Martin van Creveld: Geistige Voraussetzungen kollektiver Selbstbehauptung in bewaffneten Konflikten

Carlo Crivelli - Der heilige Georg tötet den Drachen (Detail, Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Militärwissenschaftler Martin van Creveld lehrt an der Tel Aviv University und zählt zu den führenden Vertretern seines Fachs weltweit. In einem heute auf der Plattform Welt Online veröffentlichten Gespräch äußert er sich zu den kulturellen Faktoren, die es den Taliban ermöglicht hätten, sich in Afghanistan gegen ihre Gegner durchzusetzen.

  • Auf der tieferen Ebene des Konflikts in Afghanistan hätten die Taliban „die wichtigste Eigenschaft von allen“ gezeigt, „nämlich den Willen, für ihr Land, ihre Religion und ihre Traditionen zu kämpfen – insbesondere den Teil dieser Traditionen, der alles regelt, was mit Frauen zu tun hat“.
  • In „jeder Gesellschaft, die es je gegeben hat, sind Frauen (und Kinder) bei weitem das Wichtigste, was die Krieger haben und wofür sie kämpfen“. Jeder „Versuch von außen, sich an den Frauen und Kindern des Gegners zu vergreifen, wird daher zwangsläufig zu heftigstem Widerstand führen“.

Indem der Westen versucht habe, Afghanistan „den westlichen Feminismus aufzuzwingen“ habe man dazu beigetragen, „dass sich ein Großteil der einheimischen Bevölkerung, sowohl der männlichen als auch – oft genug – der weiblichen, mit Händen und Füßen wehren würde“.

Hintergrund und Bewertung

Zu den kulturellen Faktoren, die es den Taliban erlaubten, sich im Afghanistan-Konflikt durchzusetzen, hatte sich der Militärhistoriker Carter Malkasian zuletzt ähnlich geäußert wie van Creveld. Der Hinweis auf diese Faktoren ist nicht als Forderung misszuverstehen, dass westliche Gesellschaften sich kulturell den Taliban oder deren Vorstellungen zur Rolle der Frau anpassen sollten, sondern unterstreicht, dass der Wille zum Kampf für die eigene Heimat und Kultur universell zu den notwendigen Voraussetzungen der Selbstbehauptung in Konflikten gehört. Um sich gegen den militanten Islamismus zu behaupten, werden die Verteidiger Europas künftig einen stärkeren Willen benötigen, als ihn ihre Gegner in Afghanistan unter Beweis gestellt haben.

Van Creveld ist vor allem durch sein 1991 veröffentlichtes Werk „The Transformation of War“ bekannt geworden, das zu den bedeutendsten militärwissenschaftlichen Werke der vergangenen Jahrzehnte zählt. Er hatte hier die damals noch im Entstehen befindliche besondere Form der irregulären Kriegführung beschrieben, die später auch die Taliban in Afghanistan erfolgreich praktizierten. Er prognostizierte, dass diese Art der Kriegführung künftig weite Teile der Peripherie Europas prägen und eines Tages auch westliche Staaten direkt betreffen werde.1

2017 schrieb er, dass westliche Gesellschaften aus kulturellen Gründen nicht mehr Willens und in Folge dessen auch nicht mehr in der Lage dazu seien, sich in militärischen Konflikten zu behaupten. In künftigen Konflikten würden sie daher „zur leichten Beute für härtere Typen“ werden. George Orwell habe gesagt, dass die Menschen in einem Gemeinwesen nur deshalb sicher schlafen könnten „weil raue Männer bereitstehen in der Nacht, um jene zu töten, die uns schaden wollen“. Solche Männer stünden aber in immer geringerem Maße zu Verfügung, weil sie gesellschaftlich mittlerweile unerwünscht seien.2

Der durch van Creveld angesprochene, zur kollektiven Selbstbehauptung zwingend erforderliche Wille dazu, für das eigene Land und seine Kultur einzustehen, gilt dementsprechend in Deutschland allgemein als inopportun oder gar als verdächtig, weshalb er im politischen Leben kaum noch sichtbar ist:

  • Dies zeigt sich auch im aktuellen Umgang mit der Lage in Afghanistan durch die deutsche Politik und große Teile der Öffentlichkeit. Sicherheitspolitische Erwägungen, etwa die Analyse der Ursachen der eigenen Niederlage, die Bewertung der von einem durch die Taliban kontrollierten Afghanistan ausgehenden Bedrohungen und Risiken oder die Suche nach Optionen zur Eindämmung der damit verbundenen Herausforderungen, etwa irregulärer Migration, spielen hier praktisch keine Rolle.
  • Der Sicherheit des eigenen Gemeinwesens wird seitens der handelnden Akteure offenbar nur ein geringer Stellenwert beigemessen wird und der Wille dazu, in Konfliktsituationen für dessen Sicherheitsinteressen einzutreten, ist bei ihnen allenfalls schwach ausgeprägt. Umfragen, denen zufolge sich die Bereitschaft, sich persönlich an der militärischen Verteidigung des eigenen Landes zu beteiligen, in Deutschland weit unter dem globalen Durchschnitt liegt, stützen diese Annahme.

Außerdem werden in Deutschland sicherheitspolitische Bedrohungen und Risiken aktiv ausgeblendet. Ein Beispiel dafür ist ein aktueller Beitrag des Politikwissenschaftlers Julian Wucherpfennig, der die Wahrnehmung von Risiken im Zusammenhang mit irregulärer Migration aus Afghanistan in den Bereich irrationaler Ängste zu rücken versucht. Dazu weist er darauf hin, dass solche Migranten in Deutschland in einem Teilbereich der politisch motivierten Kriminalität, nämlich Terrorismus, bislang nicht auffällig in Erscheinung getreten sind.

  • Er blendet dabei jedoch die für die Risikobewertung relevante Tatsache aus, dass sich sowohl militante Islamisten als auch bekannte Straftäter unter den aus Kabul evakuierten Afghanen befinden und dass die Bundeswehr vor der Einreise nach Deutschland keine entsprechenden Überprüfungen durchführt. Da keine Rückführungen nach Afghanistan mehr stattfinden, werden diese Personen auf unbestimmte Zeit in Deutschland verbleiben, was mit Risiken für die öffentliche Sicherheit verbunden ist.
  • Vor allem aber blendet Wucherpfennig die Formen von Kriminalität aus, bei denen afghanische Staatsangehörige laut Angaben des Bundeskriminalamts seit 2015 als Tatverdächtige im Vergleich zur sonstigen Bevölkerung stark überrepräsentiert sind, und stützt seine Bewertung somit auf ein in den wesentlichen Punkten bis zur Unbrauchbarkeit verzerrtes Lagebild.

Hinter dieser Verzerrung stehen mutmaßlich nicht nur fachliche Defizite, sondern potenziell auch weltanschauliche Motive. Darauf deutet hin, dass Wucherpfennig bei jenen, welche die oben beschriebenen Risiken nicht ausblenden wollen, „Ressentiments gegenüber Ausländern“ vermutet.

Die Tatsache, dass solches Verhalten in Deutschland immer häufiger beobachten ist, deutet darauf hin, dass hier ein kulturelles Problem vorliegt. Immer mehr Menschen in relevanten Positionen hängen offenbar Weltanschauungen an, die sie blind für die Lage machen. Dies muss mittel- bis langfristig gravierende Folgen für die Sicherheit des Landes haben. (sw)

Quellen

  1. Martin van Creveld: The Transformation of War, London 1991, S. 324-325.
  2. Martin van Creveld: Wir Weicheier. Warum wir uns nicht mehr wehren können und was dagegen zu tun ist, Graz 2017, S. 189-190.