Ahmad Mansour: Über die deutsche Kultur der Schwäche

Thomas Couture - Die Römer der Verfallszeit (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Psychologe Ahmad Mansour ist im Bereich Islamismusbekämpfung tätig. In seinem Buch „Klartext zur Integration“ kritisiert er die politische Kultur Deutschlands wegen der von ihr gegenüber Herausforderungen in den Bereichen Sicherheit und Integration gezeigten Schwäche. Viele Muslime würden diese Schwäche verachten und daher die für eine gelingende Integration erforderliche kulturelle Anpassung verweigern.1

Die politische Kultur Deutschlands sei von einem ausgeprägten Unwillen zur Auseinandersetzung mit diesen Herausforderungen geprägt. Dies gelte vor allem dann, wenn diese einen Bezug zu fremden Kulturen hätten. Der Wunsch, als „tolerant und weltoffen“ wahrgenommen zu werden, stehe in diesem Fall der Wahrnehmung und Ansprache dieser Herausforderungen im Weg.2 Dies gelte insbesondere auch für die Kirchen, deren Umgang mit diesen Themen von Naivität und Unkenntnis geprägt sei.3

  • Es könne in Deutschland „schnell passieren“, dass diejenigen, die Herausforderungen ansprächen, als „intolerant, rechts oder gar rechtsradikal“ eingeordnet würden.4 Man werde unter Druck gesetzt zu schweigen, weil diese Ansprache politisch kontraproduktiv sei5, oder dazu genötigt, das allgemeine Wunschdenken zu bestätigen.6
  • Die öffentliche Debatte in Deutschland werde durch die „Übertoleranten“ geprägt, die „Migranten pauschal als Kuscheltiere betrachten, die man vor den Panikmachern beschützen muss und denen man auf keinen Fall unsere Kultur und unsere Werte aufzwingen darf“.7 Muslimen spreche man in diesem Zusammenhang indirekt Verantwortung für ihr Leben und Handeln zu tragen, wenn man davon ausgehe, dass diese nur passiv auf äußere Umstände reagierten und ihnen eine Konfrontation mit Problemen nicht zuzumuten sei. Eine Auseinandersetzung mit den kulturellen Ursachen von Integrationsproblemen unterbleibe aus diesem Grund meist.8
  • Die Dynamik islamisch geprägter Kulturen, in denen Ehre auf Stärke beruhe, werde in Deutschland meist nicht verstanden. Diese Dynamik sei häufig damit verbunden, dass das eigene Ehrgefühl durch die Demütigung Schwächerer gestärkt werde. Die in den Herkunftsgesellschaften vorhandenen Korrektive, etwa eine bei Grenzüberschreitungen hart und kompromisslos agierende Polizei, fehlten in Deutschland. Deutschland und die Deutschen würden daher von vielen Muslimen als schwach wahrgenommen, was diese dazu verleite, ihr Selbstwertgefühl durch demütigendes Handeln gegenüber Deutschen zu steigern. Ereignisse wie die massenhaften Übergriffe gegen Frauen durch vorwiegend muslimische Täter in der Silvesternacht in Köln 2015 seien die Folge.9
  • Diese Wahrnehmung von Schwäche führe auch dazu, dass die Demokratie vielfach „als Einbahnstraße verstanden“ und Deutschland als „ein Selbstbedienungsladen“ für die eigenen Forderungen betrachtet werde.10 Das mangelnde kulturelle Selbstbewusstsein der meisten Deutschen, die diesen Forderungen ständig nachgeben würden, stelle ein zentrales Hindernis für die Integration von Muslimen dar.11

Die demonstrative Schwäche der meisten Deutschen erzeuge zudem bei vielen Muslimen Verachtung für ihre Kultur, was Integration zusätzlich erschwere. Gescheiterte Integration werde von vielen Muslimen zugleich als Demütigung wahrgenommen und den Deutschen angelastet, denen man deshalb zusätzlich mit Hass und Verachtung begegne. Kriminalität gegenüber Einheimischen, aber auch die Hinwendung zu Islamisten und ihrem betonten Hass auf Europa und seine Kultur würden als Reaktion auf diese wahrgenommene Demütigung legitimiert. Militante Islamisten würden häufig als starke „Ehrenmänner“ angesehen. Linksgerichtete Strömungen legitimierten diesen Hass durch Rassismusdiskurse zusätzlich und erlaubten es Integrationsverweigerern, die Ursachen ihres Scheiterns in der aufnehmenden Gesellschaft zu verorten.12

Hintergrund und Bewertung

Mansour betrachtet sich als ein liberaler Freund Deutschlands, der viele Aspekte der Kultur des Landes schätzt und sich unter persönlichen Risiken für die Verteidigung der Werteordnung des Grundgesetzes sowie für die Integration von Muslimen einsetzt. Diese Integration dürfe sich nicht auf die Formel „Arbeit plus Sprache minus Kriminalität“ beschränken, sondern müsse auch den Aspekt der Identität mit einschließen.13 Aufgrund seiner positiven Einstellung gegenüber Deutschland ist er seinen eigenen Worten nach allerdings unter Muslimen weitgehend isoliert und wird verbreitet als „abtrünnig“ angesehen.14 Aufgrund seines kulturellen und fachlichen Hintergrunds verfügt er über besondere Kenntnisse, was Herausforderungen in den Bereichen Integration und Islamismus angeht. Diese spricht er wesentlich direkter und offener an als die meisten anderen Experten, wodurch er einen sehr wertvollen Beitrag zum besseren Verständnis der Lage leistet.

Schwächen weisen Mansours Beiträge dort auf, wo er auf der Grundlage laizistischer Ideologie Antworten auf diese Lage formuliert:

  • Da die multikulturelle Gesellschaft so wie instabile Banken „too big to fail“ sei, müsse der zu schaffende Integrationsstaat mit unbegrenzten Mitteln ausgestattet werden („Geld schien und scheint immer da zu sein, man muss es nur einsetzen wollen.“)15 Dieser solle integrationsverweigernden Muslimen auf der Grundlage eines Staatsislams über das Schulsystem, Sozialarbeit und Integrationskurse eine neue Identität vermitteln. Einerseits wünscht sich Mansour einen liberalen Staat; andererseits aber will er den liberalen Charakter des Staates auf eine Weise sichern, die zwangsläufig damit verbunden wäre, dass er eben diesen Charakter aufgeben müsste. Zudem bleibt unklar, ob und wie dieser Versuch der gegen Widerstände erfolgenden Änderung der kulturellen Identität einer sehr großen Zahl von Menschen überhaupt gelingen kann. Die näherliegende und zudem weniger stark in Freiheitsrechte eingreifende Option, die Grundlagen des freiheitlichen Staates durch eine selektivere Migrationspolitik und die Rückführung von Integrationsverweigerern zu schützen, erwähnt Mansour in seinem Buch nicht.
  • Mansour bezieht sich positiv auf die Ideologien der Französischen Revolution und der 68er-Bewegung bzw. auf deren Religionskritik.16 Er unterstellt allen Religionen gleichermaßen die Tendenz, irrationale und willkürliche Denkverbote anzustreben, und will dem mit einer laizistischen Leitkultur begegnen, die alle Religionen (explizit auch das Christentum) aus Staat und öffentlichem Leben zurückdrängen soll. An Schulen sollten etwa alle religiösen Symbole verboten werden.17 Staatliche Bezüge auf die christliche Kultur und Tradition Deutschlands empfindet er als „ausgrenzend“18
  • Als Grundlage der von ihm angestrebten Leitkultur betrachtet er die Werteordnung des Grundgesetzes, die für alle Menschen des Landes bindend sein solle19, und die er unter Ausblendung ihrer christlichen Wurzeln für kulturell neutral hält20 bzw. allein auf die Aufklärung zurückführt.21 Dem Grundgesetz misst er dabei eine zivilreligiöse Bedeutung bei und erklärt, dass es „über der Bibel, dem Koran oder anderen heiligen Büchern“ stehe.22 Dass Grundgesetz sei in allen Bereichen des Lebens „über jede Tradition und Religion zu stellen“.23

Das Grundgesetz selbst erhebt solche totalen Ansprüche hingegen nicht, sondern setzt Staat und Politik unter Verweis auf einer übergeordnete metaphysisch begründete Ordnung Grenzen, wie etwa am Beginn der Präambel des Grundgesetzes sowie in dessen Artikel 1 betont wird, der die Werteordnung des Grundgesetzes auch in den Kontext der christlichen Naturrechtslehre stellt. Indem Mansour den Staat zur Quelle dieser Werteordnung erklärt und ihre christlichen Bezüge ausblendet, stellt er diese Ordnung außerdem auf den Kopf und schneidet sie zugleich von ihren Wurzeln ab. Sein Ziel, die Grundlagen eine Leitkultur zu formulieren, die „ein neues Wir-Gefühl“ sowie ein Deutschland begründen könne, „mit sich alle identifizieren können“24, erreicht er deshalb nicht. Eine tragfähige Vorstellung von Leitkultur müsste sich ihrer geistig-kulturellen Wurzeln bewusst sein und sich auch auf das Wirken der Menschen abstützen, die die Bindung an diese Wurzeln pflegen. (sw)

Quellen

  1. Ahmad Mansour: Klartext zur Integration. Gegen falsche Toleranz und Panikmache, Frankfurt am Main 2018.
  2. Ebd., S. 58.
  3. Ebd., S. 72-73.
  4. Ebd., S. 7.
  5. Ebd., S. 11.
  6. Ebd., S. 68.
  7. Ebd., S. 31.
  8. Ebd., S. 57-58.
  9. Ebd., S. 180.
  10. Ebd., S. 152.
  11. Ebd., S. 62.
  12. Ebd., S. 109.
  13. Ebd., S. 173.
  14. Ebd., S. 53-54.
  15. Ebd., S. 277.
  16. Ebd., S. 66-67.
  17. Ebd., S. 197.
  18. Ebd., S. 161.
  19. Ebd., S. 117.
  20. Ebd., S. 10.
  21. Ebd., S. 119.
  22. Ebd., S. 221.
  23. Ebd., S. 53.
  24. Ebd., S. 115.