Neue Publikation: Die Zukunft der Religion in säkularen Gesellschaften

Raffael - Die Schule von Athen (gemeinfrei)

Im September 2020 beteiligte sich das Institut an einer wissenschaftlichen Konferenz in der Erzabtei St. Ottilien, bei der Experten aus verschiedenen Disziplinen sowie verschiedener konfessioneller und religiöser Hintergründe unter anderem die Frage untersuchten, welchen Beitrag religiöse Akteure zur Bewältigung der Herausforderungen leisten können, denen säkulare Gesellschaften gegenüberstehen. Der Tagungsband ist jetzt im EOS-Verlag erschienen.

Die Religionen werden durch das Phänomen des Säkularismus und somit auch einer Profanisierung, insbesondere in der westlichen Welt, zunehmend herausgefordert. Sie laufen sogar Gefahr, verdrängt zu werden. Wie werden Menschen in Zukunft auf die Offenbarung Gottes und seinem Ruf antworten? Werden Individualismus sowie Materialismus zunehmen oder Menschen in anderen Formen spirituell bleiben? Wie kann oder sollte etwa die gesellschaftliche und somit auch politische Rolle der Religionsgemeinschaften aussehen? Können die Religionen in Zukunft gemeinsam ihre Stimme erheben, um menschliche Werte zu bewahren? Doch was ist das Phänomen der Religion oder des Heiligen überhaupt? Im jetzt veröffentlichten Band möchten die Autorinnen und Autoren aus unterschiedlichen religiösen Perspektiven heraus mögliche Antworten auf diese immer aktuellen und essenziellen Fragen aufzeigen, die nicht nur in Europa immer stärker in den Vordergrund traten.

Die Säkularisierungstheorie hat sich bislang nicht bestätigt. Auch wenn traditionelle Religiosität in Europa scheinbar im Schwinden begriffen ist, so ist doch die religiöse Natur der Menschen auch hier unverändert lebendig, was sich in einem oft vagen Bedürfnis nach Spiritualität oder in der religiösen Aufladung politischer Fragen äußert. In allen christlichen Konfessionen, aber auch im Islam existieren zudem äußerst vitale Strömungen, die nicht vermuten lassen, dass Religion als Phänomen aus Europa verschwinden wird. Offen ist hingegen die Frage, wie und in welcher Form Glaube und Religion Europa künftig prägen werden. Die Beiträge der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Konferenz versuchen diese Frage aus einer Vielzahl von Perspektiven heraus zu beantworten.

Nach einer Antwort auf diese Frage suchte aus der als Kopf der Weißen Rose bekannt gewordene Hans Scholl, der seine Famulatur in St. Ottilien absolvierte. Ausgelöst durch die Erfahrung des Zusammentreffens mit gläubigen Menschen aus anderen Regionen
der Welt erkannte er den Nihilismus als die Wurzel der Krise Europas. Er äußerte die Hoffnung, dass dieser Nihilismus nicht das letzte Wort haben werde, weil er irgendwann ausgebrannt sein würde. Er war überzeugt, dass dann „immer noch Hüter da“ sein würden, „die das Feuer entfachen und es von Hand zu Hand weitergeben, bis eine neue Welle der Wiedergeburt das Land überschwemmt“ und der „Wolkenschleier“, der Europa bedecke, zerrissen werde „von der Sonne eines neuen religiösen Erwachens“. Wer den Beiträgen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Konferenz folgen durfte, konnte den Eindruck gewinnen, dass die Hoffnung Scholls nicht unbegründet war.

Herausgeber des Bandes ist Christian Machek, der auch die Fachgruppe Politik und Gesellschaft des Instituts leitet. Der Band enthält die folgenden Beiträge:

  • Christentum und Säkularisierung – Neudefinitionen des Verhältnisses von Religion und ziviler Ordnung (Christian Machek)
  • Säkularisierung von Religion und ökonomische Entwicklung (Harald Bergbauer)
  • Heiligkeit – Relikt oder dauerhaftes Fundament? – Zwischen dem Sacrum und dem Profanum in der Kultur (Katarzyna Parzych-Blakiewicz)
  • Gott, Religion und Menschheit (Mohammed Ali Shomali)
  • Ein lutherischer Ausblick in ökumenischer und interreligiöser Perspektive (Corinna Mühlstedt)
  • Identität aus unverfügbarem Grund. Das unterscheidend und verbindend Universelle christlichen Glaubens (Harald Seubert)
  • Religion, Identität und Politik: serbisch-orthodoxer Standpunkt (Dušan Dostanić)
  • Die Frage nach Gott im modernen Denken. Eine phänomenologische Annäherung (Anna Varga-Jani)
  • Irrationalismus eines säkularen Geistes – die Popper-Bartley-Debatte (Aleksandar Novakovic)
  • Nur ein Gott, der nicht von dieser Welt ist, rettet (Michael Wladika)
  • Die integralistische Antwort auf die Säkularisierung (Edmund Waldstein)
  • Die Auflösung des Rechts- und Gerechtigkeitssinnes (Stefan Lakonig)
  • Zu viel Säkularität im Westen, zu wenig im Nahen Osten (Heinz Theisen)
  • Bruch und Restauration: Überlegungen zur politischen Zukunft des Christentums in Europa (David Engels)
  • Die Fähigkeit der göttlichen Religionen zur Humanisierung der Welt (Mohammed Ali Golestani)
  • Die Zukunft der Religion aus schiitischer Sicht (Taher Amini Golestani)
  • Was tun? – Rod Dreher und David Engels als Vordenker einer neuen christlichen Welthaltung im 21. Jahrhundert (Yannic Weber)
  • Perspektiven religiöser Erneuerung in westlichen Gesellschaften (Simon Wunder)

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