Robert Sarah: Das Wesen der heiligen Tradition

Kardinal Robert Sarah gilt als eine der wichtigsten Persönlichkeiten in der katholischen Kirche der Gegenwart. In einem jetzt in der Tageszeitung „Le Figaro“ erschienenen Aufsatz setzt er sich mit dem Wesen der heiligen Tradition des Christentums und ihrer Bedeutung für die kulturelle Erneuerung westlicher Gesellschaften auseinander.1

Jede Zivilisation baue einem einem „heiligen Fundament“ auf. Die Zivilisation des christlichen Westens sei auf Jesus Christus gegründet worden, und die Kirche habe diese Zivilisation über die Jahrhunderte hinweg immer wieder erneuert, indem sie durch die Bewahrung von Lehre und Liturgie die Begegnung der Menschen mit Christus ermöglichte. „Schönheit und Kultur“ seien die Früchte dieser Begegnung.

Die heilige Tradition, auf der die Kirche beruhe, sei nicht das Werk des Menschen, sondern von Gott empfangen und durch die Kirche weitergegeben worden:

  • Diese Tradition sei eine „ununterbrochene Kette, die sie mit Gewissheit mit Jesus verbindet“.
  • Sie stelle eine „Kette des Glaubens ohne Brüche und Widersprüche“ dar und sei „eine Kette des Gebets und der Liturgie ohne Brüche und Verleugnung“, die auf „radikaler Kontinuität“ beruhe. Die Kontinuität in der Tradition sei die einzige Legitimation der Kirche.
  • Was früheren Generationen von Christen heilig war, müsse ihnen auch in der Gegenwart heilig sein. Dies gelte vor allem für die Liturgie.
  • Die „Reichtümer, die im Glauben und im Gebet der Kirche gewachsen sind, zu bewahren“. Ohne diese Kontinuität, die „organische und kontinuierliche Entwicklung“ aber niemals Brüche beinhalte, würde die Kirche unglaubwürdig werden und könnte den Menschen nicht mehr dienen.

Aktuell sei die Glaubwürdigkeit der Kirche gefährdet, weil es Bischöfe in ihr gebe, die ihre Autorität nicht im beschriebenen Sinne ausübten und sich nicht mehr als Hüter der Tradition wahrnähmen, „sondern als politische Führer“, die Spaltung unter den Gläubigen anstatt den Frieden und die Einheit förderten, welche die Kirche der Welt anbieten wolle.

Die Welt brauche diesen Dienst dringender denn je, weil das christliche Fundament westlicher Gesellschaften bereits größtenteils weggebrochen sei. In Folge dessen seien alle Bindungen in ihnen zerbrechlich geworden und alle schützenden Grenzen aufgehoben. Diese Gesellschaften durchliefen gegenwärtig einen „Zusammenbruch des Zusammenhalts“ sowie einen „Zerfall der Identitäten“. Vor dem beschriebenen Hintergrund sei es fraglich, ob die Kirche noch über den Willen und die Mittel dazu verfüge, ein weiteres Mal als „Hüterin der Zivilisation“ zu wirken und „die Flamme weiterzugeben, die die Barbaren auszulöschen“ drohen.

Hintergrund und Bewertung

Sarah bezieht sich auf die Einschränkung der Feier der traditionellen tridentinischen Messe durch Papst Franziskus. Sarah akzeptiert die moderne Liturgie, wendet sich aber aus den oben dargestellten Gründen dagegen, die traditionelle Form zu verbieten oder für illegitim zu erklären. Weitere Gedanken Sarahs zu Fragen von Kultur und Gesellschaft hatten wir hier vorgestellt.

Josef Pieper definierte Tradition als „heilige Überlieferung“, die von Überlieferung rein menschlicher Herkunft zu unterscheiden sei. Sie beruhe auf Offenbarung, die ausgewählten Menschen, etwa Aposteln oder Propheten, durch übernatürliches Wirken zuteilwerde und die über eine Kette von Generationen hinweg intakt weitergegeben werden müsse. Diese Offenbarung könne durch den Menschen nur bewahrt, aber nicht verbessert werden.2 Das bedeutet nicht, dass die Träger der Tradition sich nicht entwickeln könnten, etwa indem sie die Tradition besser verstehen und ihr Leben immer vollkommener von ihr durchdringen lassen.

Wenn Kardinal Sarah schreibt, dass die Zivilisation des christlichen Westens auf der von Jesus Christus gegründete Tradition aufbaue, bezieht er sich auf den christlichen Gedanken, dass sich in Christus das für den Menschen ansonsten nicht unmittelbar erkennbare Weltgesetz, aus dem heraus der Kosmos geschaffen wurde, dem Menschen direkt offenbarte.3 Laut Romano Guardini habe Christus eine „andere Ordnung“ in diese Welt hineingetragen, die nicht in der Welt selbst begründet sei, und dadurch „verborgene Wirklichkeit offenbart“.4

Eine als bedingungsloser Wille zum Dienst am Nächsten verstandene Liebe ist das Prinzip dieser Ordnung. Laut Ratzinger sei das ganze Sein Christi „nichts als Dienst“ gewesen. Christus nachzufolgen bedeute, dass „der, der sich ganz in den Dienst für die anderen, in die volle Selbstlosigkeit und Selbstentleerung hineingibt, sie förmlich wird –  dass eben dieser der wahre Mensch, der Mensch der Zukunft, der Ineinanderfall von Mensch und Gott ist“.5 Das „Sichgeben für die Menschen bis zum Ende“ stelle den Kern der christlichen Religion dar.6

Die Institutionen der westlich-christlichen Zivilisation wurden durch dieses Prinzip geprägt, etwa ihr Herrschaftsverständnis, das Herrschaft als Dienst versteht, oder ihr Verständnis der Familie als Gemeinschaft, in der Mann und Frau sowohl einander dienen als auch vorherigen und nachfolgenden Generationen. Ohne das erwähnte metaphysische Fundament müssen diese Institutionen zerfallen oder ihre Identität verlieren, und die von ihnen getragene Zivilisation stirbt. (FG3)

Quellen

  1. Robert Sarah: „Nul n’est en trop dans l’Église de Dieu“, Le Figaro, 14.08.2021, S. 21, Übersetzung durch RI.
  2. Josef Pieper: Lesebuch, München 1981, S. 237 ff.
  3. Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.): Gott und die Welt. Glauben und Leben in unserer Zeit, München 2005, S. 221.
  4. Romano Guardini: Glaubenserkenntnis. Versuche zur Unterscheidung und Vertiefung, Würzburg 1949.
  5. Joseph Ratzinger: Einführung in das Christentum, München 1968, S. 182 ff.
  6. Benedikt XVI.: „Das katholische Priestertum“, in: Robert Kardinal Sarah: Aus der Tiefe des Herzens. Priestertum, Zölibat und die Krise der katholischen Kirche, Kißlegg 2020.