Alexander Solschenizyn: Nicht mit der Lüge leben

Nicolas-Antoine Taunay - Triumph der Guillotine (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der russische Schriftsteller und Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn veröffentlichte 1974 einen Text, in dem er sich mit dem Minimum des Widerstandes auseinandersetzte, den Menschen in totalitären Systemen leisten könnten. Da solche Systeme auf unwahren Ideologien beruhten, müssten sie zusammenbrechen, wenn sich genügend Menschen den staatlich verordneten Lügen verweigerten.

Der „vernachlässigte, einfachste und zugängigste Schlüssel zu unserer Befreiung“ sei es, selbst nicht mitzulügen:

„Die Lüge mag alles überzogen haben, die Lüge mag alles beherrschen, doch im kleinsten Bereich werden wir uns dagegen stemmen: OHNE MEIN MITTUN! […]

Denn wenn die Menschen von der Lüge Abstand nehmen – dann hört sie einfach auf zu existieren. Wie eine ansteckende Krankheit kann sie nur in den Menschen existieren. […].

UNSER WEG: IN NICHTS DIE LÜGE BEWUSST UNTERSTÜTZEN! Erkennen, wo die Grenze der Lüge ist (für jeden sieht sie anders aus) – und dann von dieser lebensgefährlichen Grenze zurücktreten! Nicht die toten Knöchelchen und Schuppen der Ideologie zusammenkleben, nicht den vermoderten Lappen flicken – und wir werden erstaunt sein, wie schnell und hilflos die Lüge abfällt, und was nackt und bloß dastehen soll, wird dann nackt und bloß vor der Welt stehen.“1

Die Wahrheit laut zu verkünden könne unter den Bedingungen der totalitären Gesellschaft schreckliche Folgen haben, aber jeder sei dazu in der Lage, darauf zu verzichten zu sagen, was er nicht glaube und „sich als ehrlicher Mensch zu mausern, der die Achtung seiner Kinder und Zeitgenossen verdient“:2

„Und von diesem Tage an wird er:

– in Zukunft keinen einzigen Satz, der seiner Ansicht nach die Wahrheit entstellt, schreiben, unterschreiben oder drucken;

– einen solchen Satz weder im privaten Gebrauch, noch vor einem Auditorium, weder im eigenen Namen noch nach vorbereitetem Text, noch in der Rolle des politischen Redners, des Lehrers und des Erziehers, noch nach einem Bühnenmanuskript aussprechen;

– in Malerei, Skulptur und Fotografie mit technischen oder musikalischen Mitteln keinen einzigen falschen Gedanken, keine einzige Entstellung der Wahrheit, die er erkennt, darstellen noch begleiten, noch im Rundfunk senden;

– weder mündlich noch schriftlich ein einziges ‚leitendes‘ Zitat anführen, um es jemandem recht zu tun, um sich rückzuversichern, um in der Arbeit Erfolg zu haben, wenn er den zitierten Gedanken nicht vollständig teilt oder er keine klare Relevanz hat;

– sich nicht zwingen lassen, zu einer Demonstration oder einer Versammlung zu gehen, wenn sie seinem Wunsch und Willen nicht entspricht. Kein Transparent, kein Plakat in die Hand nehmen oder hochhalten, dessen Text er nicht vollständig zustimmt;

– Die Hand nicht zur Abstimmung für einen Vorschlag heben, den er nicht aufrichtig unterstützt; nicht offen, nicht geheim für eine Person stimmen, die er für unwürdig oder zweifelhaft hält;

– sich zu keiner Versammlung drängen lassen, wo eine zwangsweise entstellte Diskussion zu erwarten ist;

– eine Sitzung, Versammlung, einen Vortrag, ein Schauspiel oder eine Filmvorführung sofort verlassen, wenn Lüge, ideologischer Unfug oder schamlose Propaganda zu hören sind [….].“3

Es gebe noch viele weitere Möglichkeiten dazu, sich der Lüge zu verweigern. Wer „sich um Reinigung bemüht, wird mit gereinigtem Blick leicht auch andere Fälle unterscheiden“.

Wer diesen Weg gehe, müsse nicht mit den extremen Härten rechnen, die mit offenem Widerstand verbunden seien. Dieser „gemäßigste aller Wege des Widerstandes“ sei der „leichteste der möglichen“. Auch er sei jedoch mit Opfern verbunden, und mancher, der ihn gehe, werde den Arbeitsplatz verlieren oder anderen geringeren Schwierigkeiten begegnen. Für niemanden, der ehrlich sein wolle, gebe es ein Versteck, und jeden Tag müsse man sich erneut gegen „geistiges Kriechertum“ entscheiden: „Keine leichte Wahl für den den Körper – doch die einzige für die Seele.“4

Hintergrund und Bewertung

Solschenizyn ging davon aus, dass der von ihm beschriebene Weg des Widerstands nur noch für eine begrenzte Zeit offen stehen werde. Der technische Fortschritt werde langfristig dazu führen, dass auch die Vertraulichkeit privater Gedanken nicht mehr gewährleistet sei.5

Der tschechische Freiheitsaktivist Václav Havel griff 1978 Solschenizyns Gedanken auf und setzte sich am Beispiel einer Anekdote mit den Schwierigkeiten auseinander, auf die Menschen stoßen, die unter den Bedingungen totalitärer Herrschaft ein Leben in Wahrheit und Selbstachtung führen wollen:

„Ein Leiter eines Gemüseladens placierte im Schaufenster zwischen Zwiebeln und Möhren das Spruchband: ‚Proletarier aller Länder, vereinigt euch!‘.
Warum hat er das getan? […] Ist er wirklich persönlich so für die Idee der Vereinigung der Proletarier aller Länder begeistert? Geht seine Begeisterung so weit, daß er das unwiderstehliche Bedürfnis hatte, die Öffentlichkeit mit seinem Ideal bekannt zu machen? […]

Dieses Spruchband wurde unserem Gemüsehändler zusammen mit Zwiebeln und Möhren vom Betrieb ausgeliefert, und er hängte es einfach deshalb in das Schaufenster, weil er das schon seit Jahren so tut, weil das alle tun, weil es so sein muß. Wenn er es nicht getan hätte, könnte er Schwierigkeiten bekommen […]. Er hat es deshalb getan, weil es ‚dazu gehört‘, wenn man durch das Leben kommen will; weil das eine von Tausenden Kleinigkeiten ist, die ihm ein relativ ruhiges Leben ‚im Einklang mit der Gesellschaft‘ sichern. […]

Diese Parole hat die Funktion eines Zeichens. Als solches enthält sie eine zwar versteckte, aber ganz bestimmte Mitteilung. Verbal könnte man sie etwas so formulieren:

Ich, der Gemüsehändler XY, bin hier und weiß, was ich zu tun habe; ich benehme mich so, wie man es von mir erwartet; auf mich ist Verlaß, und man kann mir nichts vorwerfen; ich bin gehorsam und habe deshalb das Recht auf ein ruhiges Leben. Diese Mitteilung hat selbstverständlich einen Adressaten: Sie ist ‚nach oben‘ gerichtet, an die Vorgesetzten des Gemüsehändlers, und ist zugleich ein Schild, hinter dem sich der Gemüsehändler vor eventuellen Denunzianten versteckt. […]

Beachten wir: Würde man dem Gemüsehändler befehlen, die Parole: ‚Ich habe Angst und bin deshalb bedingungslos gehorsam‘ in das Schaufenster zu stellen, würde er sich ihrem semantischen Inhalt gegenüber bei weitem nicht so lax verhalten. […] Der Gemüsehändler würde sich wahrscheinlich weigern, eine so unzweideutige Nachricht über seine Erniedrigung im Schaufenster auszustellen, es wäre ihm peinlich, er würde sich schämen. […]

Um diese Komplikation zu überwinden, muß sein Loyalitätsbeweis die Form eines Zeichens haben, das zumindest durch seine Textoberfläche auf irgendwelche höheren Ebenen der uneigennützigen Überzeugung hinweist. […]

Der Gemüsehändler deklarierte seine Loyalität – es blieb ihm auch nichts anderes übrig, wenn er wollte, daß die Proklamierung angenommen wurde – auf die einzige Art, auf die die gesellschaftliche Macht hörte: Nämlich so, daß er das vorgeschriebene Ritual akzeptierte, daß er den ‚Schein‘ als Wirklichkeit akzeptierte, daß er sich den ‚Spielregeln‘ angeschlossen hat. Dadurch freilich, daß er sie angenommen hat, kam er selbst ins Spiel, wurde zum Mitspieler, ermöglichte, daß das Spiel weiter gespielt wird, ermöglichte, daß es weiterexistierte.“6

Die Forderung, solche Symbole öffentlich zu zeigen, habe auch den Zweck, potenzielle Gegner des Systems sichtbar zu machen.7 Sebastian Haffner hatte eine ähnliche Vorgehensweise am Beispiel der NS-Staates beschrieben.8

Der Philosoph Arnold Gehlen hatte solche Herrschaftstechniken als satanisch bezeichnet. Wer „das Reich der Lüge aufrichtet und andere Menschen zwingt, in ihm zu leben“, handele „teuflisch“, weil er dem Menschen mit der Möglichkeit zur Erkenntnis den Ausweg aus der Verzweiflung versperre. Wer so handele, der „stiftet das Reich der Verrücktheit, denn es ist Wahnsinn, sich in der Lüge einzurichten.“9

Sowohl Solschenizyn als auch Havel warnten in ihren Schriften, dass neue Formen des Totalitarismus auch in westlichen Gesellschaften entstehen könnten. Der Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg warnte in diesem Zusammenhang kürzlich, dass die Anhänger neomarxistischer und postmoderner Genderideologien mit ihren Versuchen zur verordneten Umgestaltung der Sprache in erster Linie Macht demonstrieren wollten. Die Forderung nach Verwendung unsinniger sprachlicher Formen stelle „das Einfordern einer Unterwerfungsgeste“ dar. Diese seien „ein sprachlicher Gesslerhut, mit dem signalisiert wird, dass sein Träger einer von den Proponenten vertretenen Geschlechterideologie folgt“.10 (FG1)

Quellen

  1. Alexander Solschenizyn: „Lebt nicht mit der Lüge!“, in: Ders.: Offener Brief an die sowjetische Führung, Darmstadt 1974, S. 59-64, hier: S. 61-62.
  2. Ebd.
  3. Ebd., S. 62-63.
  4. Ebd., S. 63-64.
  5. Ebd., S. 63.
  6. Václav Havel: Versuch, in der Wahrheit zu leben, 10. Aufl., Reinbek bei Hamburg 2000, S. 14-15, 18.
  7. Ebd., S. 23.
  8. Sebastian Haffner: „Das Gift der Kameradschaft“, Die Zeit, Nr. 21/2002.
  9. Arnold Gehlen: Moral und Hypermoral. Eine pluralistische Ethik, Frankfurt am Main 1969, S. 185.
  10. Peter Eisenberg: „Unter dem Muff von hundert Jahren“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.01.2021.