Marcel Bohnert: Die kulturellen Ursachen der deutschen Niederlage in Afghanistan

Gustave Doré - Enigma (gemeinfrei)

Die aktuellen Ereignisse in Afghanistan unterstreichen das Scheitern des Einsatzes der Bundeswehr dort. Bereits 2017 hatte Marcel Bohnert, der als Oberstleutnant im Generalstabsdienst der Bundeswehr dient, die kulturellen Ursachen dieses Scheiterns in seinem Buch „Innere Führung auf dem Prüfstand“ analysiert. Zu diesen zählt er vor allem „Strategielosigkeit“ und „Realitätsverweigerung“ in den politischen und militärischen Eliten Deutschlands 1 und fordert eine „ungeschminkte und transparente Bilanzdebatte“.2

Kulturelle Defizite auf gesellschaftlicher Ebene

Bohnert kritisiert, dass es in Deutschland keine echten sicherheitspolitischen und militärischen Debatten gebe:

  • In den vergangenen Jahrzehnten habe es einen „radikalen Moralwandel“ mit Bezug auf alles Militärische in Deutschland gegeben. Dieser habe der strategischen Kultur des Landes nicht gutgetan. 3 Wenn Soldaten sich als militärische Experten an Debatten beteiligten, komme es zu „pikierten Reaktionen“, und entsprechende Beiträge würden als „Einmischung Unzuständiger“ empfunden.4 Außerdem gebe es eine allgemeine „intellektuelle Überheblichkeit“ gegenüber allem Militärischem, die damit verbunden sei, dass man die Realität des Krieges nicht verstehe und keine angemessenen Folgerungen aus dem Geschehen ziehen könne.5
  • Vor allem im linken Spektrum werde allgemein versucht, „Zusammenhänge zwischen soldatischen Äußerungen und rechtem Gedankengut“ herzustellen, um Soldaten als Teilnehmer der Debatte zu diskreditieren.6
  • In Deutschland mangele es außerdem an Institutionen, die sich auf hohem Niveau mit militärischen und sicherheitspolitischen Grundfragen auseinandersetzten. Es gebe etwa keine einzige militärwissenschaftliche Fakultät.7

Kulturelle Defizite auf politischer Ebene

Die kulturellen Defizite in den politischen Eliten Deutschlands beträfen vor allem deren mangelnden Willen zu strategischem Denken. „Realitätsverweigerung und Schönfärberei“ sowie „Strategielosigkeit“ seien kennzeichnend für die deutsche Politik:8

  • Die Ziele des Einsatzes seien von Anfang an unklar gewesen. Die „überidealistischen Vorstellungen, mit denen sich Deutschland von Anbeginn in das Afghanistan-Engagement begab“, seien der Realität der Geschichte des Landes als „Friedhof der Supermächte“ nicht angemessen gewesen. Der Wunsch, Demokratie in einem ethnisch heterogenen Staat und Frauenrechte in einer konservativen muslimischen Gesellschaft durchsetzen zu wollen, sei außerdem unrealistisch gewesen. Man habe diese Ziele nicht auf Grundlage einer belastbaren strategischen Analyse gewählt, sondern weil man sie gegenüber der Öffentlichkeit für vermittelbar hielt.9 Das  „Narrativ von Demokratisierung und Wiederaufbau“ sei wirklichkeitsfremd gewesen. Man habe die Lage in Afghanistan nicht erkannt und auch nicht erkennen wollen.10
  • Zur Erreichung dieser Ziele habe es „nie eine umfassende und kohärente politische Strategie“ gegeben. Derart unzulängliche politische Vorgaben hätten es zudem nicht erlaubt, eine schlüssige militärische Strategie zu definieren.11 Angesichts der unterlassenen geistig-strategischen Vorbereitung und mangels einer realistischen Beurteilung der Lage habe der Einsatz einem „naiven Abenteuer“ geglichen.12
  • Das sicherheitspolitische Handeln der Bundesregierung sei bis heute inkohärent und von Widersprüchen zwischen internationalen Ansprüchen und nationalen Vorbehalten geprägt. Die maßgeblichen Dokumente, etwa das Weißbuch 2016, enthielten bis heute keine konkrete Antwort auf die Frage für welche sicherheitspolitischen Interessen Streitkräfte eingesetzt werden sollen.13

Außerdem herrsche in den politischen Eliten Deutschlands ein dysfunktionales Verhältnis zu allem Militärischen und Soldatischen vor:

  • Die Politik halte am falschen Ideal einer postheroischen Friedensarmee fest, die „kein Teil der Kriegführung“ sein dürfe.14 Man habe lange versucht, „das blumige Bild von Bundeswehrangehörigen als bewaffnete Entwicklungshelfer aufrecht zu erhalten“. Die Namen der Gefallenen und ihre Todesumstände seien gegenüber der Öffentlichkeit lange verschwiegen worden.15
  • Die politische Führung habe „wirklichkeitsfremde, juristisch fragwürdige und kämpfenden Truppenteilen kaum vermittelbare“ Einsatzregeln erlassen und entgegen den Erfordernissen der Lage über lange Zeiträume einen „Kampf mit angezogenen Zügeln“ verordnet, der eine „effektive Bekämpfung von Aufständischen verhindert“ und „Unruhe und Irritationen“ unter Soldaten ausgelöst habe, die lange nur  Selbstverteidigung Gewalt anwenden durften. Im Gefecht habe dies zu einer „gefahrvollen Verunsicherung“ geführt und eine „zögerliche Haltung“ erzeugt, die Aufständische ausnutzen konnten.16
  • Die politische Führung negiere bis heute „bewusst den Wesenskern und die Realität der soldatischen Profession“ und erwecke Eindruck das sich Staat davor schäme, der Öffentlichkeit „eine schlagkräftige Streitmacht“ zu präsentieren. Durch die „Betonung von Diversität und Vielfalt“ versuche man, ein betont unmilitärisches Bild der Bundeswehr zu vermitteln, der das „Image eines progressiven Unternehmens“ gegeben werden solle. Die damit verbundenen Versuche, die Identität der Streitkräfte zu verschleiern, seien „beleidigend“ für idealistische Soldaten „die sich des existenziellen Ernstes ihres Berufsfeldes bewusst sind“.17
  • Die damalige Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen habe nach eigenen Worten einen „Säuberungs- und Reinigungsprozess“ betrieben, um ein Traditionsverständnis durchzusetzen, das wenig „Gespür für die Bedürfnisse der Truppe“ und keine Vorbilder für soldatisches Handeln in Extremsituationen beinhalte.18

Kulturelle Defizite in der Bundeswehr

So wie die politischen Eliten verweigere sich auch die höchste Ebene der militärischen Führung allem Soldatischen; insbesondere der Tatsache, dass die Bundeswehr eine Organisation sei, „in der Menschen zum Kämpfen und Töten ausgebildet werden“ müssten:19

  • Die Erfahrungen des Einsatzes zeigten, dass Soldaten „geistig und praktisch auf das Kampfgeschehen vorzubereiten“ seien. Eine „mentale Ausrichtung deutscher Streitkräfte auf den Kampf“ sei in der militärischen Führung jedoch unerwünscht. Als Fallschirmjäger gefallenen Kameraden mit dem traditionellen Motto „Treue um Treue“ gedachten, habe man dies verboten.20
  • In der geistigen Auseinandersetzung mit Grundfragen des Soldatischen habe sich die Bundeswehr zurückentwickelt. Die aktuelle Dienstvorschrift bleibe inhaltlich hinter den Originaltexten der Väter der Inneren Führung zurück, die „in weiten Teilen packend“ und in „klarer militärischer Sprache“ verfasst worden seien. Die aktuellen Texte seien hingegen von dem Wunsch geprägt, „soldatisches Pathos zu vermeiden“.21

Die militärische Führung habe die Realität des Einsatzes überwiegend nicht zur Kenntnis nehmen wollen und sich allen Lernprozessen verweigert. Außerdem gebe es in der Kultur der Bundeswehr einen „Kritikfilter“, der zu einer „fatalen Verkennung der Wirklichkeit“ geführt habe:

  • In der Führung habe „Blindheit gegenüber den Veränderungen der Sicherheitslage während der Mission“ vorgeherrscht, auch als dort längst eine „Kriegsrealität“ eingetreten war. Man habe sich der „Illusion eines ‚Smile and Wave‘-Einsatzes“ hingegeben, in dem Soldaten „vor allem Schulen bauten und Brunnen bohrten“, und sei den „antiquierten Denkmustern der ‚Friedensarmee‘“ verhaftet geblieben.
  • Die „vorherrschende Kultur der Bundeswehr war offensichtlich darauf ausgerichtet, den Wunsch der Politik zu erfüllen, die ‚Defensiv-Legende‘ zu nähren und den unpopulären Eindruck eines Krieges zu vermeiden“.
  • Rückmeldungen aus dem Einsatz hätten höchste Entscheidungsträger meist nicht erreicht, denn diese hätten „oft angepasste Meldungen erwartet und wer ungeschönt berichtete, musste damit rechnen, als Querulant abgestempelt zu werden“.
  • Viele Soldaten hätten sich dem angepasst, um unangenehme Fragen zu vermeiden oder mit jeder Hierarchiestufe immer positivere Meldungen abgegeben, bis die Probleme nicht mehr erkennbar waren. Oft habe es an „Mut und Willen zur Offenheit und Ehrlichkeit gegenüber Politikern und höheren Vorgesetzten“ gefehlt.22
  • Die Bundeswehr habe sich von den guten Traditionen der deutschen Militärgeschichte abgewandt und die negativen Eigenschaften ziviler Organisationen übernommen. Kritisches Denken, Innovation, begründeter Widerspruch, und das Hinterfragen politischer Entscheidungen stießen in der Armee auf Ablehnung, während ideologische Anpassung gefördert werde.23
  • Bis heute reflektiere die Bundeswehr die Erfahrungen des Einsatzes nur unzureichend und lerne nicht aus den begangenen Fehlern.24

Gegenüber der Öffentlichkeit vermittele man kein „glaubhaftes Bild des soldatischen Tuns“ 25 und spreche daher häufig ungeeignete Interessenten für den Dienst in der Bundeswehr an:

  • Nachwuchs suche man mit „Werbespots, in denen keinerlei Bezüge zum soldatischen Wesenskern erkennbar“ seien.26. Man versuche auch hier, „jegliches heroisches Pathos zu vermeiden und sich als weitgehend ‚normaler‘ Arbeitgeber zu präsentieren“.
  • Es sei „sehr gewagt“ vor allem diejenigen als Soldaten gewinnen zu wollen, die sich vor allem für einen sicheren Arbeitsplatz mit flexiblen Arbeitszeiten interessierten.
  • Es sei zudem fraglich ob Soldaten, „die sich als Arbeitnehmer wie jeder andere oder gar als Verwaltungsbeamte verstehen, in existenziell bedrohlichen Situationen bestehen können“. Dieses Soldatenbild schrecke außerdem diejenigen ab, die man in Kampfeinsätzen am dringendsten brauche.27

Hintergrund und Bewertung

Der rasche Zusammenbruch des afghanischen Staates vor einigen Tagen stellt insbesondere auch eine Niederlage der Bundeswehr dar, in deren ehemaligem Verantwortungsbereich die dort zuvor kaum präsenten Taliban besonders frühe und weitreichende Erfolge erzielen konnten.

Die von Bohnert angesprochenen Defizite traten nach dem endgültigen und katastrophalen Scheitern des Afghanistan-Einsatzes noch deutlicher hervor:

  • Eine Debatte über die Ursache dieses Scheiterns und die nötige Konsequenzen findet weiterhin nicht statt. Die Politik nähert sich dem Thema immer noch nicht aus einer strategischen Perspektive und fragt nicht nach dem Gemeinwohl in Form nationaler Sicherheitsinteressen und nach Bedrohungen für diese (im konkreten Fall Afghanistans Terrorismus, irreguläre Migration und Organisierte Kriminalität) oder sucht nach realistischen Strategien zu deren Eindämmung. Stattdessen hält man an der ideologischen Hybris fest, die für die unrealistischen Ziele des Einsatzes mitverantwortlich war, und stellt Fragen in den Vordergrund, die für die äußere Sicherheit Deutschlands irrelevant sind. Dazu zählt das Thema Frauenrechte, wobei die große Mehrheit der Afghanen an diesem Thema offensichtlich kein Interesse hat.
  • Außerdem wurde die Lage in Afghanistan bis zuletzt falsch beurteilt, wobei Lageberichte der deutschen Botschaft offenbar ignoriert wurden. Für die Sicherheit deutscher Staatsbürger dringend erforderliche Entscheidungen wurden zudem aufgrund mangelnder Entschlusskraft und mangelndem Lagebewusstsein der Verantwortlichen so lange hinausgeschoben, dass eine rasche Evakuierung aus Kabul nicht mehr möglich war. Noch kurz zuvor hatte die Verteidigungsministerin erwogen, das besonders für das aktuell in Afghanistan drohende Szenario der Geiselnahme deutscher Staatsbürger ausgebildete Kommando Spezialkräfte der Bundeswehr aufzulösen. Während des Höhepunktes der Krise befand sie sich im Saarland, um an einem Flammkuchenbacken teilzunehmen.
  • Eine toxische Organisationskultur prägt zunehmend das für das Krisenmanagement federführend verantwortliche Auswärtige Amt, das in den vergangenen Jahren Faktoren wie Geschlecht, Abstammung und politische Orientierung in der Personalauswahl und -Förderung über die fachliche Qualifikation stellte. Vielen der immer häufiger militäraversen Mitarbeiter fehlt jegliches Grundverständnis für harte Sicherheitsfragen.
  • Die Maßnahmen der Bundesregierung konzentrieren sich neben der Evakuierung deutscher Staatsangehöriger darauf, möglichst viele Gegner der Taliban außer Landes zu bringen, darunter viele Männer im wehrfähigen Alter. Dadurch schwächt man den beginnenden Widerstand gegen die Taliban, der sich u. a. im Pandschir-Tal formiert. Die Option, jene Afghanen zu unterstützen, die gegen die Taliban kämpfen, wird von der Bundesregierung offenbar nicht in Erwägung gezogen. Statt dessen ermutigt man Afghanen zur Flucht und stärkt dadurch nicht nur die Taliban, sondern fördert auch irreguläre Migration und die mit ihr verbundene Organisierte Kriminalität, was mit Risiken für Europa verbunden ist. Sicherheitspolitisch ist dieses Vorgehen kontraproduktiv.
  • Der Politikjournalist Robin Alexander bewertet den Umgang mit der Afghanistankrise durch die Bundesregierung als „Staatsversagen“, das vor allem eine Folge von Elitenversagen sei. Insbesondere der Außenminister und die Verteidigungsministerin seien für ihre Ämter offensichtlich nicht geeignet. Deutschland brauche daher „eine Debatte darüber, wie Personal für politische Spitzenämter rekrutiert wird“.

Die strategische Kultur Deutschlands erscheint vor dem Hintergrund des beschriebenen Geschehens als im Kern defekt und unfähig dazu, realistische Strategien für die Sicherheit des Landes und seiner Bürger zu formulieren und Streitkräfte vorzuhalten, die diesem Aspekt des Gemeinwohls angemessen dienen können. Sie erscheint auch als  unfähig dazu, Bedrohungen richtig zu erkennen und im Krisenfall richtig zu entscheiden. In der Kombination können diese Schwächen zu existenziellen Risiken führen, insbesondere falls Deutschland in Zukunft noch einmal unmittelbaren militärischen Bedrohungen gegenüberstehen sollte. Dass auch die größte militärische Niederlage in der Geschichte des Bundesrepublik diesbezüglich kein Umdenken auslöst, stellt ein ernstzunehmendes Warnsignal dar.

Es droht außerdem in Vergessenheit zu geraten, dass die Bundeswehr ursprünglich über ein robustes militärisches Ethos verfügte, das Wolf Graf von Baudissin und andere kriegserfahrene Offiziere auf der Grundlage der abendländischen Tradition entwickelt hatten. Dieses Ethos wurde von vielen Offizieren praktisch gelebt auch von den großen Teilen der politischen Eliten der frühen Bundesrepublik geteilt, denen es auf dieser Grundlage gelang, sich gegen die Bedrohung durch die Sowjetunion und den Warschauer Pakt zu behaupten. Wenn es darum geht, Antworten auf die von Bohnert beschriebenen kulturellen Defizite zu finden und die Resilienz des Gemeinwesens gegenüber den Herausforderungen zu stärken, denen es gegenübersteht, könnten Gesellschaft, Politik und Streitkräfte somit in ihrer eigenen Geschichte fündig werden. (sw)

Quellen

  1. Marcel Bohnert: Innere Führung auf dem Prüfstand. Lehren aus dem Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr, Hamburg 2017, S. 132.
  2. Ebd., S. 183.
  3. Ebd., S. 152.
  4. Ebd., S. 161.
  5. Ebd., S. 107-109.
  6. Ebd., S. 161.
  7. Ebd., S. 137.
  8. Ebd., S. 132.
  9. Ebd. S. 61.
  10. Ebd., S. 132.
  11. Ebd., S. 62
  12. Ebd. S. 109.
  13. Ebd., S. 183-184.
  14. Ebd., S. 132.
  15. Ebd., S. 99-101.
  16. Ebd., S. 97-98.
  17. Ebd., S. 128-129.
  18. Ebd. S. 177-181.
  19. Ebd., S. 129
  20. Ebd., S. 145-146.
  21. Ebd., S. 141-143.
  22. Ebd., S. 94-95.
  23. Ebd., S. 130.
  24. Ebd., S. 108.
  25. Ebd., S. 149.
  26. Ebd. S. 108-109.
  27. Ebd., S. 116-119.