Jérôme Fourquet: Frankreich zerfällt

Eugène Thirion - Die heilige Johanna (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Politikwissenschaftler Jérôme Fourquet ist für das französische Meinungsforschungsinstitut IFOP tätig. In einem in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ veröffentlichten Gespräch beschreibt er kulturelle und gesellschaftliche Zerfallsprozesse in Frankreich. Immer mehr Franzosen befürchteten einen kritischen Verlauf dieser Entwicklung und forderten ein entschlosseneres Handeln des Staates zur Bekämpfung ihrer Ursachen und Folgen.

  • Frankreich durchlaufe seit einigen Jahren „eine Umkehrung des von Norbert Elias beschriebenen ‚Prozesses der Zivilisation‘.“ Die Verrohung des öffentlichen Lebens und die Zunahme von Kriminalität gehörten zu den Folgen.
  • Die französische Gesellschaft zerfalle außerdem zunehmend „in unzählige Gruppen mit unterschiedlichen Interessen und Identitäten“. In Folge der Säkularisierung der Gesellschaft habe sich die Ansicht durchgesetzt, dass sich nichts „dem Ego und seinen Wünschen entgegenstellen“ solle. Immer mehr Menschen leben „für sich und nicht als Teil einer nationalen Gemeinschaft. […] Jeder baut sich seine kleine Insel.“ Zudem gehe die „Homogenität, die Frankreich bis in die späten siebziger Jahre charakterisierte“, zunehmend verloren. Der Wandel des Landes zu einer multiethnischen und multikulturellen Gesellschaft werde angesichts seiner Folgen von vielen nicht als Fortschritt empfunden.
  • Insbesondere die Mittelschicht stelle zunehmend fest, dass sie den Folgeerscheinungen wie dem anhaltenden islamistischen Terrorismus nicht durch die Flucht aus den Großstädten und Stadtzentren entkommen könne.

Eine wachsende Zahl von Franzosen reagiere auf diese Entwicklung mit Sorge über „drohenden Zerfall und kommende Bürgerkriege“ sowie mit Forderungen nach staatlichem Handeln gegen die Ursachen dieser Entwicklung. Ein jüngst veröffentlichter Aufruf pensionierter französischer Generale sei aus diesem Grund bei einer großen Mehrheit der Franzosen auf positive Resonanz gestoßen. Dieser Aufruf sei nicht nur Ausdruck der „in allen Berufssparten im Sicherheitsbereich“ zu beobachtenden, häufig auf eigenen Erfahrungen beruhenden „Erbitterung“ und „Beunruhigung“ über die Entwicklung des Landes, sondern spiegele die Eindrücke der Mehrheit wieder.1

Hintergrund und Bewertung

Den erwähnten Aufruf der Generale hatten wir hier thematisiert. Sie hatten sich in einem offenen Brief an den Präsidenten des Landes gewandt und vor einem Bürgerkrieg gewarnt. Der Zerfall der Gesellschaft und das Wirken extremistischer und krimineller Akteure hätten ein Ausmaß erreicht, das ein Eingreifen der Streitkräfte erforderlich machen könne, falls diesen Tendenzen nicht Einhalt geboten werde.

Amerikanische Nachrichtendienste hatten vor einigen Monaten gewarnt, dass ähnliche Auflösungstendenzen in vielen westlichen Gesellschaften zu beobachten seien. Nationale Identitäten erodierten zunehmend, während sich gesellschaftliche Bruchlinien vertieften.  Die damit verbundenen Konflikte hätten das Potenzial dazu, gewaltsam zu verlaufen.

In keiner westlichen Gesellschaft sind derzeit relevante Akteure erkennbar, die über das Potenzial verfügen, das kulturelle Zentrum dieser Gesellschaften zu stärken und auf dieser Grundlage Bindungen zu erneuern, die ein solidarisches Zusammenleben und gemeinsames Streben nach dem Gemeinwohl wieder ermöglichen würden. Auch die erwähnten Generale entwickeln in ihrem Aufruf keine Gedanken, die in diese Richtung gingen. Der Politikwissenschaftler Mark Lilla hatte allerdings eine derzeit abseits der öffentlichen Wahrnehmung in Westeuropa entstehende christlich-konservative Erneuerungsbewegung beschrieben, die dieses Ziel anstrebe.

Quellen

  1. Michaela Wiegel: „‚Die Republik zerlegt sich‘“, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 09.05.2021, S. 7.