Klaus Schwab: Über das Problem des Globalismus

Pieter Bruegel - Der Turmbau zu Babel (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Wirtschaftswissenschaftler Klaus Schwab ist Gründer und Leiter des Weltwirtschaftsforums. In einem vor einiger Zeit mit dem Magazin „Der Spiegel“ geführten Gespräch kritisierte er die Ideologie des Globalismus. Indem sie alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens Marktprinzipien unterwerfe, vertiefe sie soziale Bruchlinien und schwäche den gesellschaftlichen Zusammenhalt, ohne den Demokratien nicht lebensfähig seien. Ohne lokale Verwurzelung und nationalstaatliche Politik sei zudem eine funktionierende globale Ordnung nicht möglich.

Schwab unterscheidet zwischen der Globalisierung als Phänomen und dem Globalismus als Ideologie:

„Ich glaube […], man muss zwischen Globalisierung und Globalismus unterscheiden. Globalisierung ist ein Faktum, wir sind weltweit miteinander verknüpft, nicht nur durch Produktionsketten und den Güterhandel. Das wird sich vertiefen, weil sich in einer digitalen Welt die Grenzen auflösen. Globalismus hingegen ist die Auffassung, eine Ideologie fast, dass alles, was geschieht, dem Gesetz des freien Marktes unterworfen sein muss. Ohne abpuffernde Maßnahmen führt das dazu, dass die Globalisierung Abwehrreaktionen auslöst.“

Ohne gesellschaftlichen Zusammenhalt sei „Demokratie nicht lebensfähig“. Ein wesentliches Problem bestehe diesbezüglich darin, das die gegenwärtig stattfindende „vierte industrielle Revolution“ sozialen Zusammenhalt „nicht befördert“. Sie führe dazu, dass diejenigen, die über das Kapital verfügten um in die Internetwirtschaft zu investieren, „zunehmend einen höheren Anteil am nationalen Einkommen als die, die von ihrer Arbeit leben“. Dies führe zu sozialer Polarisierung und schwäche den Zusammenhalt von Gesellschaften. Daher sei ein besserer Ausgleich „zwischen wirtschaftlicher Offenheit und dem sozialen Zusammenhalt einer Gesellschaft“ erforderlich.

Er habe seine frühere Position, der zufolge souveräne Nationen überflüssig seien, mittlerweile revidiert. Eine funktionierende globale Ordnung müsse sich auf drei Identitäten stützen: „eine globale, eine nationale und eine lokale“. Während Probleme wie Terrorismus nur auf globaler Ebene gelöst werden könnten, werde Politik „auf vielen Feldern jedoch weiterhin national gestaltet“. Die „lokale Verwurzelung“ sei zudem „heute wichtiger denn je“. Die verschiedenen Ebenen von Identität dürften nicht gegeneinander ausgespielt werden.1

Hintergrund und Bewertung

Einige Aktivisten betreiben mit der Unterstützung von Teilen der Medien gegenwärtig eine systemische Delegitimierung der fachlichen Auseinandersetzung mit der Ideologie des Globalismus. Dabei unterstellen sie jenen, die diese Auseinandersetzung führen, dass der Begriff des Globalismus ein „antisemitisches Codewort“ darstelle und offenbaren dadurch, dass ihnen die Fachdebatte zu diesem Thema offensichtlich unbekannt ist. Es handelt sich dabei um die selben Aktivisten, die vermutlich aus der gleichen Unkenntnis heraus zuletzt wiederholt antisemitische oder israelfeindliche Darstellungen übernommen hatten.

Manche Forscher vermeiden aufgrund dieses Aktivismus mittlerweile den Begriff „Globalismus“ und umschreiben ihn (wie es etwa der Soziologe Andreas Reckwitz tut) mit Begriffen wie „liberaler Kosmopolitismus“2, was aber nichts daran ändert, dass die von ihnen untersuchte Ideologie existiert und im Zuge ihrer Durchsetzung weltweit kulturelle und gesellschaftliche Herausforderungen erzeugt. Nirgendwo wird der Begriff des „Globalismus“ dabei in der Fachdebatte mit den von den Aktivisten unterstellten Konnotationen verwendet.

Der Begriff des Globalismus wurde durch den Soziologen Ulrich Beck in die Diskussion eingeführt. Beck unterschiedet zwischen der Globalisierung als dem Prozess des Bedeutungs- und Souveränitätsverlusts des Nationalstaates und dem Globalismus als neoliberaler Ideologie. Dieser sei ein „Imperialismus des Ökonomischen“, der alle Bereiche von Staat und Kultur nach ökonomischen Prinzipien organisieren wolle.3 Globalistische Ideologie betrachte politisches Handeln primär als Anpassung von Gesellschaften an die Erfordernisse und Abläufe des Weltmarktes, um deren optimale wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit zu gewährleisten.4

Seitdem wurde der Begriff des Globalismus zur Bezeichnung jener sich im Entstehen befindlichen, noch nicht über eine Eigenbezeichnung verfügenden Ideologie weiterentwickelt, welche die Gestaltung aller Bereiche des Lebens nach ökonomischen Prinzipien anstrebt und gleichzeitig die Auflösung von Grenzen und Bindungen verschiedenster Art fordert, die als Einschränkungen einer vorwiegend ökonomisch verstandenen Freiheit betrachtet und deshalb ablehnt.

  • Die Philosophin Nancy Fraser verwendete die Bezeichnung „progressiver Neoliberalismus“ zur Beschreibung der Ideologie des Globalismus. Dieser stelle ein „seltsames Bündnis zweier Kräfte“ dar; „auf der einen Seite die dynamischsten, postindustriellen, symbolisch aufgeladenen Teile der US-Wirtschaft – Silicon Valley, Wall Street und Hollywood. Auf der anderen Seite der liberale Mainstream der ‚Neuen sozialen Bewegungen‘ – liberaler Feminismus und LGBTQ-Rechte, Multikulturalismus und Umweltschutz.“5
  • Der progressive Neoliberalismus betrachte den Markt prinzipiell als das beste Mittel zur Lösung gesellschaftlicher Probleme, nehme gesellschaftliche Fragen primär aus einer ökonomischen Perspektive heraus wahr und fordere die Auflösung traditioneller Lebensmodelle als Voraussetzung für gesellschaftliche Liberalisierung.6
  • Der Soziologin Cornelia Koppetsch zufolge habe sich globalistische Ideologie in Folge des Wirkens der 68er-Bewegung entwickelt. Die von ihr angestoßenen gesellschaftlichen Entwicklungen, etwa Individualisierungsprozesse, seien später zum „Treiber kultur- und marktliberaler Globalisierungsprozesse“ geworden. 7

Der von den erwähnten Aktivisten geforderte Verzicht auf die Globalismusdebatte würde Gesellschaften nicht nur blind für einige der größten Herausforderungen der Gegenwart machen, sondern auch verhindern, dass Antworten auf sie gefunden werden können. Nicht nur im Interesse wissenschaftlicher Integrität, sondern auch im Interesse der Verantwortung für das Gemeinwohl sollte diesen Forderungen daher konsequent widerstanden werden. (sw)

Quellen

  1. Susanne Amann/Martin Hesse: „‚Wir brauchen einen gemeinsamen Kraftakt wie die Mondlandung‘“, Der Spiegel, 12.01.2019, S. 71–73.
  2. Andreas Reckwitz: Das Ende der Illusionen. Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne, Frankfurt a. M. 2019, S. 128.
  3. Ulrich Beck: Was ist Globalisierung?, Frankfurt am Main 1997, S. 2.
  4. Ulrich Beck: „Die Eröffnung des Welthorizontes: Zur Soziologie der Globalisierung“, Soziale Welt, Nr. 47 (1997), S. 3-16, hier: S. 5.
  5. „’Wir brauchen eine Politik der Spaltung“, Philosophie Magazin, Nr. 6/2018, S. 18-19.
  6. Nancy Fraser: „Für eine neue Linke oder: Das Ende des progressiven Neoliberalismus“, Blätter für deutsche und internationale Politik, Nr. 2/2017, S. 71-76.
  7. Cornelia Koppetsch: Die Gesellschaft des Zorns. Rechtspopulismus im globalen Zeitalter, Bielefeld 2019, S. 88 f.