Heinrich August Winkler: Folgerungen aus dem Scheitern des Afghanistan-Einsatzes

Die Mauern Konstantinopels - Aus dem Luttrell-Psalter, 14. Jhd. (gemeinfrei)

Der Historiker Heinrich August Winkler lehrte zuletzt an der Humboldt-Universität zu Berlin. In einem in der Tageszeitung „Die Welt“ erschienenen Gespräch formuliert er Lehren aus dem Scheitern des Afghanistan-Einsatzes. Er plädiert für eine stärkere Anerkennung der Bedeutung kultureller Unterschiede zwischen dem christlich-abendländischen und dem islamischen Kulturraum, mehr sicherheitspolitischen Realismus, wirksamere Maßnahmen zur Eindämmung irregulärer Migration und die Beschränkung militärischer Einsätze auf die unmittelbare Abwehr von Bedrohungen.1

Die Niederlage in Afghanistan sei „ein Desaster für den gesamten transatlantischen Westen“. Sie sei eine Folge der „Irrtümer der ersten Stunde“ bzw. einer defekten strategischen Kultur. Deutschland müsse sich jetzt wie alle westlichen Staaten „selbstkritisch mit seinen Fehleinschätzungen und Irrtümern befassen“.

Es habe sich als grundsätzlicher Fehler herausgestellt, bei der Planung des Einsatzes die kulturellen Unterschiede zwischen christlich-abendländischer und islamisch-afghanischer Kultur zu ignorieren:

  • Man habe etwa die Tatsache verdrängt, dass die westliche Rechtsstaats- und Demokratiegeschichte „eine Jahrhunderte währende Vorgeschichte hat“, die bis in das Mittelalter zurückreiche. Die „für das Christentum grundlegende Ur-Trennung zwischen göttlichen und irdischen Gesetzen“ habe „in den islamisch geprägten Gesellschaften nicht stattgefunden“.
  • Der Versuch, den afghanischen Staat im Sinne westlicher Konzepte zu entwickeln, habe aufgrund dieser Unterschiede auf Widerstände stoßen und scheitern müssen. Die „Annahme, man könne ein sehr stark vom islamistischen Fundamentalismus geprägtes Land wie Afghanistan binnen weniger Jahre in eine westliche Demokratie verwandeln“, sei „naiv“ gewesen.

Vor allem in Deutschland gebe es zudem eine Tendenz zur Verdrängung geopolitischer Fragen, die eng mit politischem Moralismus verbunden sei. Diese habe dazu beigetragen, dass Deutschland in Bezug auf den Afghanistan-Einsatz keine sachgerechten Entscheidungen getroffen habe:

  • Man habe sich hier „sehr daran gewöhnt, dass für die ganz große Politik der große Bruder in Amerika sowie die ehemaligen westeuropäischen Besatzungsmächte und späteren Verbündeten zuständig sind“.
  • Andere hätten durch Pazifismus der Vergangenheit entkommen wollen. Der „Drang, Deutschland als ein Land mit einer höheren Moral zu präsentieren, als man sie den westlichen Verbündeten attestiert, hat etwas von einem neuen Nationalismus an sich“. Es gebe in Deutschland eine „Tendenz zur moralischen Selbstüberhöhung“.

Europa stehe wahrscheinlich einer weiteren Welle irregulärer Migration gegenüber. Die Politik dürfe jetzt die „Fehler von 2015 nicht wiederholen, als vieles von dem, was in Deutschland gesagt und getan wurde, wie eine Einladung an Migrationswillige wirkte, hierherzukommen“:

  • Vorrang haben müsse „die Unterstützung der Bürgerkriegsflüchtlinge in regional naheliegenden Ländern“. Eine „neue Flüchtlingswelle nach Europa würde schwere innenpolitische Konflikte auslösen“ und „die EU in eine neue Zerreißprobe stürzen“.
  • Es sei ein Fehler der politischen Linken gewesen, das sie den „Unterschied zwischen politischer Verfolgung und anderen Fluchtgründen verwischt“ habe. Eine „rechtliche und moralische Pflicht, Asyl zu gewähren“, bestehe „nur in den Fällen konkreter politischer oder religiöser Verfolgung“. Deutschland könne es sich nicht erlauben, „die Mühseligen und Beladenen dieser Welt im Sinne eines Bleiberechts für alle“ einzuladen, nach Deutschland zu kommen.

Eine weitere Folgerung aus dem Scheitern des Einsatzes sei es, den Einsatz von Streitkräften auf die Abwehr militärischer Bedrohungen zu konzentrieren. Rückblickend betrachtet „wäre es vernünftig gewesen, die Intervention in Afghanistan nach der militärischen Ausschaltung von al-Qaida abzuschließen“.

Hintergrund und Bewertung

In einem anderen vor wenigen Tagen veröffentlichen Gespräch kritisierte Winkler neokonservative Akteure, die sich in Bezug auf Afghanistan und den Irak „manche Illusion mit Blick auf die Umformbarkeit einer zutiefst traditionell geprägten Gesellschaft gemacht“ und „dem Wunschdenken hingegeben, sie könnten die Demokratie mit militärischen Mitteln […] dort einführen“. Man habe sich dabei „auf das Beispiel Deutschlands nach 1945 berufen, aber völlig übersehen, dass es in Deutschland rechtsstaatliche, demokratische und parlamentarische Traditionen gab“, die es im islamischen Kulturraum so nicht gebe. In Folge dieses Scheiterns sei „diese Art von westlicher Intervention wahrscheinlich hoffnungslos für alle Zeiten diskreditiert“. 2

Mit früheren Beiträgen Winklers zu Fragen von Politik, Kultur und Gesellschaft hatten wir uns hier auseinandergesetzt. Weitere Beiträge, welche Folgerungen aus dem Scheitern des Afghanistan-Einsatzes behandeln, können hier abgerufen werden.

Bereits bevor dieses Scheitern für die breitere Öffentlichkeit sichtbar wurde, hatte der Politikwissenschaftler Heinz Theisen Optionen europäischer Selbstbehauptung unter den Bedingungen der gegenwärtigen Lage analysiert. Seine Gedanken haben wir hier vorgestellt. 2013 schrieb Theisen etwa über „Selbstbegrenzung als Mittel der Selbstbehauptung“. Anstatt „sich in erfolglose Kämpfe in fremde Kultursphären zu verstricken“, müsse Europa eine „Entflechtung“ von diesen Sphären anstreben. In der „neuen multilateralen Weltunordnung können die Europäer nicht mehr als Weltpolizist auftreten, sie müssen sich selbst vor der vordringenden Unordnung schützen“. (FG4)

Quellen

  1. Marc Reichwein: „‚Die Irrtümer der ersten Stunde rächen sich'“, Die Welt, 21.08.2021, S. 25.
  2. Hans-Jürgen Deglow: „Weltgeschichte im Umbruch. Historiker Heinrich August Winkler über die Krisen unserer Zeit“, Heilbronner Stimme, 17.08.2021, S. 2.