wichtige Dinge für so wertlos halten, dass sie Bedrohungen für diese ignorierten.11 (sw)

Quellen

  1. Lawrence Freedman: „Does Strategic Studies have a Future?”, in: John Baylis, James J. Wirtz, Colin S. Gray (Hrsg.): Strategy in the Contemporary World. An Introduction to Strategic Studies, 6. Aufl., Oxford 2019, S. 404-420, hier: S. 418, Übersetzung sw.
  2. José Ortega y Gasset: Das Wesen geschichtlicher Krisen, Stuttgart 1951, S. 54 f.
  3. Ebd., S. 38. ff.
  4. Josef Pieper: Lesebuch, München 1981, S. 16 f.
  5. Ebd., S. 85.
  6. Dietrich von Hildebrand: Das trojanische Pferd in der Stadt Gottes, Sankt Ottilien 1992, S. 122-123.
  7. Mt 10,16.
  8. Hans Jonas: Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation, Frankfurt am Main 1976, S. 7-8.
  9. Ebd., S. 63-64.
  10. Ebd., S. 42.
  11. Ebd., S. 75.