Christoph Türcke: Der „Schöpfungswahn“ der Genderideologie

Louis Janmot - Souvenir du ciel (gemeinfrei)

Der Philosoph Christoph Türcke lehrte bis zu seiner Emeritierung 2014 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. In einem von Spiegel Plus veröffentlichten Gespräch kritisiert er die Genderideologie und insbesondere den Transgender-Aktivismus, deren Vorstellungen über die sexuelle Identität des Menschen Ausdruck eines „Schöpfungswahns“ seien.

  • Wenn die Gender-Ideologie das Geschlecht des Menschen als kulturelles Konstrukt wahrnehme, blende sie aus, dass die Konstruktion nicht willkürlich erfolge, sondern auf einer natürlichen Grundlage beruhe. Wo behauptet werde, dass der Mensch eine „beliebig knetbare Masse“ sei und seine Geschlechtsidentität beliebig konstruieren könne, läge ein „sexueller Schöpfungswahn“ vor. Hier spiele der Mensch Gott, wobei er sich nur verheben könne.
  • Die Behauptung, dass der Mensch von seiner biologischen Natur unabhängig sei, sei „absurd“. Das Geschlecht eines Menschen sei „genauso wenig bloß eine äußere Zuweisung wie Arme, Beine und Kopf“. Der Mensch bilde eine Einheit aus Körper und Seele.
  • Bei Menschen, die sich eine Geschlechtsumwandlung wünschen, sei dieser Wunsch häufig Ausdruck anderer Leiden, die durch medizinische Eingriffe stellvertretend gelindert werden sollten. Hier müsse „eigentlich Seelisches begradigt werden“. Dies sei gerade bei Jugendlichen der Fall, für die die Vorstellung verlockend erscheine, pubertätsbedingte seelische Probleme darauf zurückzuführen, „im falschen Körper“ zu sein und mit dem Eingriff loswerden zu können. Diesbezüglich sei ein „regelrechter Hype“ zu beobachten, der „hochriskant“ sei, weil die entsprechenden Eingriffe stets mit der „Verstümmelung“ des Körpers verbunden seien.

Respekt gegenüber Minderheiten sei gut. Es sei jedoch problematisch, wenn „so getan wird, als wäre die Besonderheit von Inter-, Homo- oder Transsexualität eigentlich die Regel“. Heterosexualität sei die Grundlage der biologischen Existenz des Menschen. Ohne „die Verschmelzung männlicher und weiblicher Keimzellen wäre es nie zur Evolution, zur Artenvielfalt, geschweige denn zur Menschheit gekommen“. Es gebe nur zwei Geschlechter und kein menschliches Leben ohne heterosexuelle Fortpflanzung.1

Hintergrund und Bewertung

Frühere Beiträge Türckes hatten wir hier aufgegriffen.

Aktuelle Erkenntnisse u.a. aus den Bereichen Biologie, Medizin und Humanwissenschaften stützen Türckes Position zur Genderideologie, insbesondere was den von ihm kritisierten Transgender-Aktivismus angeht.

Transgender-Aktivismus geht davon aus, das Menschen ihr Geschlecht frei wählen können. Geschlechtsidentitätstörungen seien keine Krankheit, sondern Ausdruck einer vorbehaltlos zu bejahenden individuellen Entscheidung. Dieser Aktivismus befürwortet daher medizinische Eingriffe mit schwerwiegenden irreversiblen Konsequenzen bei Kindern und Jugendlichen, darunter Hormonbehandlungen zur Unterbindung des Einsetzens der Pubertät sowie die chirurgische Entfernung oder Veränderung von Genitalien. Nach Darstellung dieser Aktivisten wechseln die Betroffenen dadurch ihr Geschlecht, was jedoch nicht den biologischen und medizinischen Tatsachen entspricht. Die Hoffnungen der Betroffenen werden durch diese Maßnahmen daher häufig nicht erfüllt.

Der Kinderpsychiater Alexander Korte, der als leitender Oberarzt am  Klinikum der Universität München tätig ist, erklärte 2019, dass die Zahl der Jungen und Mädchen, die sich als „Transgender“ wahrnehmen würden bzw. unter Geschlechtsinkongruenz und Genderdysphorie litten und sich nicht mit ihrem biologischen Geschlecht identifizieren könnten, in den vergangenen Jahren stark angestiegen sei. Vor wenigen Jahren noch hätten solche Fälle eine „absolute Rarität“ dargestellt. Vor rund zehn Jahren hätte die Zahl der Fälle dann begonnen zuzunehmen. In den vergangenen fünf Jahren sei ein besonders starker Anstieg zu beobachten gewesen.

  • Man habe es „hier offensichtlich mit einem Zeitgeistphänomen zu tun“. Das „ganze Transgender-Thema wird gegenwärtig sehr gehypt“. Es gebe „eine Reihe von Transjungen“, die in sozialen Medien als „Influencer“ auftreten und so andere Jugendliche beeinflussen würden. Hier seien gruppendynamische „Nachahmereffekte“ zu beobachten, die vor allem hinter der bislang nicht beobachteten „Rapid-Onset Gender Dysphoria“ (ROGD) stehen würden, die nach der Pubertät auftrete und überwiegend bei bei Mädchen zu beobachten sei. Durch die Identifizierung als „Transgender“ könnten Jugendliche Aufmerksamkeit erhalten und „ihrem individuellen Leiden in einer Form Ausdruck zu verleihen, die in unserer Kultur zunehmend akzeptiert ist“.
  • Hinter dieser Identifizierung würden verschiedene unterschiedliche Probleme stehen, etwa die Schwierigkeit von Mädchen, körperliche Veränderungen während der Pubertät zu verarbeiten, traumatische Erfahrungen, Störungen der Persönlichkeitsentwicklung oder auch der Druck durch Schönheitsideale. In vielen Fällen läge eine schwierige familiäre Situation vor. Bei Jungen könne das Fehlen einer positiven männlichen Identifikationsfigur zur Transgender-Problematik beitragen.2

Transgender-Aktivismus tritt für weitreichende und größtenteils irreversible medizinische Eingriffe zur „Geschlechtsangleichung“ bei Kindern und Jugendlichen ein, die mangels hinreichender Erkenntnisse über das Transgender-Phänomen und seine Ursachen Menschenversuchen gleichkommen. Der an der Universität Oxford lehrende Mediziner Carl Heneghan kritisierte daher die Anwendung pubertätsverzögernder Medikamente sowie Hormonbehandlungen bei Kindern mit Geschlechtsidentitätsstörungen. Die langfristigen Auswirkungen solcher Behandlungen an Kindern seien noch nicht hinreichend erforscht. Häufig seien diese Medikamente zur Behandlung anderer Krankheiten entwickelt worden. Ihre Anwendung bei Kindern mit Geschlechtsidentitätsstörungen stelle ein „Experiment an Kindern“ dar.3

In Großbritannien kündigten zwischen 2016 und 2019 mindestens 18 Ärzte aus ethischen Gründen, nachdem von ihnen die Beteiligung an entsprechenden medizinischen Eingriffen gefordert worden war. Sie kritisierten zudem, dass viele entsprechende Diagnosen bei Kindern falsch seien, vor allem bei Jugendlichen mit homosexuellen Neigungen, die Schwierigkeiten hätten, sich mit ihrem Geschlecht zu identifizieren oder unter Mobbing, aber nicht unter einer Geschlechtsidentitätsstörung im eigentlichen Sinne litten. In diesen Fällen würden derzeit irreversible Eingriffe vorgenommen, die nicht dem Krankheitsbild der Betroffenen entsprächen und deren Lage weiter verschlechtern könnten. Auf Ärzte werde Druck ausgeübt, den Behandlungen zuzustimmen, auch wenn diese nicht davon ausgingen, dass diese im gesundheitlichen Interesse der Betroffenen wären. Einer der Ärzte sprach davon, dass die Behandlungen Menschenversuche an besonders verwundbaren Kindern und Jugendlichen darstellten.4

Der Wissenschaftsjournalist Thomas Thiel warf der Transgender-Bewegung vor, von einem unwahren Menschenbild auszugehen, keine Rücksicht auf das Leben von Kindern und Jugendlichen zu nehmen, die Öffentlichkeit über ihre Absichten zu täuschen und aggressiv gegen jeglichen Widerspruch vorzugehen. Hinter der Bewegung stünden nicht nur die Interessen von Pharmaunternehmen, sondern auch eine radikale utopische Ideologie, welche die Abschaffung des Menschen anstrebe. Es gebe derzeit eine globale Kampagne von Transgender-Aktivisten, die ihre Ideologie in nationalen Gesetzen verankern wollten. In Deutschland hätten die Parteien FDP und Bündnis90/Die Grünen entsprechende Entwürfe vorgelegt, die „die über weite Strecken wirken, als wären sie von den Aktivisten selbst geschrieben“:

  • Die entsprechenden Aktivisten gingen von einer „fluiden Geschlechtlichkeit“ sowie davon aus, dass „geschlechtliche Zuordnung allein Sache des Gefühls ist und das Geschlecht durch Sprache vollkommen verändert kann“. Ab einem Alter von vierzehn Jahren solle jeder jährlich darüber entscheiden können, ob er rechtlich als Mann oder Frau betrachtet werde. Dieser Aktivismus beruhe jedoch auf einem unwahren Menschenbild, da Menschen durch bloße Umdeklarierung nicht wirklich ihr Geschlecht änderten. Dies sei auch dann nicht der Fall, wenn medizinische Eingriffe vorgenommen würden. Diese änderten nicht das Geschlecht, sondern nur das Erscheinungsbild eines Menschen.
  • Man strebe außerdem an, irreversible medizinische Eingriffe bei Kindern und Jugendlichen zu erleichtern, darunter etwa die Amputation von Geschlechtsorganen ohne medizinische Indikation. Minderjährige sollten sich „so früh und spontan wie möglich“ ohne ärztliche Beratung, ohne Information über die Risiken, ohne die Folgen ihrer Entscheidung überblicken zu können und ohne Zustimmung der Eltern solchen Eingriffen unterziehen dürfen. Thiel bezeichnet dies als „Experimente mit Kindern“.

Transgender-Aktivismus agiere darüber hinaus unaufrichtig und beruhe auf gezielter Täuschung der Öffentlichkeit. Aktivisten hätten etwa erklärt, dass Kindern und Jugendlichen die Risiken medizinischer Eingriffe verschwiegen werden und diese stattdessen als „körperlich und psychisch folgenlose Wunscherfüllung“ dargestellt werden sollten. Aktivisten würden zudem in Schulen und Kindergärten Broschüren verteilen, „die Kindern den Geschlechtswechsel beispielsweise mit der gauklerischen Behauptung nahelegen, auch Männer könnten Kinder gebären“. Auch die Öffentlichkeit werde von ihnen getäuscht, wie ein Strategiepapier der Transgender-Organisation IGLYO zeige:

„Die Iglyo-Kampagne gibt sogar offen zu, die Öffentlichkeit über ihre Ziele täuschen zu wollen. Hängen Sie sich an eine populäre Reform, rät das Strategiepapier, um ‚unter deren Deckmantel‘ (!) Ihr eigentliches Ziel durchzusetzen. Unter der Überschrift ‚Vermeiden Sie exzessive Berichterstattung‘ wird empfohlen, sich mit weit ausgearbeiteten Plänen an einzelne Politiker zu wenden, um die Meinungsbildung vorwegzunehmen. Danach soll mit gesetzlichen Sanktionen verhindert werden, dass Kritik an dem streitbaren Konzept der Gender-Identität geäußert wird. Die Gesetzesentwürfe von Grünen und FDP kommen dem nah: Sie sehen Sanktionen bis 2500 Euro vor, wenn das frühere Geschlecht einer Person genannt wird […]. Nun spricht jemand, der das im Hinblick auf die Vergangenheit tut, nichts anderes als die Wahrheit aus. Ein Staat, der das unter Strafe stellt, fordert seine Bürger zum Schweigen oder zur Lüge auf. Praktiken, die diktatorischen Regimen vorbehalten waren, werden plötzlich von Freien Demokraten vertreten.“

Aktivisten würden zudem mit aggressiven Methoden eine offene Debatte verhindern. Kritiker würden „mit Drohungen und Denunziationen überzogen, Verlage unter Druck gesetzt, kritische Bücher und unwillkommene Studien aus dem Programm zu nehmen“. Kritik richte „sich nicht gegen inhaltliche Argumente, sondern gegen die Person, die als transphob stigmatisiert wird.“

Transgender sei darüber hinaus „keine Graswurzelbewegung, sondern eine wirtschaftliche Macht“ und werde von Pharmaunternehmen unterstützt. Das Streben nach Profit verbinde sich hier mit radikalen utopischen Ideologien. Die transsexuelle Aktivistin Martine Rothblatt, die zugleich Vorstandsvorsitzende des Pharmaunternehmens United Therapeutics ist, habe etwa erklärt, dass der entsprechende Aktivismus “ die Auffahrtsrampe zur Überwindung des Fleisches“ sei. Menschen, „die sich weigern, als männlich oder weiblich bezeichnet zu werden“ seien „die Pioniere einer Menschheit, die nicht durch irgendein Substrat begrenzt ist“. Es gebe „eine Entwicklungslinie von transgender zu transhuman.“5 (FG2)

Quellen

  1. Isabel Metzger: „‚Nur scheinbar eine klare Diagnose: Du bist im falschen Körper‘“, spiegel.de, 22.06.2021.
  2. „‚Macht doch endlich, sonst bringe ich mich um‘“, Der Spiegel, 19.01.2019.
  3. Carl Heneghan: „Doubts over evidence for using drugs on the young“, The Times, 08.04.2019.
  4. „Calls to end transgender ‚experiment on children‘“, The Times, 08.04.2019.
  5. Thomas Thiel: „Die Überwindung des Fleisches“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.01.2021.