Kurt Hiller: Für einen „Militarismus der spirituellen Aktion“

Miguel Jacinto Meléndez - Der heilige Raimundo Serrat bei der Verteidigung von Calahorra

Der sozialistische Schriftsteller Kurt Hiller (1885-1972) warf 1932 der politischen Linken in Deutschland vor, als Wegbereiter der sich abzeichnenden Herrschaft des Nationalsozialismus zu agieren. Indem der Marxismus als Feind der überlieferten Kultur und der Nation aufgetreten sei, habe er zahlreiche Menschen in die Arme der Nationalsozialisten getrieben. Nur die katholische Kirche (der Hiller ansonsten ablehnend gegenüberstand) verfüge mit ihrem „Militarismus der spirituellen Aktion“ über ein intaktes Gegenprogramm zu marxistischer Antikultur und nationalsozialistischer Barbarei.1

  • „Militarismus“ sei als „unbefugte Einmischung von Generalen in die Politik“ abzulehnen. Es gebe jedoch auch einen positiven Militarismus. Der „Militarismus der spirituellen Aktion“ der katholischen Kirche stelle als Lebensform und als Stil „eine disziplinierte und militante Art geistigen Vorstoßes“ dar, „zu der nur die Décadence, die Ziellosigkeit, der Nihilismus Nein“ sagten: „Beste Jugend sehnt sich danach“.2
  • Ein „Militarismus ohne Mordwerkzeuge“ beinhalte zahlreiche Tugenden, die man nicht verächtlich machen dürfe, etwa das Ideal heroischer Selbstaufopferung, die „Zucht um einer Sache“ willen, „Einswerden von Körper und Gedanke“, „physische, charakterliche und intellektuelle Straffheit“ sowie „Sauberkeit in allen Hinsichten“. Es sei schädlich für männliche Jugend, diese Tugenden abzuwerten, so wie die Linke es tue.3
  • Eine gerechte Gesellschaft sei nur unter der Führung eines „wirklichen, aus der Gesamtsubstanz einer Nation sich ständig erneuernden Adels“ denkbar. Gute Eliten stellten eine Auslese dar, die nicht auf der Grundlage von Besitz und Herkunft, sondern auf der Grundlage der „natürlichen, angeborenen oder durch Training erworbenen, durch Willenskraft gesteigerten Eigenschaften“ vollzogen werde.4
  • Die „Glut nationalen Empfindens“ stelle wie die Liebe einen „Ur-Instinkt“ des Menschen dar. Die Vorstellung, dieses Empfinden auslöschen zu können um Frieden zu schaffen, sei utopisch. Der linke Pazifismus habe außerdem irrigerweise diejenigen „verhöhnt und beschimpft, die, in der Illusion des Dienstes an einer erhabenen Idee, sich opfern oder die geopfert wurden“. Wer dem Frieden dienen wolle, müsse die „nationale Leidenschaft“ aus „ihrer modernen Verrohung“ erlösen und sie veredeln, anstatt „sie aus den Seelen zu roden“. Der nach Frieden unter den Völkern strebende übernationale Gedanke könne nur dann Wirkung entfalten, wenn er die Nation nicht leugne.5

Das Grundproblem der Linken bestehe darin, dass sie zu oft nicht die Situation der Armen und Unterdrückten verbessern wolle, sondern als deren selbsternannter Stellvertreter vor allem die Vernichtung der mutmaßlichen Unterdrücker und der als deren Werk abgelehnten Kultur anstrebe. Die Linke betreibe einen „Kult des Inferioren“, und es seien „durchweg inferiore Typen, die ihn üben“.6 Dadurch habe man den Weg für die Herrschaft des Nationalsozialismus mit bereitet. Nur eine von ihren Fehlern gereinigte Linke werde dazu in der Lage sein, wirksamen Widerstand gegen diese Ideologie und ihre sich abzeichnende Herrschaft „brutaler Subalternität, geistfreien Sadistentums und vollkommener Barbarei“ zu leisten.7

Hintergrund und Bewertung

Der antimarxistische Sozialist Hiller, der neben Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzky zu den Hauptautoren der Weltbühne gehörte, war ein Kritiker der Erbmonarchie, die er in geistig-kultureller Hinsicht für nicht hinreichend elitär hielt und durch eine „Monarchie der Besten“ bzw. eine Geistesaristokratie im Sinne Platons ersetzen wollte, wobei er sich am Vorbild der Hierarchie der katholischen Kirche orientierte. Dem traditionellen Adel warf er vor, dass sie „nicht die Edelsten sind, sich aber so stellen, als wären sie’s“.

Im von ihm entworfenen politischen System, das er als „Logokratie“ (Herrschaft der Geistigen) bezeichnete, wäre der Geburtsadel durch eine in ihr Amt berufene „Aristokratie des Geistes“ bzw. die „wahren Aristoi“ ersetzt worden. Sie hätten einen für die Gesetzgebung verantwortlichem „Rat der Geistigen“ gebildet, der „aus den geistigen Führern der Nation bestünde“ und als Erste Parlamentskammer ein Vetorecht gegen alle Entscheidungen einer vom Volk gewählten Zweiten Kammer gehabt hätte. An der Spitze des Staates hätte ein von den Angehörigen der Geistesaristokratie gewählter „Philosophenkönig“ als „Aristos unter den Aristoi“ und „Caesar mit der Seele Christi“ stehen sollen, der seinerseits die Angehörigen der Geistesaristokratie in ihr Amt berufen hätte. Er verglich diesen König mit dem Papst und die Mitglieder des Rates mit den Kardinälen der katholischen Kirche.8

In seinen oben widergegebenen Gedanken über den „Militarismus der spirituellen Aktion“ beschrieb Hiller Konzepte, die sich so auch im vorkonziliaren politischen Katholizismus in Deutschland wiederfanden, der Milieus schuf, die sich dem Nationalsozialismus gegenüber als vergleichsweise resilient erwiesen, und auf die sich sowohl Teile des Widerstandes gegen diesen als auch der geistig-kulturelle Wiederaufbau Westdeutschlands nach dem Krieg stützen konnten.

Da die Linke der Gegenwart bzw. Neomarxisten und Anhänger der Postmoderne in vieler Hinsicht nahtlos an die von Hiller kritisierten Tendenzen anknüpfen, hat sein Aufsatz einen zeitlosen Charakter. So warf Hiller der Linken etwa vor, die Hochkultur zu verunglimpfen, weil diese angeblich das Produkt einer bestimmten unterdrückerischen Rasse oder Klasse darstelle. Dieser Impuls bestimmt auch die linksidentitären Strömungen der Gegenwart. Hiller warf diesem Denken vor, dass es nicht zur Befreiung der Unterdrückten führe, sondern ihnen die Werke und Leistungen der Hochkultur vorenthalte.9 Einen ähnlichen Vorwurf hatte aktuell auch der Philosoph Cornel West gegenüber der Ideologie des „Antirassismus“ erhoben.

Zeitlos aktuell ist auch die Beobachtung Hillers, dass große Teile der Linken von „Verbohrtheit“ geprägt seien. Das Phänomen der „Cancel Culture“ ist dort nicht neu, wie diese Worte Hillers nahelegen:

„Es gab und es gibt keine Diskussionsmöglichkeit bei den Marxisten – weder in der Kommunistischen Partei noch in der Sozialdemokratischen noch in ihren Sezessionen. Wer in einem Punkt oder gar in einigen von der vorgeschriebenen Linie abweicht, der fliegt – mag er noch so zielklar, noch so zieltreu sein.“10

Eine real existierende Alternative zwischen dem, was er als „Aftersozialismus“ bezeichnete und dem Nationalsozialismus sah Hiller seinem Aufsatz zufolge nur im politischen Katholizismus seiner Zeit. Gleichzeitig lehnte er die Lehre der Kirche und das Christentum („Mysterienschnickschnack“11) jedoch grundsätzlich ab, was ihn in Verbindung mit seiner Lebensführung (er gilt als einer der wichtigsten aktivistischen Homosexuellen seiner Zeit) daran hinderte, aus seinen Beobachtungen und Gedanken praktische Konsequenzen zu ziehen. Während seine Gedanken zur Zeit der Weimarer Republik noch stark wahrgenommen wurden, publizierte er später laut Alexandra Gerstner nur noch „in abseitigen linken Medien“ und geriet schließlich weitgehend in Vergessenheit.12 (FG1)

Quellen

  1. Kurt Hiller: „Über die Ursachen des nationalsozialistischen Erfolges“, Die Weltbühne, Nr. 35/1932, S. 309–315.
  2. Ebd., S. 313.
  3. Ebd., S. 313.
  4. Ebd., S. 311.
  5. Ebd., S. 313-314.
  6. Ebd., S. 311.
  7. Ebd., S. 314.
  8. Alexandra Gerstner: Neuer Adel. Aristokratische Elitekonzeptionen zwischen Jahrhundertwende und Nationalsozialismus, Darmstadt 2008, S. 304-322.
  9. Hiller 1932, S. 310.
  10. Ebd., S. 312.
  11. Zit. nach Gerstner 2008, S. 431
  12. Ebd., S. 537.