Axel Bojanowski: Klimaschutzdiskurse erschweren einen wirksamen Schutz vor Naturgefahren

Darstellung der Erde aus dem Liber Divinorum Operum, 12. Jhd. (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Geowissenschaftler und Wissenschaftsjournalist Axel Bojanowski warnt nach der Hochwasserkatastrophe in Westdeutschland in der Tageszeitung „Die Welt“, dass Klimaschutzdiskurse eine konstruktive Debatte über Umweltgefahren und die Ansprache der Faktoren, die maßgeblich zur Katastrophe beigetragen hätten, verhinderten. Die globale Erwärmung sei „hierzulande kein wissenschaftlich-technisches Thema mehr, sondern Teil eines gesellschaftlichen Kulturkampfes“. Die Dominanz dieses Diskurses trage dazu bei, dass der Staat bei der Aufgabe scheitere, seine Bürger angemessen vor Gefahren zu schützen.

  • Wer als politischer Entscheidungsträger einen Zusammenhang zum Klimawandel suggeriere, offenbare „Ignoranz“ bezüglich bekannter Wettergefahren und bringe damit eine „Ausrede“ zur „Entlastung von eigener Verantwortung“ vor. Anstelle von „Nächstenliebe gegenüber vom Wetter bedrohten Landsleuten“ werde „Fernstenliebe zur Schau gestellt“, wenn nun statt wirksamem Katastrophenschutz vor allem größere Anstrengungen beim Klimaschutz gefordert würden.
  • Es sei vor dem Hintergrund der vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse falsch, die Katastrophe auf den Klimawandel zurückzuführen oder zu behaupten, dass solche Vorfälle durch Klimaschutz verhindert werden könnten. Der Klimawandel stelle „ein ernstes Problem“ dar, eine langfristige Zunahme von Extremniederschlag sei in Deutschland bislang nicht erkennbar. Die in den vergangenen Tagen aufgetretenen Regenmengen sowie ähnliche Hochwasserkatastrophen habe es in Deutschland in gewissen Abständen immer schon gegeben.
  • Neben einem seltenen aber nicht ungewöhnlichen Wettergeschehen sei die Katastrophe maßgeblich durch das Versagen von Politik, Behörden und öffentlich-rechtlichen Medien begünstigt worden, die vorhandene Warnungen ignoriert oder nicht angemessen kommuniziert hätten. Zudem seien aus früheren Hochwasserkatastrophen keine angemessen Folgerungen gezogen worden.

Während in vielen Entwicklungsländern die Zahl der Toten durch extreme Wetterereignisse aufgrund von wirksamen Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung zurückgehe, scheitere Deutschland aus den genannten Gründen daran, „seine Bürger vor den im globalen Vergleich eher harmlosen Naturereignissen im eigenen Land zu schützen“.1

Hintergrund und Bewertung

Nach dem Beginn der Corona-Pandemie hatte Bojanowski kritisiert, dass die „Leidenschaft der Klimawandeldebatte“ eine „irrationale Komponente“ aufweise, was dazu geführt habe, dass „andere Naturgefahren von ähnlicher Dimension ignoriert“ würden. Dies gelte nicht nur für Pandemien, sondern auch andere Gefahren, die nicht moralisch aufgeladen werden könnten, „was sie weniger attraktiv macht für politische Profilierung als der Klimawandel mit seinen vielen Sündern.“2

Damit ein Gemeinwesen gegenüber Gefahren und Bedrohungen resilient ist, muss es die Lage richtig erkennen, in der es sich bewegt, und aus Erfahrungen im Umgang mit ihnen die richtigen Folgerungen ziehen:3

  • Die wahrscheinlichen Folgen der globalen Erwärmung für Deutschland sind nach Angaben des Umweltbundesamtes häufigere Dürren im Sommer sowie stärkere Niederschläge im Winter. Der Deutsche Wetterdienst hält zudem eine allgemeine Zunahme von bestimmten extremen Wetterereignissen künftig für möglich, erklärte jedoch, dass es „nicht haltbar“ sei, das aktuelle Hochwasser auf den Klimawandel zurückzuführen.
  • Unabhängig davon ob, es solcher Zusammenhang vorhanden ist, bestehen geeignete Maßnahmen zur Reduzierung von Risiken im Zusammenhang mit Naturgefahren vor allem in der Anpassung des Menschen an durch ihn mit den verfügbaren Mitteln kaum beeinflussbare Naturvorgänge.
  • Diese Anpassung wurde in Deutschland in den vergangenen Jahren offenbar bedingt durch die von Bojanowski kritisierte Veränderung der politischen Kultur bzw. aufgrund durch sie verursachter falscher politischer Schwerpunktsetzungen unterlassen. Laut Recherchen des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ gebe es deutliche Hinweise darauf, dass bei der Hochwasserkatastrophe in Westdeutschland das gesamte System des Bevölkerungsschutzes mit Ausnahme der Wetterwarnungen des Deutschen Wetterdienstes versagt hat.
  • Dieses Versagen habe sich laut Thomas Clemen, der die Bundesregierung in Fragen des Katastrophenschutzes berät, bereits im Vorfeld abgezeichnet. „Nahezu alle Übungen“ hätten damit geendet, „dass wir die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen haben“. Wenn es „in Deutschland hart auf hart kommt“ sei, „die Bevölkerung auf sich gestellt“. Die Infrastruktur des Bevölkerungsschutzes sei immer weiter abgebaut und Warnungen und Reformvorschläge seien ignoriert worden.

Der Unwille, Bedrohungen und Gefahren angemessen zu erkennen und diese Schwäche moralisch zu verbrämen, kann gravierende negative Folgen für eine Gesellschaft haben. Der Geograph Jared Diamond untersuchte historische Beispiele dafür, wie Staaten existenzielle Krisen bewältigt haben. Er betonte, dass dies nur dort möglich gewesen sei, wo Krisen überhaupt als solche wahrgenommen und erkannt worden seien. Nicht allen der durch den Autor untersuchten Gemeinwesen sei dies rechtzeitig gelungen, was wesentlich zu deren Scheitern beigetragen habe. Diamond zufolge gebe es eine destruktive Tendenz in der Natur des Menschen zur Überschätzung seiner eigenen Stärke sowie dazu, reale Krisen zu leugnen und Herausforderungen zu unterschätzen.4 (FG2)

Quellen

  1. Axel Bojanowski: „Unfassbare Ignoranz ermöglichte erst die Katastrophe“, Die Welt, 19.07.2021, S. 3.
  2. Axel Bojanowski: „Warum keiner auf Corona vorbereitet war“, Die Welt, 25.03.2020, S. 2.
  3. „Sicherheit und Resilienz – Resilienz von Organisationen – Grundsätze und Attribute“, ISO 22316:2017-03, März 2017.
  4. Jared Diamond: Krise. Wie Nationen sich erneuern können, Frankfurt am Main 2019, S. 399-401.