Ordensgemeinschaften als Träger von Widerstand und kultureller Erneuerung

Karl Friedrich Schinkel - Mittelalterliche Stadt am Fluss (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

In der durch Werner von Trott zu Solz gegründeten „Gesellschaft Imshausen“ suchten nach dem Zweiten Weltkrieg Denker, die unterschiedlichen Strömungen des Widerstands gegen den Nationalsozialismus nahestanden, Wege zu einer kulturellen und gesellschaftlichen Erneuerung Deutschlands. Von Trott strebte in diesem Rahmen die Gründung einer Ordensgemeinschaft an, die als Träger sowohl dieser Erneuerung als auch eines möglichen erneuten Widerstandes gegen die von ihm erwarteten künftigen Formen totalitärer Herrschaft hätte wirken sollen.1

In einem 1958 erschienenen Aufsatz hatte von Trott seine Gedanken zu diesem Thema zusammengefasst. Außerdem hat der Autor Wolfgang Schwiedrzik die Gedanken der Gesellschaft Imshausen über Widerstand und kulturelle Erneuerung auf der Grundlage von Gesprächen mit Zeitzeugen aufgearbeitet.

Von Trott war laut dieser Zeitzeugen „innerlich vollkommen bestimmt […] durch den Geist des Rittertums“2 sowie „ein an der Tradition des Mittelalters orientierter Christ“. Er habe keine Restauration, sondern eine „Revolution aus der Tradition“ angestrebt.3 Dazu habe er versucht, „ältere Traditionen der deutsche Geschichte für uns wieder fruchtbar zu machen“.6

Laut Carl Friedrich von Weizsäcker, einem der Mitwirkenden der Gesellschaft, habe die „Ordensidee“ im Sinne der Cluniazensischen Reform im Mittelalter eine wichtige Rolle in den Überlegungen gespielt. Diese Idee habe man mit modernen Impulsen verbinden wollen.7 Wolfgang Schwiedrzik schrieb, dass man die Bewegung von Cluny bewundert habe, weil sie in einer Zeit religiöser und kultureller Auflösung Kirche und Welt erfolgreich durchdrungen und dadurch Erneuerung bewirkt habe:

„Kirche und Welt hätten sich zu jener Zeit in einem Zustand gesellschaftlicher und moralischer Ermattung und Auflösung befunden. Was damals von Cluny ausgegangen sei und sich wie ein Sturmwind über ganz Europa ausgebreitet habe, sei eine Revolution von unvergleichlichem Ausmaß gewesen. Die Mönche von Cluny hätten sich in die Enge und Strenge des Klosterlebens begeben, nicht um ihrem Seelenheil einen stillen Lebensabend zu widmen, sondern um von der hohen Warte ihrer streng aufgefaßten geistlich-leiblichen Gemeinschaft aus, die in einer letzten Bindung wurzelte, die Welt zu erobern, und zwar politisch zu erobern.“8

Auf dieser Grundlage sei von Trott davon ausgegangen, dass eine „zahlenmäßig kleine tragende Elite“ für die kulturelle Erneuerung einer Gesellschaft erforderlich sei. Der deutsche Adel habe seinen Auftrag, als Diener der natürlichen Ordnung zu wirken, jedoch weitgehend verraten.9 In Deutschland seien die nicht korrumpierten Reste des Adels spätestens nach dem 20. Juli 1944 überwiegend vernichtet worden, weshalb man eine neue Elite aufbauen müsse, die diese Aufgabe leisten könne. Als Angehörige einer künftigen Elite kämen nur diejenigen in Frage, die sich durch Dienst und Opfer im Widerstand gegen den Nationalsozialismus legitimiert hätten.10

Die anstrebte „verschworene, ordensähnliche Gemeinschaft“11 hätte als traditionsorientierter geheimer „Bund verschworener Freunde“ und „freier Männer“ für Außenstehende nicht erkennbar durch „souveränes Eindringen in die Gesellschaft“ wirken sollen.12 Im Fall einer erneuten totalitären Herrschaft hätte diese Gemeinschaft eine neue Ordnung vorbereiten sollen, indem sie „Inseln der natürlichen Ordnung“ geschaffen hätte, die als Zentren der Einübung von christlicher Kultur und Solidarität sowie als Zentren einer neuen Gesellschaft hätten dienen sollten.13

Hintergrund

Im Rahmen der Gesellschaft Imshausen kamen Menschen aus unterschiedlichen Strömungen des Widerstands gegen den Nationalsozialismus zusammen, insbesondere die „Grübler, Schwärmer und Querköpfe“, die in der beginnenden Blockkonfrontation keinen festen Platz einnehmen wollten.14 Ihr Auftrag war es laut ihrem Programm, „die neue Form unseres geistigen, gesellschaftlichen und politischen Lebens aus der besten Tradition der europäischen Widerstandsbewegung zu entwickeln“ und dazu „alle großen Positionen der abendländischen Politik“ zu betrachten.15

Eine gemeinsame politische Linie habe es nicht gegeben, sondern nur das Ziel, in der Zusammenkunft „einsichtiger und gewissenhafter Menschen“ die „ideologischen Verschalungen“ zu sprengen, um „Klarheit über die grundlegenden Probleme der politischen und geistigen Entwicklung gewinnen“ und die „Bildung einer neuen Führungsschicht“ vorzubereiten.16 Außerdem wollte man die Verbrechen des Nationalsozialismus aus eigener Kraft aufarbeiten und nicht den Alliierten überlassen.17

Der Schriftsteller Heinrich Böll, der später mit Werner von Trott zu Solz zusammenarbeitete, bezeichnete ihn als „einen letzten Deutschen“, an dem man erkennen könne, „was einmal deutsch zu sein bedeutet hat“.18 Zu den wesentlichen Trägern des Vorhabens gehörte auch Heinrich von Trott zu Solz, der Ernst Jünger 1939 bei einem Besuch durch seine Gedanken über die Tyrannei des Nationalsozialismus und eine mögliche Beseitigung Adolf Hitlers zum Verfassen seines Roman „Auf den Marmorklippen“ inspiriert haben soll.19 Zumindest Friedrich Georg Jünger war offenbar auch zu den Treffen der Gesellschaft Imshausen eingeladen worden.

Die tragenden Mitglieder hätten eine Wende weg von den materialistischen Ideologien der Gegenwart „rückwärts in Richtung Mittelalter“ sowie einen „dritten Weg“ zwischen Kapitalismus und Kommunismus angestrebt, den man als „Sozialismus aus christlicher Verantwortung“ beschrieben habe.20 Insbesondere von Trott habe den CDU-Konservatismus der frühen Nachkriegszeit abgelehnt und sich laut einer Beobachterin gegen „diese Verbürgerlichung, Verspießerung, die Herrschaft des Mittelmaßes“, der diese Zeit geprägt habe, gewehrt.21 Auch einen Konservatismus, der nur Standesinteressen bewahren oder ein früheres Deutschland wiederstellen wollte, habe man abgelehnt und auf eine radikale Weise „die konservative Position, die Rettung des Menschen, die Rettung des Deutschen, der deutschen Welt mit Elementen der Zukunft verbinden“ wollen.22

Eine Schwäche der Gesellschaft habe darin bestanden, dass praktische Fragen und die unmittelbare Zukunft aus dem Blick verloren habe, „weil das überschattet wurde von dem großen Ideal“.23 Von Weizsäcker sagte später, das von Trott etwas schaffen wollte, „was möglicherweise 30 oder 40 Jahre später politisch wirkungsvoll sein könnte“, als „Nonkonformist“ jedoch nicht die Kompromisse eingehen wollte, die andere Akteure dieser Zeit eingegangen seien und damit politisch erfolgreicher waren. Außerdem seien die gesetzten Ziele angesichts der verfügbaren Mittel zu hoch gewesen.24. Andere Zeitzeugen erklärten, dass es deshalb nicht zur Gründung einer Ordensgemeinschaft gekommen sei, weil die Mitwirkenden dafür zu heterogen gedacht und zudem ihrem Wesen nach zu individualistisch veranlagt gewesen seien.25

Bewertung

Die heute kaum noch bekannten Gedanken von Trotts und der Gesellschaft Imshausen waren ihrer Zeit um viele Jahrzehnte voraus, was unter anderem daran erkennbar ist, dass die Warnungen vor totalitären Potenzialen in der Entwicklung westlicher Gesellschaften gegenwärtig eher zu- als abnehmen, und dass als Antwort darauf von traditionsorientierten christlichen Denkern zuletzt stellenweise sehr ähnliche Konzepte formuliert wurden, etwa die „Benedikt-Option“.

Quellen

  1. Wolfgang Matthias Schwiedrzik: Träume der ersten Stunde. Gesellschaft Imshausen, Berlin 1991.
  2. Wolfgang Matthias Schwiedrzik: Konservativ und rebellisch, Neckargemünd 2000, S. 22.
  3. Ebd., S. 93.
  4. Schwiedrzik 1991, S. 253.4 In der „Atmosphäre eines Ordens“ habe man sich „in strengster Hingabe an das Schicksal der Nation […] ganz und gar einsetzen“ sollen, um „eine ganz grundlegende moralisch-sittliche Erneuerung dieses Volkes durchführen“.5Ebd., S. 232.
  5. Ebd., S. 247–248.
  6. Ebd., S. 58-59.
  7. Ebd., S. 103.
  8. Schwiedrzik 1991, S. 9–10.
  9. Ebd., S. 227–228.
  10. Schwiedrzik 2000, S. 20–23.
  11. Ebd., S. 64–66.
  12. Ebd., S 175.
  13. Werner von Trott zu Solz: Der Untergang des Vaterlandes. Dokumente und Aufsätze, Freiburg 1965, S. 45-46.
  14. Schwiedrzik 1991, S. 19–25.
  15. Ebd., S. 38.
  16. Ebd., S. 103-104.
  17. Werner Bräuninger: Claus von Stauffenberg. Die Genese des Täters aus dem Geiste des Geheimen Deutschland, Wien 2002, S.112.
  18. Schwiedrzik 1991, S. 55.
  19. Ebd., S. 249.
  20. Ebd., S. 255.
  21. Ebd., S. 232.
  22. Ebd., S. 242–243.
  23. Schwiedrzik 2000, S. 25.