Marcel Bohnert: Deutschlands Wehrkultur ist defekt

Józef Brandt - Die Schlacht von Wien (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Marcel Bohnert dient als Oberstleutnant im Generalstabsdienst der Bundeswehr. In einem Aufsatz im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ setzt er sich mit Mängeln im Bereich Wehrkultur in Deutschland auseinander. Die Kultur des Landes habe sich auf eine gefährliche Weise von allem Militärischen entfernt und blende militärische Realitäten zum Schaden des Gemeinwohls weitestgehend aus.1

Im Kampfeinsatz in Afghanistan habe er eine Realität erfahren, „die hierzulande bis heute großes Schaudern auslöst: Streitkräfte dienen der Androhung und Anwendung militärischer Gewalt“. Der Wesenskern des Berufs des Soldaten sei es, „kämpfen und töten können“. Von einer Armee müsse man erwarten, dass sie sich „am scharfen Ende des Berufes bewährt“. Der Wunschsoldat der deutschen Gesellschaft sei hingegen „lächelnd, hilfsbereit, waffenlos“:

  • Militärische Lebenswelten würden in Deutschland nicht in der Öffentlichkeit vorkommen. Auch für militärische Vorbilder oder Helden gebe es in der deutschen Gesellschaft keinen Raum mehr. Kaum jemand kenne die Namen der bislang 29 Träger des Ehrenkreuzes der Bundeswehr für Tapferkeit. Schon „die Nutzung militärischer Tugendbegriffe wie Ehre, Tapferkeit und Treue birgt die Gefahr, sich ins Abseits zu katapultieren“. „Militärische Leistungen“ zu erwähnen, lasse „zivile Gesprächspartner zusammenzucken“.
  • Alles Militärische werde durch „Verdrängungsrhetorik“ ausgeblendet. Der Krieg in Afghanistan und die gefallenen Soldaten hätten nicht als solche angesprochen werden dürfen. Von den Einsätzen der Bundeswehr habe man eine verklärte Vorstellung und stelle sich diese als eine Form der Entwicklungshilfe vor.
  • Als nach Medienberichten über Gefechte im Raum Kunduz ab 2009 die kriegerische Realität des Einsatzes nicht mehr geleugnet werden konnte, habe es in Deutschland „keine Solidarisierung mit der kämpfenden Truppe“ gegeben, sondern „selbstgefällige Äußerungen“ sowie „spürbare Überheblichkeit gegenüber allem Militärischen“ und „Nazi-Vorwürfe“.

Dies gelte auch für die Politik, welche die Soldaten in Einsätze entsendet. Dass keiner der verantwortlichen Politiker anwesend war, als die letzten deutschen Soldaten aus Afghanistan heimkehrten, sei ein „Symbolbild“ für den Zustand der deutschen Wehrkultur. Es müsse jedoch negative Auswirkungen auf die Sicherheit eines Gemeinwesens haben, wenn Soldaten den Eindruck gewännen, „für eine Gesellschaft den Kopf hingehalten zu haben, in der sie nun alleingelassen und als Fremdkörper wahrgenommen werden.“ Es sei daher an der Zeit, „das Verhältnis zu den Soldatinnen und Soldaten zu überdenken – zu jenen Frauen und Männern, die ihr Leben für Deutschland riskieren“.

Hintergrund und Bewertung

Marcel Bohnert gehört zu der sehr kleinen Zahl von aktiven Soldaten in Deutschland, die sich vor allem im „Jahrbuch Innere Führung“ (das im Miles-Verlag erscheint) mit den geistigen Grundfragen des Dienstes als Soldat auseinandersetzen und dabei den Zweck der Institution der Streitkräfte, nämlich die Verteidigung eines Staates gegen äußere Bedrohungen, in den Vordergrund stellen.

In einem früheren Aufsatz hatte Bohnert als Folgerung aus den Erfahrungen der Kampfeinsätze etwa gefordert, „soldatische Härte“ sowie „Geschlossenheit“ in den den Streitkräften wieder stärker in den Vordergrund zu stellen:

  • „Soldatische Härte“ sei eine „wesentliche Voraussetzung dafür, dass sie auch unter den Härten der Einsatzrealität bestehen können“. Wenn es „eine unbestrittene Lehre des Kampfeinsatzes in Afghanistan gibt, dann diese“. Wer dies verkenne, sei „in einem neuen Sinne ewig gestrig“, weil er sich der militärischen Realität verschließe. Eine „pauschale Verteufelung jeglicher Härte wäre in jedem Falle ein Fehler, der sich in den wieder zunehmenden Auslandseinsätzen unserer Soldatinnen und Soldaten bitter rächen wird“.
  • Auch „wenn es politisch nicht opportun klingt und mit institutionalisierten Tabus in der Außendarstellung der Bundeswehr bricht“, so zeige die Praxis zudem, „dass es Grenzen der Diversität“ gebe. „Kampfgemeinschaften können im Ernstfall nur dann effektiv funktionieren, wenn sie eine starke Bindung und Geschlossenheit entwickeln“. Er wie in diesem Zusammenhang auf die Bedeutung von militärischen Traditionen und „Korpsgeist“ hin.2

Vermutlich wegen seiner Bereitschaft dazu, den antimilitärischen Konsens in Deutschland herauszufordern, wurde Bohnert kürzlich zum Ziel einer Kampagne öffentlich-rechtlicher Medien, deren Akteure mutmaßlich Verbindungen ins linksextreme Milieu hatten.

Ähnliche Kritik wie Bohnert hatte kürzlich auch der Militärhistoriker Sönke Neitzel vorgebracht. Der Zustand der deutschen Streitkräfte habe einen historischen Tiefpunkt erreicht. Im Fall eines militärischen Angriffs wäre Deutschland unfähig dazu, sich zu verteidigen. Die Ursache dafür sieht er in einem kulturell bedingten Unwillen der Deutschen zur Auseinandersetzung mit Sicherheitsfragen sowie einer allgemeinen Aversion gegenüber allem Militärischen.

Gerhard Schindler, der bis 2016 als Präsident des Bundesnachrichtendienstes diente, beobachtete ebenfalls eine defekte Sicherheitskultur in Deutschland. Hans-Georg Maaßen, der zuletzt als Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz diente, sprach sogar von einem „Frontalangriff auf Bundeswehr und Polizei“, der das Ziel habe, tragende Institutionen des Gemeinwesens zu diskreditieren. Der Politikwissenschaftler Heinz Theisen diagnostizierte außerdem einen allgemeinen Mangel an Realismus in der deutschen Sicherheitspolitik. Das „Erkennen des Feindes“ sei die „wichtigste Aufgabe der Politik“. In Europa drohe jedoch die Fähigkeit zur „Unterscheidung zwischen Feind und Freund und sogar schon zwischen Eigenem und Fremdem verloren zu gehen“.

Die von Bohnert und anderen angesprochenen Defizite betreffen somit nicht nur die Wehrkultur in Deutschland, also das Verhältnis der Kultur zum Militärischen, sondern auch die strategische Kultur bzw. ihr Verhältnis zu Fragen der äußeren Sicherheit. Mängel in diesem Bereich trugen dazu bei, dass deutsche Soldaten seit rund 20 Jahren in Einsätze entsendet werden, die keinen relevanten Bezug zur äußeren Sicherheit Deutschlands haben. Sie trugen auch dazu bei, dass die Bundeswehr in einen Zustand geriet, in dem sie nicht mehr zur Verteidigung Deutschlands in der Lage wäre. Trotz des Scheiterns des Afghanistan-Einsatzes findet eine entsprechende Debatte in Deutschland bislang jedoch nicht statt. Beide Themen, die Mängel im Bereich Wehrkultur und die Mängel im Bereich der strategischen Kultur, werden daher in einer künftigen Publikation vertieft untersucht werden. (FG4)

Quellen

  1. Marcel Bohnert: „Ich war in einem Krieg, den es nicht geben durfte“, Der Spiegel, Nr. 32 (07.08.2021), S. 24-35.
  2. Marcel Bohnert: „Über Korpsgeist und Kampftruppen“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.04.2017, S. 8.