Führen durch dienen: Eine christliche Führungslehre

Il Guercino - Der ewige Vater (gemeinfrei)

In einer Zeit, in der die tragenden Institutionen des Gemeinwesens oft nur noch bedingt dazu in der Lage erscheinen, ihre Funktion zu erfüllen, kommt es auf Menschen an, in ihrem Verantwortungsbereich diese Institutionen von innen heraus regenerieren. Ein Beispiel dafür ist ein Kreis aus Unternehmern, Wirtschaftswissenschaftlern und Denkern, die im Bereich der Wirtschaft das Konzept der „dienenden Führung“ bzw. der servant leadership vermitteln wollen. Praktische Ansätze dazu hat dieser Kreis im kürzlich erschienenen Sammelband „Führen durch Dienen“ vorgestellt.1

Das Konzept der dienenden Führung beruht auf dem christlichen Menschenbild sowie auf Jahrhunderten der praktischen Erfahrung in der Anwendung. Bereits die großen Mönchsregeln beschreiben dieses Konzept, das sich überall dort, wo Gemeinschaften von Menschen unter schwierigen Bedingungen über lange Zeiträume hinweg Höchstleistungen erbringen müssen, bewährt hat. Dies gilt auch für Unternehmen. Zu den Autoren des Bandes gehören dementsprechend auch Führungskräfte von Familienunternehmen, die bereits sehr lange am Markt präsent sind.

Laut Hans Jürgen Arens hat sich gezeigt, dass Unternehmen, die dienend geführt werden, nachhaltiger und erfolgreicher sind als andere. Der Grund dafür sei, dass der Mensch „der allein entscheidende Faktor für den Wohlstand einer Nation“ sei und nicht das Kapital, das wirtschaftliches Handeln im Besten Fall ermögliche, selbst aber keine Leistung erbringe Wohlstand entstehe aus dem Zusammenwirken von Menschen mit unterschiedlichen, komplementären Fähigkeiten, weshalb es wesentlich auf das Thema Führung ankomme. Das gegenwärtig in den Wirtschaftswissenschaften vorherrschende Menschenbild des homo oeconomicus ignorieren diese Erkenntnis und habe zu einer „kranken Wirtschaft und Gesellschaft“ geführt.

Elmar Nass bezeichnet das Konzept des dienenden Führens als eine „christliche Führungskultur“ bzw. als eine Alternative zu gängigen Modellen, die nicht auf einem verkürzten Menschenbild beruhe und die daher wirklichkeitsgerechter sie als diese. Wer den Menschen „als Gottes Ebenbild und moralische Person“ betrachte und mit ihm einen „Weg zum Heil vor Gott zu finden und ihn auch zu gehen“ bereit sei, betrachte seine Mitarbeiter niemals nur als „eine austauschbare Humanressource“. Für solche Führungspersönlichkeiten sei der Mensch ein freies, zur Verantwortung in Gemeinschaft fähiges Individuum. Auf der Grundlage dieses Menschenbildes könne Großes auf gerechte und nachhaltige Weise geleistet werden. Bereits Aristoteles habe daher betont, dass es bei der Auswahl von Führungsnachwuchs vor allem auf den Charakter ankomme.

Zu dienen sei laut Arens in einer Zeit der Konzentration auf das eigene Ego jedoch in der Vorstellung vieler Menschen nicht mit positiven Assoziationen verbunden und stelle eine unterschätzte Möglichkeit der Lebenserfüllung dar. Rein fachlich betrachtet seien Führungskräfte heute qualifiziert wie nie zuvor, aber es mangele vielen von ihnen an der nötigen „Kraft, nicht nur dem eigenen Reichtum und der eigenen Macht zu dienen, sondern dem Ganzen auch dann, wenn es ein Zurückstellen des Selbst erfordert“. Denker wie Viktor Frankl (der im Band häufiger zitiert wird) hätten jedoch erkannt, dass der Mensch sich nur in dem Maße verwirklicht, in dem er sich dienend einer Aufgabe hingebe.

Dienendes Führen sei dabei vor allem „eine Lebenshaltung, eine Charakterfrage“ und beginne mit der bewussten Entscheidung des Menschen dazu, dienen zu wollen. Die Sorge von Menschen füreinander sei grundlegend für jede höhere Kultur. Wo es genügend zum Dienst bereite Menschen gebe, könnten diese im Sinne des christlichen Bildes wie ein Sauerteig in der Gesellschaft wirken und das Leben in einem Gemeinwesen für alle Menschen verbessern. Bereits eine kleine Zahl dienstbereiter Menschen mit großen Visionen könne ausreichen, um ganze Gesellschaften in diesem Sinne positiv zu verändern.

Die Art von Mensch, die dienende Führung in der Wirtschaft praktiziere, benötige neben dem Willen zu Dienen vor allem die folgenden Eigenschaften:

  • Am Beginn dienender Führung stehe Demut. Zu dieser Art von Führung sei fähig, wer seine Rolle in der Hierarchie des Kosmos richtig erkenne und sich von etwas Größerem in Dienst nehmen lasse.
  • Dienende Führungspersönlichkeiten würden aufgrund dieser Erkenntnis große Ziele kennen, zu deren Erreichung sie andere Menschen inspirieren und befähigen könnten. Die Erfahrung zeige, dass Menschen Persönlichkeiten folgten und nicht Plänen. Man erreiche sie, indem man ihnen Visionen und Träume vermittele, und bewirke dadurch, dass sie aus freier Zustimmung folgen.
  • Solche Führungspersönlichkeiten seien vor allem dazu in der Lage, sich selbst zu führen, und verlangten von anderen nicht mehr, als sie selbst zu geben bereit seien. Dies verleihe ihnen Autorität und ermögliche ihnen Erfolge, die ihre Autorität zusätzlich stärkten.

Dem biblischen Bild des guten Hirten entsprechend übernehme dienende Führung aus Liebe zum eigenen Auftrag und zum Nächsten Verantwortung für die Geführten und strebe nach deren Besten. Sie stärke Menschen und mache sie stärker, weiser und freier, so dass sie selbst zu Akteuren dienender Führung werden könnten.

Hintergrund

Weitere Informationen über das Konzept sind hier verfügbar. Die Autoren des im Beitrag vorgestellten Sammelbandes vermitteln dieses auch im Rahmen von Veranstaltungen.

Das Konzept des dienenden Führens hat sich nicht nur in der Wirtschaft bewährt, sondern durchzieht die gesamte christlich-abendländische Kultur und prägt die auf ihr beruhenden Institutionen.

  • Aristoteles schrieb, dass ein guter König „den Nutzen der Beherrschten“ anstrebt, während ein Tyrann nur an seinem eigenen Nutzen interessiert sei. Die Herrschaft des guten Königs beruhe auf Freundschaft gegenüber den Regierten. Seine Herrschaft bestehe darin, ihnen Gutes zu tun, „wenn er als ein Guter wirklich für sie sorgt, damit es ihnen gut geht, so wie der Hirte für seine Schafe sorgt“.2
  • Augustinus schrieb über gerechte Herrschaft, dass „nicht die Lust zu herrschen, sondern die Pflicht zu helfen“ und „nicht ehrgeiziger Hochmut, sondern fürsorgliches Erbarmen“ sie leiten würden.3
  • Ein guter Herrscher definiere sich laut Thomas von Aquin dadurch, dass er Herrschaft über eine Gesellschaft ausübt, „um ihrem Gemeinwohl zu dienen“4 Die Könige hätten ihre Autorität von Gott, und ein guter König sei „in der Ausübung seines Herrscheramtes über das Volk ein Diener Gottes.“5 Ein Herrscher, der das Gemeinwohl verachte, nach seinem persönlichen Vorteil suche oder im Amt seinen Leidenschaften folge, anstatt zu dienen, sei hingegen ein Tyrann.6

Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) betonte in diesem Zusammenhang, dass ein Christ in einer Verantwortungsposition „die Macht oder die Habe, die ihm gegeben ist, als einen Auftrag ansieht, um darin ein Dienender zu werden“. Christus selbst habe dies vorgelebt.7 (FG1)

Quellen

  1. Hans Jürgen Arens/Michael vom Ende (Hrsg.): Führen durch Dienen. Perspektiven, Reflexionen und Erfahrungen zur Praxis von Servant Leadership, Berlin 2021.
  2. Aristoteles: Nikomachische Ethik, Reinbek bei Hamburg 2006, S. 270-272 (Kapitel 13).
  3. Augustinus: Die Gottesbürgerschaft, Frankfurt am Main 1961, S. 281.
  4. Thomas von Aquin: Über die Herrschaft der Fürsten, Stuttgart 1971, S. 10.
  5. Ebd., S. 31.
  6. Ebd., S. 14 f.
  7. Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.): Gott und die Welt. Glauben und Leben in unserer Zeit, München 2005, S. 278.