Michel Houellebecq: Der Selbstmord der Moderne

Caspar David Friedrich - Abtei im Eichwald (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Schriftsteller Michel Houellebecq gilt als einer der bedeutendsten Kulturkritiker der Gegenwart. In einem jetzt in der Wochenzeitung „Welt am Sonntag“ veröffentlichten Aufsatz schreibt er über den „Selbstmord der Moderne“, der nicht nur westliche Gesellschaften betreffe.1

Er teile angesichts der gegenwärtigen Entwicklung die Wahrnehmung des Philosophen Blaise Pascal, der gesagt habe: „Ich schaue in alle Richtungen, und ich sehe überall nur Dunkelheit“. Die gegenwärtige Lage beinhalte nichts, „was nicht Anlass zu Zweifel und Unruhe“ wäre:

  • Als eine Reihe früherer französischer Generale vor einigen Monaten in einem offenen Brief vor größeren Verwerfungen in Frankreich warnten, habe man sich zwar verbreitet darüber empört, aber kaum jemand habe noch der Annahme der Generale grundsätzlich widersprochen, „dass Frankreich kurz vor dem Zusammenbruch steht“.
  • Das „wichtigste Thema, da es nicht nur eine Verfallserscheinung, sondern der Verfall selbst ist – der Verfall in seinem innersten Wesen“, sei die demographische Krise, die nicht nur Frankreich, sondern alle modern geprägten Staaten in Europa und Asien erfasst habe.
  • Diese Krise werde nicht durch äußere Kräfte verursacht, sondern habe innere Ursachen. Man habe es nicht nur mit einem „westlichen Selbstmord“ zu tun, sondern „mit einem Selbstmord der Moderne“. Die „unvermeidliche Folge dessen, was wir Fortschritt nennen (auf allen Ebenen: wirtschaftlich, politisch, wissenschaftlich, technologisch), ist Selbstzerstörung“.

45 Prozent der Franzosen würden in Meinungsumfragen angeben der Ansicht zu sein, dass die beschriebene Entwicklung in einen Bürgerkrieg münden werde. Ein solcher Bürgerkrieg sei jedoch unwahrscheinlich:

„Zum Krieg gehören immer zwei. Werden die Franzosen zu den Waffen greifen, um ihre Religion zu verteidigen? Sie haben schon seit geraumer Zeit keine Religion mehr, und ihre frühere Religion ist eine, bei der man seine Kehle dem Schlachter anbietet.“

Ein Krieg der Franzosen „zur Verteidigung ihrer Kultur, ihrer Lebensweise, ihres Wertesystems“ sei nicht nur aufgrund des mangelnden Willens der meisten Franzosen unwahrscheinlich, sondern auch, weil unklar geworden sei, was diese Kultur ausmache.

Bewertung und Hintergrund

Weitere Gedanken Houellebecqs zu Fragen von Gesellschaft und Religion haben wir hier vorgestellt. Den offenen Brief ehemaliger französischer Generale und anderer Offiziere, auf den Houellebecq sich bezieht, hatten wir hier besprochen.

Aus den Schriften Houellebecqs geht hervor, dass er zwar Atheist, aber kein Gegner des Christentums ist, wie der oben erwähnte Satz über die Religion, die ihre „Kehle dem Schlachter anbietet“, vermuten lassen könnte. So wie der atheistische Philosoph Michel Onfray hofft Houellebecq scheinbar, dass es einem traditionellen Christentum vielleicht noch gelingen könnte, eine kulturelle Erneuerung Frankreichs zu bewirken.

Beispiele wie der in diesen Tagen innerhalb kürzester Zeit erfolgte Zusammenbruch des afghanischen Staates (der seinen Feinden militärisch überlegen war) oder auch der Zusammenbruch des kommunistischen Herrschaftsbereichs 1989 zeigen, wie rasch sich gesellschaftliche Zusammenbrüche vollziehen können, wenn nicht mehr hinreichend Menschen vorhanden sind, die dazu bereit sind, ein Gemeinwesen und seine Ordnung zu verteidigen oder an ihnen unter Druck festzuhalten.

Die Annahme, dass in westlichen Gesellschaften das Risiko solcher Zusammenbrüche zunimmt, ist kein Produkt der literarischen Phantasie Houellebecqs, sondern wird von Krisenforschern geteilt.2 Der Kulturgeograph Jared Diamond, der historische Beispiele für solche Zusammenbrüche untersuchte, definierte diese als „die Extremform des Niederganges“. In der Geschichte der Menschheit habe es solche Ereignisse immer wieder gegeben. Der Übergang zwischen Niedergang und Zusammenbruch habe sich dabei meist fließend gestaltet. Man müsse sich angesichts der Entwicklung des westlichen Kulturraums die „quälende Frage“ stellen, ob „ein solches Schicksal am Ende auch unsere eigene, wohlhabende Gesellschaft ereilen“ könne.3 (FG2)

Quellen

  1. Michel Houellebecq: „Der Selbstmord der Moderne“, Welt am Sonntag, 15.08.2021, S. 45.
  2. Luke Kemp: „Are we on the road to civilisation collapse?“, bbc.com, 19.02.2019.
  3. Jared Diamond: Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen, Frankfurt a. M. 2005, S. 15-18.