Michel Onfray: Der Pulsschlag der europäischen Zivilisation

Das christliche Europa - Detail des Genter Altars (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Philosoph Michel Onfray kritisiert in einem kürzlich in der Tageszeitung „Le Figaro“ erschienenen Aufsatz die Einschränkung der Feier der tridentinischen Messe durch Papst Franziskus. Auch als Atheist müsse er anerkennen, dass das Leben der Kirche „den Pulsschlag unserer jüdisch-christlichen Zivilisation“ darstelle. Die tridentinische Messe beinhalte das gesamte „Erbe der Stammesgeschichte unserer Zivilisation“. Versuche, sie abzuschaffen oder einzuschränken, müssten sich negativ auf das kulturelle Erbe Europas auswirken, das sich ohnehin schon in einer prekären Lage befinde.

  • Er sei kein Christ, müsse aber anerkennen, dass seine Welt diejenige sei, „die durch den Gott der Christen ermöglicht wird“. Die Geschichte Frankreichs habe nicht mit der Erklärung der Menschenrechte begonnen. Das Christentum habe „eine Zivilisation geformt, die mir gehört und die ich lieben und verteidigen kann“.
  • Es sei Teil der „Genialität des Christentums“, dass es ihm im Rahmen einer langen historischen, spirituellen und sakralen Tradition gelungen sei, das Heilige in Form von Symbolen, Ritualen, und Gebeten auszudrücken, die zusammen in der tridentinischen Messe zu einem Gesamtkunstwerk vereint worden seien. Dieses habe die gesamte europäische Zivilisation befruchtet.
  • Die Einschränkung der Feier der tridentinischen Messe sei Ausdruck eines Geistes, der „jegliche Heiligkeit und Transzendenz zugunsten einer Moralisierung ablehnt“, welche Bruchlinien innerhalb der Kirche laufend weiter vertiefe und sich dabei ausgerechnet gegen einen ihrer lebendigsten Teile wende.

Da die tridentinische Messe das ursprüngliche Zentrum der europäischen Zivilisation darstelle, werde das Projekt der „Abschaffung des Heiligen und des Transzendenten“ durch die „Verweltlichung des Ritus“ der gesamten durch das Christentum inspirierten Kultur schaden, weil es ihre Bindung an das Heilige und Transzendente schwäche.1

Hintergrund

Onfray ging in seiner 2018 in deutscher Übersetzung erschienenen Analyse der Lage der abendländischen Kultur davon aus, dass Kulturen  wie Kristalle um einen Kern herum entstehen. Im Fall der abendländischen Kultur sei das Christentum bzw. Jesus Christus dieser Kern. Um ihn herum seien eine Religion und Theologie und um diese herum Kunst, Recht und Vorstellungen sozialer Ordnung entstanden.

Unterschiede zwischen den Kulturen seien die Folge der unterschiedlichen Prinzipien, die sie formen und welche die Dinge, denen sie begegnen, in ihre Form zwingen würden:

„Eine Kultur schöpft ihre Kraft stets aus der Religion, von der sie legitimiert wird. Ist die Religion im Aufstieg begriffen, erblüht auch die Kultur. Ist sie im Niedergang, verfällt auch die Kultur und geht am Ende sogar unter.“2

Die christliche Kultur Europas befinde sich laut Onfray „im Endstadium ihres Niedergangs.“ Die große Zeit des Christentums, von der Kathedralen und Klöster zeugen würden, sei seit langem vorbei. Vom Christentum seien nur eine „ermattete Religiosität“ und ein „sirupartiger Humanismus“ übrig geblieben. „Unser jüdisch-christliches Europa“ befinde sich „am Ende seines Weges“ und „in einer Übergangszeit: in der zwischen dem Ende des Judäo-Christentums und dem Anfang von dem, was sich bislang erst unscharf abzeichnet“, nämlich eine „Zivilisation am Ende aller Zivilisationen, auf die wir uns als Menschheit naiv und verantwortungslos zuzubewegen scheinen“.

Eine der Ursachen dafür sei die Entchristianisierung des Christentums von innen. Insbesondere die katholische Kirche habe als Antwort auf die Herausforderungen der Moderne seit den 1960er Jahren die „Zerstörung des Heiligen“ betrieben und ein „Massaker an der Transzendenz“ verübt:

„Im Versuch, die Menschen an Gott heranzuführen, erreichte das Zweite Vatikanische Konzil genau das Gegenteil. […] Es scheint, als habe das Konzil im Versuch, ein Heilmittel zu bieten, die Krankheit noch verschlimmert. Es machte Gott zum Duzpartner, den Priester zum Kumpel, […] die geheimnisvolle Transzendenz zu einer schlichten Immanenz und die Messe zu einer Inszenierung, die an eine Fernsehsendung erinnerte. Es stattete die Rituale mit aktuellen Songs oder naiver Kunst der Gläubigen aus, machte aus der Botschaft Christi ein Gewerkschaftstraktat, aus der Soutane eine Theaterkostümierung und erklärte die anderen Religionen für gleichwertig mit dem Christentum. Damit beschleunigte die Kirche eine Bewegung, die letztlich ihren Untergang bedeuten sollte.“

Spät- und Postmoderne seien mit einem durch diese Entwicklung begünstigten „Prozess der Entchristianisierung“ verbunden und von einer „nihilistischen Gottheit“ bzw. von der Idee geprägt, „dass wir uns befriedigen müssen, egal auf wessen Kosten“. Dies sei der „kategorische Imperativ der liberalen Konsumgesellschaft und der Führungsriegen der totalitären Regime“ sowie der neomarxistischen 68-Bewegung und dem durch sie vorbereiteten Neoliberalismus gleichermaßen. Diese drängen in das kulturelle Vakuum ein, die das schwächer werdende Christentum hinterlasse, und zerstörten zunehmend das, was vom Erbe Europas noch übrig sei. (FG3)

Quellen

  1. Michel Onfray: „‚Ite missa est'“, Le Figaro, 19.07.2021, S. 18.
  2. Michel Onfray: Niedergang. Aufstieg und Fall der abendländischen Kultur – von Jesus bis Bin Laden, München 2018, S. 21.