René Pfister: Die Critical Race Theory als „Angriff auf zentrale Werte des Westens“

Ambrogio Lorenzetti - Die Allegorie der schlechten Regierung (gemeinfrei)

Der Journalist René Pfister ist als Korrespondent des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ in den USA tätig. In der aktuellen Ausgabe des Magazins analysiert er die „Critical Race Theory“, die zunehmend das Handeln staatlicher und nichtstaatlicher Institutionen in den USA prägt. Diese Ideologie stelle einen „Angriff auf zentrale Werte des Westens“ dar und finde auch in Deutschland zunehmend Anhänger.1

  • Die Critical Race Theory (CRT) gehe davon aus, dass „Rassismus nicht nur in einzelnen Menschen steckt, sondern einen essenziellen Teil der amerikanischen Gesellschaft und ihrer politischen Institutionen bilde“. Eine von einer „weißen Elite“ betriebene Verschwörung strebe demnach danach, „weiße Dominanz“ durch subtile, empirisch nicht nachweisbare Methoden zur Unterdrückung der Menschen anderer Rassen bzw. durch „systemischen Rassismus“ sicherstellen. Alle Institutionen von Staat und Gesellschaft seien Teil dieser Verschwörung. Wo Weiße sich nicht bewusst an ihr beteiligten, täten sie es zumindest unbewusst.
  • Die „Verführungskraft der Critical Race Theory“ bestehe „gerade in ihrer Einfachheit“. In ihr werde „jeder Konflikt und jedes Problem auf eine Machtstruktur reduziert […], in der Weiße systematisch Menschen anderer Hautfarbe unterdrücken.“

Das Vorgehen der CRT-Aktivisten zerstöre zunehmend den gesellschaftlichen Zusammenhalt in den USA:

  • Zu den Vorgehensweisen der Aktivisten gehöre es, die Geschichte im Sinne ihrer Ideologie umzuschreiben, wobei ihre Aussagen häufig „nicht von der Realität gedeckt“ seien und von „Falschbehauptungen, Verzerrungen und signifikanten Auslassungen“ gekennzeichnet seien. Dennoch hätten Aktivisten, die die gesamte moderne Geschichte der USA zu einem Versuch umdeuteten, Schwarze zu unterdrücken und zu versklaven, den Pulitzerpreis erhalten, und ihre Behauptungen würden mittlerweile an vielen Schulen im Geschichtsunterricht gelehrt.
  • Die von den entsprechenden Aktivisten vertretene Position, „wonach Sprache ein Mittel der Gewalt gegenüber Unterdrückten sei“, habe in den USA außerdem „eine geradezu hysterische Empfindlichkeit gegenüber Worten oder Gedanken, die als ‚unsensibel‘ gelten“, hervorgerufen. Mittlerweile hätten „unzählige Amerikaner nach echten oder auch nur gefühlten sprachlichen Transgressionen ihre Jobs verloren“. Die „Grenzen dessen, was noch erlaubt ist, sind derart schnell im Fluss, dass selbst Gutwillige kaum noch mitkommen“.

Die CRT habe mittlerweile enorme Wirkmacht entwickelt. Sie sei mittlerweile nicht nur in Behörden und Konzernen verankert, sondern dringe auch in immer mehr akademische Disziplinen ein, dominiere Leitmedien wie die „New York Times“ und sei vielfach Grundlage der Lehrpläne an Schulen.

Die zentrale Figur des CRT-Aktivismus sei Ibram X. Kendi, dessen Buch „How to be an Antiracist“ vergangenes Jahr auch auf Deutsch erschien. Er vertrete die These, „dass sämtliche Ungleichheiten zwischen schwarzen und weißen Amerikanern notwendig und ausschließlich Ergebnis von Rassismus“ seien. Kendis Visionen über eine totalitär anmutende antirassistische Gesellschaften stellten eine „orwellsche Dystopie“ dar, die ein „Hauch von Nordkorea“ durchwehe.

Die CRT stelle nach Angaben von Richard Delgado und Jean Stefancic, den Autoren eines aktivistischen Standardwerks zu diesem Thema, „die liberale Ordnung ganz grundsätzlich infrage – inklusive des Gleichheitsgrundsatzes, des Abwägens rechtlicher Argumente, des Rationalismus der Aufklärung und des Prinzips, wonach jeder vor der Verfassung gleich ist“. Es handele sich bei ihr daher laut Pfister um einen „Angriff auf zentrale Werte des Westens“.

Auch in Deutschland gewinne die CRT zunehmend Anhänger in Politik und Medien sowie im Bildungswesen. Sie sei etwa Grundlage des 2020 in Berlin eingeführten „Antidiskriminierungsgesetzes“, das bei Rassismusvorwürfen gegen Behörden die Beweislast umkehrt und von diesen nach entsprechenden Vorwürfen fordert nachzuweisen, dass sie nicht rassistisch gehandelt haben. Außerdem würden sich die meisten aktuellen Schriften zum Rassismus, die derzeit in Deutschland erschienen, auf die CRT beziehen.

Bewertung und Hintergrund

Pfister sieht die Wurzeln des CRT vor allem im Postmodernismus. Diese habe „die Tür für einen Relativismus geöffnet, der es erst ermöglichte, die Prinzipien der Aufklärung und des Westens als reine Herrschaftsinstrumente zu denunzieren.“ Auch wenn der Postmodernismus bei der Entstehung der Ideologie eine wichtige Rolle spielte, so liegen ihre eigentlichen Wurzeln jedoch im Neomarxismus der Frankfurter Schule, wie wir hier anhand von Schriften Herbert Marcuses erläutert hatten.

Marcuse hatte beschrieben, dass das Ziel der auch auf seine Gedanken zurückgehenden CRT bzw. des identitätspolitischen Aktivismus die Zerstörung westlicher Gesellschaften ist. Um marxistische Revolutionen durchführen zu können, brauche es ein „Substrat der Geächteten und Außenseiter“, das in westlichen Gesellschaften aufgrund ihres Massenwohlstands kaum noch zur Verfügung stünde. Man müsse daher neue Gruppen erschließen, die man gegen diese Gesellschaften mobilisieren könne. Entsprechendes Potenzial sah Marcuse in den „Ausgebeuteten und Verfolgten anderer Rassen und anderer Farben“.2

Patrisse Cullors, eine der Gründerinnen der Black Lives Matters-Bewegung, würdigte den Einfluss Marcuses und anderer Neomarxisten, als sie sagte, dass die Bewegung sich auf „geschulte Marxisten“ stütze. Auch der oben zitierte Ibram X. Kendi bezieht sich zumindest indirekt auf Marcuse, wenn er wie dieser einen mit faktisch unbegrenzten Machtmitteln ausgestatteten Staat fordert, der staatliche und nichtstaatliche Institutionen im Sinne neomarxistischer Ideologie antirassistisch umgestalten und dabei bereits im frühesten Kindesalter beginnen müsse.

Wie die Unruhen in den USA im vergangene Jahr belegen, geht von vielen Anhängern der CRT ein hohes Gewaltpotenzial aus. Auch in Deutschland erklärten entsprechende Aktivisten, dass Aufstände und Plünderungen eine legitime Form des Widerstands gegen angeblich „rassistische Institutionen“ darstellten. Indem zumindest einige CRT-Aktivisten Rassenkämpfe und ethnische Aufstände in Deutschland propagieren, gefährden sie nicht nur den gesellschaftlichen Zusammenhalt, sondern potenziell auch die öffentliche Sicherheit.

Wenn die Mechanismen der wehrhaften Demokratie in Deutschland im Phänomenbereich Linksextremismus greifen würden, dann müsste nicht nur eine Beobachtung der oben beschriebenen Aktivisten durch die Verfassungsschutzbehörden geprüft werden, sondern auch Vereinsverbote und andere zur Bekämpfung dieser Bedrohung geeignete rechtsstaatliche Maßnahmen. Dafür wären jedoch politische Entscheidungen u.a. der Innenminister erforderlich, die im gegenwärtigen politischen Klima in Deutschland nicht zu erwarten sind und die nach der bevorstehenden Bundestagswahl noch unwahrscheinlicher sein werden.

Angesichts des Eindringens identitätspolitischer Ideologie in Institutionen wie Medien, Universitäten, Unternehmen, Kirchen und Gewerkschaften ist auch mit relevantem zivilgesellschaftlichem Widerstand gegen diese Form des Extremismus kaum zu rechnen. Es ist daher wahrscheinlich, dass die CRT und der mit ihr verbundene Aktivismus auch in Deutschland weiter an Einfluss gewinnen und neben der freiheitlichen demokratischen Grundordnung auch den ohnehin fragilen gesellschaftlichen Zusammenhalt zunehmend gefährden werden. (sw)

Quellen

  1. René Pfister: „Ein Hauch von Nordkorea“, Der Spiegel, 19.06.2021, S. 116.
  2. Herbert Marcuse: Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft, Frankfurt a. M. 1970, S. 267-268.