Gadi Taub: Der Nationalstaat als Garant des Gemeinwohls

Darstellung einer Stadt im Stundenbuch des Herzogs von Berry

Der Historiker Gadi Taub lehrt an der Hebräischen Universität Jerusalem. In einem heute veröffentlichten Aufsatz kritisiert er internationalistische bzw. globalistische Strömungen des Liberalismus, weil diese die kulturellen Voraussetzungen des Bestands freiheitlicher Gesellschaften unterminierten.1

Diese Strömungen lehnten die Institution des Nationalstaats ab, weil sie ein Kollektiv über das Individuum stelle bzw. weil sie „ethnozentrisch“ sei und tendenziell Menschen diskriminiere, die ihr nicht angehörten. Individuelle Freiheit sowie Gerechtigkeit könnten nur im Rahmen einer globalen Ordnung verwirklicht werden, die auf offenen Grenzen und gleichen Rechten für alle Menschen an allen Orten der Welt beruhe.

  • Diese Position beruhe jedoch auf einem Irrtum, da individuelle Freiheit und das Selbstbestimmungsrecht von Völkern bislang fast ausschließlich im Rahmen nationalstaatlicher Ordnungen verwirklicht worden sei. Ein internationalistischer Liberalismus schwäche die kulturellen Voraussetzungen freiheitlicher Gesellschaften und zerstöre damit die Grundlagen der Errungenschaften, die er bewahren wolle.
  • Diese Form des Liberalismus setze ihre Positionen zudem meist mit undemokratischen Mitteln durch. Ihre Anhänger verweigerten etwa Debatten über ihre Forderungen und stellten die Bejahung des Nationalstaates und den Willen zur Bewahrung nationaler Kulturen als moralisch illegitim dar.

Freiheitliche Demokratien benötigten eine nationalstaatliche Grundlage, da die Vorstellung eines Gemeinwohls nur dort existieren könne, wo hinreichend starke Bindungen zwischen Individuen vorhanden seien. Liberale Werte könnten nur auf dem Boden nationaler Bindungen wachsen.

Hintergrund

In den sicherheitspolitischen Eliten Israels wird ein starker jüdischer Nationalstaat als einziger zuverlässiger Garant des Überlebens des eigenen Volkes betrachtet. Das Bewusstsein für die Bedeutung nationaler Bindungen und ihrer Bewahrung, etwa durch selektive Migrationspolitik und wirksamen Schutz der Staatsgrenzen gegen illegale Migration, ist hier deutlich stärker ausgeprägt als in den meisten westeuropäischen Staaten. Die in Deutschland und anderen europäischen Staaten diesbezüglich vorherrschenden Positionen hält man allgemein für naiv. Während einige Angehörige dieser Eliten besorgt sind, dass eine stärkere Bejahung der Nation in Europa Ressentiments gegenüber Juden stärken könnten, sind andere stärker besorgt, dass die Auflösung der westlichen Nationalstaaten die Bündnisse schwächt, von denen die Sicherheit des Staates Israel mit abhängt. Einige jüdische Denker, darunter Yoram Hazony, beteiligen sich auch vor diesem Hintergrund an einer internationalen Initiative, die sich auf einer vorwiegend christlich-konservativen Grundlage mit der Zukunft der Nation auseinandersetzt.

Hier haben wir uns aus der Perspektive der christlichen Soziallehre mit der Institution des Nationalstaats auseinandergesetzt. Diese Lehre bejaht den Nationalstaat grundsätzlich, wie Papst Franziskus (der in spontanen Äußerungen eine persönliche Nähe zu globalistischen Positionen angedeutet hatte) kürzlich in der Enzyklika „Fratelli tutti“ betonte. Er warnte dort vor dem wachsenden Einfluss postmoderner utopischer Ideologien, die nach der Auflösung der Bindung des Menschen an die Nation streben. Die Nation sei als unverzichtbare natürliche Gemeinschaft aus christlicher Sicht ebenso zu bejahen wie die Familie, deren Erweiterung sie darstelle. Patriotismus sei eine Form der gelebten Nächstenliebe.

Franziskus stützte seine Gedanken auf die von Papst Johannes Paul II. formulierte Theologie der Nation, deren Bejahung der Nation mit der Ablehnung des modernen Nationalismus als Verfallsform des gemeinwohlorientierten Verständnisses der Nation verbunden ist. Dieser Nationalismus sehe die Nation als Selbstzweck sowie als höchste oder einzige Bindung des Menschen an, auf deren Kosten alle anderen Bindungen abgewertet würden. Nationalismus erhebe zudem eine Nation über alle anderen, deren Rechte geleugnet würden. Ein christlicher Patriotismus, der „allen anderen Nationen die gleichen Rechte zuzuerkennen“ bereit ist wie der eigenen, sei das beste Gegenmittel gegen diesen Nationalismus. (FG4)

Quellen

  1. Gadi Taub: „How Liberalism Ate Itself“, Tablet Magazine, 20.09.2021, URL: https://www.tabletmag.com/sections/news/articles/liberalism-gadi-taub, Zugriff: 20.09.2021.