John McWhorter: „Antirassismus“ als Angriff auf die Würde des Menschen

Nicolas-Antoine Taunay - Triumph der Guillotine (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der afroamerikanische Sprachwissenschaftler John McWhorter lehrt an der Columbia University in den USA. In eine heute in der Tageszeitung „Die Welt“ erschienenen Aufsatz kritisiert er die Ideologie des „Antirassismus“ als einen Angriff auf die Würde des Menschen. Die entsprechende Ideologie leugne insbesondere die Würde der Minderheiten, in deren Namen sie spreche, weil sie deren Fähigkeit zur Eigenverantwortung leugne.1

Antirassistischer Aktivismus habe sich in der Vergangenheit gegen reale Ungerechtigkeit gewandt, etwa gegen Sklaverei und Rassentrennung. Seit den 2010er-Jahren habe sich jedoch eine antirassistische Ideologie durchgesetzt, die ihrerseits den Angehörigen unterschiedlicher Rassen pauschal unveränderliche geistig-kulturelle Eigenschaften zuschreibe und auf dieser Grundlage Rassenhierarchien aufstelle.

Diese Ideologie sei zudem in sich höchst widersprüchlich und ergebe vielfach „keinen Sinn“. So werde etwa von Weißen gefordert, Interesse an Multikulturalität zu zeigen, aber wenn sie dies täten, werde ihnen die Aneignung des Kulturguts unterdrückter Minderheiten vorgeworfen. Rassismusvorwürfe würden aber auch erhoben, wenn sie sich nicht für dieses Kulturgut interessierten.

Der entsprechende Aktivismus sei außerdem für eine „Perversion der Gesellschaftspolitik“ verantwortlich, der Gesellschaften immer stärker entlang ethnischer Linien spalte und die Würde aller Menschen angreife, auch die der Schwarzen, in deren Namen er handele:

  • Indem man Schwarzen eine Rolle als passive, hypersensible, nicht eigenverantwortlich handelnde Opfer zuschreibe, lasse man sie „wie die dümmsten, schwächsten und selbstverliebtesten Menschen in der Geschichte unserer Spezies aussehen“.
  • Man schade Schwarzen, wenn man ihnen einzureden versuche, dass „Schreie der Schwäche eine Art von Stärke darstellen“ und dass ihr Wert darin bestehe, eine „ewig viktimisierte Seele ist“ zur Schau zu stellen.

Radikale Aktivisten machten sich „die Angst der modernen Amerikaner zunutze, für rassistisch gehalten zu werden“, um eine „zwanghafte, selbstverliebte, totalitäre und unnötige Art der kulturellen Umprogrammierung zu propagieren“. Ziel sei es, die kulturellen Grundlagen von Gesellschaften im Sinne der Ideologie umzuformen. Dies schade allen Menschen und dürfe nicht länger hingenommen werden.

Bewertung und Hintergrund

McWhorter hatte die identitätspolitische Ideologie auch in früheren Aufsätzen kritisiert, die wir hier aufgegriffen hatten.

Neben ihm hatten sich zuletzt auch andere afroamerikanische Denker kritisch mit dieser Ideologie auseinandergesetzt, etwa der Philosoph Cornel West. Dieser wies die Forderung antirassistischer Aktivisten zurück, den abendländischen Literaturkanon aus dem Lehrangebot von Universitäten zu entfernen. Der als Sklave geborene Frederick Douglass, der später zu einem bedeutenden amerikanischen Schriftsteller wurde, habe die Schriften abendländischer Denker wie Sokrates, Cato und Cicero studiert, um zu lernen, wie ein freier Mann zu denken. Die Aktivisten, die das abendländische Erbe an Universitäten bekämpften, wollten „das Licht der Weisheit und Wahrheit schwächen“, das Douglass und viele andere Afroamerikaner inspiriert habe, die sich für individuelle Freiheit eingesetzt hätten. Das abendländische Erbe sei auch zum Erbe der Schwarzen in den USA geworden, weil es ihnen ermöglicht habe, zu sich selbst zu finden und geistig frei zu werden.2

Unabhängig davon hatte zuletzt auch der Philosoph J. Budzizewski „antirassistische“ Ideologie als eine neue Form des Rassismus kritisiert, weil diese Gruppen von Menschen aufgrund ihrer Abstammung pauschal positive oder negative Eigenschaften zuschreibe. Am Beispiel einer aus diesem Spektrum stammenden Definition von „Whiteness“ legt er den Charakter dieser Ideologie frei. Laut dieser Definition sei „Whiteness“ etwa durch die Betonung von Arbeit, Pünktlichkeit und Rationalität geprägt, was die Urheber der Definition für problematisch halten. Budzizewski kritisiert, dass diese Definition universelle Tugenden, die für alle Menschen erstrebenswert und erreichbar seien, zu Untugenden erkläre und Menschen nichtweißer Abstammung dabei indirekt unterstelle, von Natur aus zu Untätigkeit, Unvernunft und Unpünktlichkeit zu neigen. Der „Antirassismus“ der Gegenwart sei daher zutiefst rassistisch. (FG2)

Quellen

  1. John McWhorter: „Die Auserwähltenideologie“, Die Welt, 09.09.2021, S. 18.
  2. Cornel West/Jeremy Tate: „A classics catastrophe at Howard“, The Washington Post, 20.04.2021.