Giuseppe Gracia: „Das Kämpfen und Beschützen bejahen“

Christlicher Ritter - Aus dem Psalter von Westminster (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

In einem heute in der „Neuen Zürcher Zeitung“ erschienenen Aufsatz tritt der katholische Autor Giuseppe Gracia dafür ein, maskulinen Idealen einen höheren gesellschaftlichen Stellenwert beizumessen. „Kämpfen, bezwingen, beschützen“ seien für das Gemeinwesen auch in der Gegenwart unverzichtbare Aufgaben, für deren Erfüllung es Männer brauche.1

Vielen Jungen würden „bereits in der Grundschule Eroberungsdrang und Kampfeslust ausgetrieben“, und maskuline Eigenschaften würden allgemein „problematisiert oder pathologisiert“. Es sei jedoch „falsch, Verachtung und Unterdrückung von Frauen mit maskulinem Verhalten an sich gleichzusetzen“. Eigenschaften wie „Kampfeslust und Eroberungsdrang“ seien „nicht grundsätzlich toxisch“. Wenn ein Mann dazu bereit sei, „für den Schutz und die Verteidigung der Schwachen den Kampf aufzunehmen, auch auf das Risiko hin, selber verletzt zu werden, oder ist ein Mann bereit, seine Stärke und Kraft für das Wohl der Familie einzusetzen, dann handelt es sich nicht um schlechtes, sondern um gutes männliches Verhalten“.

Schlechte Männer seien „nicht deswegen toxisch, weil sie zu maskulin auftreten und echte Kerle sein wollen, sondern weil sie sich weigern, gute statt schlechte Männer zu sein“. Ein guter Mann zu sein könne man jedoch nur lernen, wenn eine Gesellschaft über positive maskuline Ideale verfüge, nicht aber, „wenn die Gesellschaft Maskulinität überhaupt zum Problem erklärt“. Diese Ideale könnten nur durch Vorbilder vermittelt werden, „die das Kämpfen und Beschützen bejahen, wenn es dem Leben und der Gemeinschaft dient“. Diese Art von Maskulinität müsse im Interesse des Gemeinwohls gefördert werden. Als entsprechende Vorbilder kämen vor allen Väter in Frage, die „mit darüber entscheiden, wie der männliche Held des Alltags für die kommende Generation aussieht“, weil weil Jungen „zuerst von ihren Vätern lernen, was ein Mann ist, wie er sich benimmt“.

Hintergrund und Bewertung

Alle höheren Kulturen der Menschheit sind patriarchal organisiert. Sie beruhen auf der Anerkennung und Bejahung unterschiedlicher, sich gegenseitig ergänzender Geschlechterrollen und stellen besondere Forderungen an den Mann, dem sie besondere Pflichten auferlegen, weil sie davon ausgehen, dass es seine Berufung ist, dem Gemeinwesen in Erweiterung seiner natürlichen Rolle als Vater als Beschützer und Versorger zu dienen.2 Es wird hier als Auftrag des Mannes verstanden, einen Raum zu schaffen, in dem die ihm anvertrauten Menschen sicher sind, und diesen Raum zu verteidigen, Ordnung in ihm zu schaffen und diese aufrechtzuerhalten und sich für die Erfüllung seines Auftrags aus gesicherten Räumen hinaus in unsichere Räume zu begeben. Solange es Kämpfe zu bestreiten und harte Arbeit zu leisten gibt, so lange werden Gemeinwesen auch diesen Dienst von Männern benötigen.3 Die Anerkennung eines Mannes als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft daher in der Regel davon abhängig gemacht, dass er sich als tauglich für diese Berufung erweist.4

Der heroische Krieger stellt daher das universelle Ideal des Mannes dar. Tugenden wie Ehre, Treue, Pflichterfüllung, Gehorsam, Ausdauer, Härte, Selbstkontrolle, Kraft, Tapferkeit und Kameradschaft bilden zeit- und kulturübergreifend den Kern der Definition männlicher Identität.5 Nach Zeiten der Abwertung dieser Tugenden in langen Zeiten des Friedens kehren sie in schwierigen Zeiten meist wieder zurück. Dass diese Tugenden gegenwärtig in westlichen Gesellschaften als diskreditiert gelten, sehen andere Kulturen meist nicht als Ausdruck von Fortschritt, sondern als Zeichen von Schwäche an.6

Camille Paglia zufolge sei eine häufig in Verbindung mit der Idealisierung von Homosexualität verbundene Ablehnung von traditionellen Männlichkeitsidealen typisch für die Spätphase von Kulturen, die sich über die vermeintlichen Fesseln von Tradition und Natur erhaben gefühlt hätten, während sich an ihrer Peripherie Herausforderer formierten, die traditionellen Idealen folgten und später die Existenz der vermeintlich progressiveren Kulturen beendet hätten.7

Der fortschreitende Erkenntnisstand der Humanwissenschaften hat die Hypothese weiter untermauert, dass die patriarchale Ordnung die Folge natürlicher Geschlechterunterschiede ist.8 Gleichzeitig hat Maskulinität eine starke kulturelle Komponente und muss im Rahmen eines Bildungsprozesses erworben und geformt werden. David Gilmore zufolge ist Maskulinität „ein unsicherer […] Zustand, den sich Jungen gegen mächtige Widerstände erkämpfen müssen“. Männer könnten dabei auch scheitern. Es gebe daher viele Worte zur Bezeichnung des Zustands gescheiterter männlicher Identitätsbildung (etwa „weibisch“), aber kaum eines, das diesen Zustand bei Frauen beschreibe.9 Das christliche Menschenbild, wie es durch den Apostel Paulus dargelegt wurde, sieht in „Weichlingen“ (malakoi; das griechische Wort hat eine deutliche passiv-homosexuelle Konnotation, die in der katholischen Einheitsübersetzung betont wird) Produkte gescheiterter maskuliner Identitätsbildung.10 Der Mann sei zum vorbehaltlosen Dienst an Gott und am Nächsten berufen, und dazu tauge nur, wer „mannhaft“ sei.11

Die abendländische Kultur hat mit dem Konzept der Ritterlichkeit ein weltweit einzigartiges Ideal maskuliner Identitätsbildung geschaffen, das bis in die Gegenwart die Grundlage der patriarchalen Ordnungen des europäischen Kulturraums darstellt. Walther von der Vogelweide fasste dieses Ideal mit den Worten zusammen, dass der ritterliche Mann zugleich „stark und gütig“ sein müsse.12 Dieses Ideal fordert vom Mann vor allem „Zucht“, also emotionale und körperliche Selbstbeherrschung, die Unterwerfung der eigenen Leidenschaften und Willen und Vernunft, die Zurücknahme der eigenen Person im Dienst an einer größeren Sache sowie höfliche Rücksichtnahme gegenüber anderen Menschen.13 Hier haben wir uns ausführlicher mit diesem Ideal auseinandergesetzt. (FG1)

Quellen

  1. Giuseppe Gracia: „Toxische Männlichkeit ist ein irreführender Begriff“, Neue Zürcher Zeitung, 18.08.2021.
  2. David D. Gilmore: Mythos Mann. Rollen, Rituale, Leitbilder, München 1991, S. 245.
  3. Ebd., S. 254.
  4. Margaret Mead: Mann und Weib. Das Verhältnis der Geschlechter in einer sich wandelnden Welt, Frankfurt a. M./Berlin 1992, S. 171-172.
  5. Lionel Tiger: Warum die Männer wirklich herrschen, München 1972, S. 194-195.
  6. Sanimir Resic: „From Gilgamesh to Terminator: The Warrior as Masculine Ideal – Historical and Contemporary Perspectives“, in: Ton Otto et al. (Hrsg.): Warfare and Society, Aarhus 2006, S. 423-431, hier: S. 424.
  7. „Feminism: in conversation with Camille Paglia“, youtube.com, 04.11.2016, 41:00 ff.
  8. Steven Goldberg: Why Men Rule. A Theory of Male Dominance, Chicago/La Salle 1993, S. 64-65.
  9. Gilmore 1991, S. 11-12.
  10. 1 Kor 6, 9.
  11. 1 Kor 15,13.
  12. Zit. nach Gustav Ehrismann: „Die Grundlagen des ritterlichen Tugendsystems“, Zeitschrift für deutsches Altertum, Nr. 56 (1919), S. 137-216, hier: S. 157.
  13. Ebd., S. 151.