Carter Malkasian: Die kulturellen Ursachen des Sieges der Taliban in Afghanistan

Saladin im Kampf gegen Guido von Lusignam in der Schlacht von Hattin

Der Militärhistoriker Carter Malkasian diente als amerikanischer Militärberater in Afghanistan. Die im Rahmen seiner Feldforschung gewonnenen Erkenntnisse verarbeitete er in seinem kürzlich erschienenen Werk „The American War in Afghanistan – A History“. Hier setzt er sich unter anderem mit den kulturellen Faktoren auseinander, welche die Taliban zu ihrem Sieg befähigten. Diese hätten sich erfolgreich auf den Islam als Quelle nationaler Einheit und Inspiration des Kampfes gegen nichtmuslimische Fremde gestützt, wodurch es ihnen gelungen sei, eine große Zahl von Afghanen zu mobilisieren und größere Opfer zu bringen als ihre Gegner.1

Das Identitätsverständnis der Taliban verbinde auf überlegene Art und Weise religiöse und nationale Komponenten. Ihrem Selbstverständnis nach, aber auch in der Wahrnehmung vieler Afghanen kämpften sie vor allem für religiöse Ziele sowie für die Verteidigung der islamischen nationalen Identität des Landes. Die Taliban nähmen diesen Kampf als religiöse Pflicht wahr, die unabhängig von den Erfolgsaussichten zu befolgen sei. Der Dschihad als religiös geforderter Kampf zur Verteidigung des Islam sei für sie nicht Ausdruck eines strategischen Kalküls, sondern Ausdruck ihrer Identität, während der durch den Westen unterstützte afghanische Staat korrupt und seine Sicherheitskräfte vor allem an persönlicher Bereicherung interessiert gewesen seien.

  • Die Taliban seien zuversichtlich gewesen, sich langfristig durchzusetzen, weil sie zutreffend davon ausgingen, dass ihre Gegner weniger opferbereit seien als sie selbst. Tatsächlich sei die Kampfmoral der Masse der afghanischen Sicherheitskräfte deutlich geringer gewesen als die der Taliban, obwohl die Kämpfer der Taliban schlechter bezahlt, versorgt, ausgebildet und ausgerüstet gewesen seien. Die von den Taliban gezeigte Opferbereitschaft habe auch ihre afghanischen Gegner beeindruckt.
  • Weil die afghanische Regierung sich auf nichtmuslimische Ausländer als Verbündete abgestützt habe, sei es ihr unmöglich gewesen, eine vergleichbare religiös-nationale Legitimation in den Augen der Afghanen zu erlangen. Ihre Versuche, sich islamisch zu legitimieren, seien aufgrund ihrer Abhängigkeit von Nichtmuslimen als unglaubwürdig wahrgenommen worden.
  • Die Präsenz von Ausländern in Afghanistan habe unter Afghanen Abwehrreflexe ausgelöst, weil sie als Angriff auf die eigene Ehre und islamische Identität wahrgenommen wurde. Es sei den Taliban auf Grundlage ihres Islamverständnisses gelungen, ein gewisses Maß an nationaler Identität und Einheit unter den ansonsten oft verfeindeten ethnischen Gruppen Afghanistans zu stiften. Die afghanische Regierung habe ihrerseits versucht, die Taliban als Fremde bzw. als Instrument der pakistanischen Regierung darzustellen. Dies sei wirkungslos geblieben, weil Pakistan aufgrund seiner islamischen Identität im Gegensatz zu westlichen Staaten als ein akzeptabler Unterstützer erschienen sei.
  • Die Taliban hätten auf der Grundlage ihrer religiös-nationalen Botschaft zudem besser Unterstützung in der afghanischen Bevölkerung mobilisieren können als ihre Gegner. Die vorliegenden Erkenntnisse deuteten darauf hin, dass die meisten der Afghanen, die die Taliban unterstützen, dies tun, weil die Taliban Afghanen und Muslime seien und weil sie den Dschihad kämpften. Auf große Teile der vollständig durch den Islam durchdrungenen afghanische Gesellschaft habe vor allem die betont islamische Identität der Taliban ansprechender gewirkt als die Botschaften ihrer Gegner.

Die Vorstellung, dass der Dschihad als religiös legitimierter Verteidigungskrieg ein notwendiges Mittel des Kampfes gegen äußere Feinde sei und dieses Mittel über viele Jahrhunderte hinweg den Afghanen geholfen habe, zahlreiche Versuche solcher Feinde abzuwehren, das Land unter ihre Kontrolle zu bringen, sei unter Afghanen sehr verbreitet. Dies erkläre über die Taliban hinaus die außergewöhnliche Resilienz religiös-national motivierter afghanischer Akteure und ihre Fähigkeit dazu, die Angriffe militärisch weit überlegener ausländischer Akteure abzuwehren.

Hintergrund und Bewertung

Mit den kulturellen Faktoren, die zum Scheitern des Afghanistan-Einsatzes beitrugen, hatten wir uns auch hier auseinandergesetzt.

Auf amerikanischer Seite habe man laut Malkasian die kulturelle Dynamik des Konflikts bis zuletzt nicht verstanden und auf technokratische Lösungen wie die Verbesserung der Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte oder Korruptionsbekämpfung gesetzt. Ein westlicher Sieg in Form der Schaffung eines Staates nach westlichem Vorbild sei aus den genannten Gründen jedoch unmöglich gewesen, was einzelne amerikanische Beobachter jedoch erst im Verlauf des Einsatzes erkannt hätten. Eine sinnvolle und realistische Alternative zu den unrealistischen Zielen des Einsatzes wäre es gewesen, sich auf die Bekämpfung der von den Kräften der Al-Qaida in Afghanistan ausgehenden Bedrohung zu beschränken.

Die Taliban haben in Afghanistan Nation-Building im eigentlichen Sinne betrieben, d. h. sie haben in einem heterogenen Umfeld hinreichend Einheit gestiftet, in dem sie eine auf einem (aus christlicher Sicht fehlgeleiteten) metaphysischen Prinzip beruhende Ordnung errichtet haben. Die in Afghanistan aktiven westlichen Staaten beanspruchten zwar für sich, ein solches Nation-Building zu betreiben, aber der von ihnen errichtete Staat blieb mangels einer metaphysischen Ordnungsvision kraftlos und wurde von korrupten Akteuren für ihre Zwecke instrumentalisiert. In keiner der Nationen des Westens verlief der Prozess der Nationenbildung so, wie er von westlicher Seite für Afghanistan geplant wurde.

Da andere islamistische Bewegungen ähnliche kulturelle Eigenschaften aufweisen wie die Taliban oder von diesen lernen könnten, sind die Beobachtungen Malkasians auch für andere Konflikte relevant, zumal der Sieg der Taliban islamistische Bewegungen weltweit in ihrer Erwartung bestätigen wird, sich langfristig gegen westliche Gegner durchsetzen zu können.

In den laufenden, aber auch in den künftigen Konflikten werden westliche Akteure zusätzlich vor der Herausforderung stehen, dass sich das in ihnen vorherrschende  Fortschrittsverständnis gegen die religiösen und nationalen Bindungen richtet, die ihren Gegnern in Afghanistan ihre überlegene Resilienz verliehen haben. Indem westliche Gesellschaften ihre religiös-kulturellen Grundlagen auflösen, werden sie zunehmend verwundbar gegenüber konfliktbereiten Gemeinschaften, die diese Grundlage bewahren oder aktiv stärken. Daraus können sich existenzielle Risiken im Fall des langfristig möglichen Szenarios ergeben, dass westliche Staaten islamistischen Akteuren auf dem eigenen Territorium in einer Verteidigungssituation gegenüberstehen könnten.

Gerhard Schindler, ein ehemaliger Präsident des Bundesnachrichtendienstes, hatte 2020 vor solchen Szenarien gewarnt. Er hob den aus seiner Sicht naiven und kurzsichtigen Umgang mit den entsprechenden Herausforderungen als Beispiel für die defekte Sicherheitskultur Deutschlands hervor. Amtskollegen anderer Nachrichtendienste hätten „ausnahmslos Fassungslosigkeit über die deutsche Vorgehensweise“ vor allem gegenüber irregulärer Migration gezeigt.2 Durch irreguläre Migration griffen Bedrohungen durch islamistische Akteure zunehmend auf Deutschland über. Viele der seit 2015 ins Land gekommenen Migranten würden hier absehbar scheitern, wodurch ein „ein riesiges Potenzial für Frust, für Radikalisierung und Rekrutierung, für Gewalt, auch für Terrorismus“ entstehe, das „für die Zukunft eine enorme Herausforderung für unsere Sicherheit“ darstelle.3 Man müsse „ernüchternd feststellen“ dass sich in ihrer Folge Parallelgesellschaften in Deutschland gebildet hätten, was „in vielerlei Hinsicht fatal“ für die Sicherheit des Landes sei.4 (sw)

Quellen

  1. Carter Malkasian: The American War in Afghanistan. A History, Oxford 2021, S. 328 ff.
  2. Gerhard Schindler: Wer hat Angst vorm BND? Warum wir mehr Mut beim Kampf gegen die Bedrohungen unseres Landes brauchen. Eine Streitschrift, Berlin 2020, S. 57.
  3. Ebd., S. 47-48.
  4. Ebd., S. 232.