Hans Scholl: „Hüter eines heiligen Erbes“

William Blake - Der große Rote Drache und die mit der Sonne bekleidete Frau

Hans Scholl (1918-1943) war der Kopf der heute von verschiedenster Seite vereinnahmten studentischen Gruppe „Weiße Rose“, die Widerstand gegen den Nationalsozialismus leistete. In seinen Briefen und Tagebuchaufzeichnungen beschreibt er mit seinen eigenen Worten seinen Weg zum christlichen Glauben und seinen Willen dazu, als „Hüter eines heiligen Erbes“ die Herrschaft der Ideale der abendländischen Tradition in Deutschland wiederherzustellen.

Über abendländischen Patriotismus

Scholl bezeichnet sich selbst als Patriot, wobei sich sein Patriotismus, mit dem er auch seine Entscheidung zum Widerstand begründet, vor allem auf das abendländische Erbe Europas bezieht, das er durch den Nationalsozialismus bedroht sieht.

Während der Sudentenkrise am Vorabend des Zweiten Weltkriegs schreibt er, dass sich echter Patriotismus (den er zu diesem Zeitpunkt noch vorrangig auf die deutsche Nation bezieht) gerade in schwierigen Zeiten beweisen müsse:

„Noch nie in meinem Leben war ich so Patriot im eigentlichen Sinne des Wortes, als gerade in den ersten Oktobertagen dieses Jahres. Erst wenn man sich fragen muß, ob das Vaterland überhaupt noch die Bedeutung hat, wie es vielleicht einmal war; wenn man allen Glauben an Fahnen und Reden verloren hat, weil die Begriffe abgegriffen und wertlos geworden sind, dann erst setzt sich das reine Ideal durch.“1

Während seines Frankreich-Einsatzes bekundet er seine Hochachtung gegenüber den Franzosen (so wie später auch gegenüber Polen und Russen), äußert aber sein Befremden über Selbstmorde vorgeblicher französischer Patrioten, die nicht unter deutscher Herrschaft leben, aber auch nicht gegen diese kämpfen wollten:

„Merkwürdige Patrioten, wo Frankreich gerade jetzt starke Männer braucht.“2

Scholl beklagt unter dem Eindruck des Missbrauchs europäischer Kulturideale durch die Nationalsozialisten den „Modergeruch der europäischen Kultur“, bekräftigt aber, dass er sich unbeeindruckt davon als „ganzer Europäer, Epigone, Hüter eines heiligen Erbes“ wahrnehme.3

Unter dem Eindruck der Teilnahme an einem orthodoxen Gottesdienst in Russland erkennt er den Nihilismus als Wurzel der Krise Europas. Er drückt die Hoffnung aus, dass, wenn alles zerstört sei, „immer noch Hüter da“ sein werden, „die das Feuer entfachen und es von Hand zu Hand weitergeben, bis eine neue Welle der Wiedergeburt das Land überschwemmt“ und der „Wolkenschleier“, der Europa bedecke, zerrissen werde „von der Sonne eines neuen religiösen Erwachens“.4 An anderer Stelle schreibt er, dass der Krieg alle Illusionen vernichten und den Menschen eines verwüsteten Europas nichts anderes übrig bleiben werde, als nach den Diamanten zu suchen, „die unzerstörbar im Schutt vergraben sind“.5

Während seines Einsatzes an der Ostfront äußert er wiederholt den Wunsch danach, „nach Osten zu wandern“ und sich in die Einsamkeit und Stille der endlosen russischen Wälder zurückzuziehen. Er verweigert sich dies jedoch mit den Worten, dass er „in dieser zwölften Stunde Europa nicht verlassen“ dürfe:

„Nur aus diesem Grund will ich wieder zurück nach Deutschland, auf daß ich dem Abendlande und das Abendland mir nicht verloren geht.6

Er müsse handeln, denn wenn „die wilden Tiere ihren Gewahrsam gesprengt [haben] und unters Volk gelaufen sind, muß eben jeder, der einen starken Arm hat, nach der Waffe greifen, gleichgültig, welchen Standes und welcher innerer Berufung er ist.“7

Über den Kulturauftrag der Eliten

Scholl verachtet die Masse, die ihm bereits vor dem Beginn des Krieges „immer verhaßter“ geworden sei, weil sie „namenlose Begeisterung“ für die Diktatur zeige und eines Tages „blind und dumm“ losmarschieren werde.8 Während des Krieges verfestigt sich diese Verachtung. Er wolle nicht von der Masse reden, da es nur auf die „Elite des Volkes“ ankäme, weil nur sie „für den geistigen Gehalt und die Richtung des ganzen Volkes verantwortlich ist“. Diese Elite habe habe jedoch versagt und die kulturellen Bedingungen für das Heraufziehen des Chaos geschaffen. Zwar ahne diese kulturelle Elite nun „das drohende Verhängnis“, reagiere darauf aber mit „einem noch größeren Irrtum“, nämlich mit einer „Flucht ins Ästhetische“.9

Über Glaube und Berufung

Zum Beginn seiner Aufzeichnungen im Jahre 1937 bezieht sich Scholl allgemein auf christliche Motive und deutet an, dass er eine Berufung erwarte, die viel von ihm fordern werde. Nachdem er und andere wegen Mitgliedschaft in einer bündischen Jugendorganisation vorübergehend verhaftet wurden, schrieb er etwa:

„Wir wollen uns nicht als Märtyrer fühlen, obwohl wir manchmal Grund dazu hätten. Denn die Reinheit unserer Gesinnung lassen wir uns von niemandem antasten. Unsere innere Kraft und Stärke ist unsere stärkste Waffe.“10

Er „fühle erst jetzt ganz den Willen meines Vaters, den er selbst hatte, und den er mir übergab: etwas Großes zu werden für die Menschheit.“ Außerdem spüre „manchmal den ewigen Hauch eines unendlich großen und stillen Etwas. Gott. Schicksal.“11

Ende 1941 ändern sich Inhalt und Stil der Aufzeichnungen Scholls, nachdem er offensichtlich zu einem tiefen christlichen Glauben gefunden hatte. Ihm sei „in diesem Jahre Christus neu geboren“ worden: „Ich hörte den Namen des Herrn und vernahm ihn“.12

Wenige Monate später nimmt die „Weiße Rose“ unter seiner Führung ihre Aktivitäten auf. Gleichzeitig werden seine Aufzeichnungen kontemplativer, aber auch radikaler. Während er den Weltkrieg, der die „Seelen aller Männer“ zerstöre13 und die Unschuldigen heimsuche, immer schärfer verurteilt, äußert er sich zugleich immer militanter gegenüber den Urhebern dieses Krieges:

„Wann fegt ein Sturm endlich all diese Gottlosen hinweg, die Dein Ebenbild beflecken, die einem Dämon das Blut von Tausenden von Unschuldigen zum Opfer darbringen?14

Während er zusammen mit anderen den Widerstand gegen den Nationalsozialismus aufnimmt, bereitet er sich zugleich auf seinen Tod vor. Er beschreibt etwa einen Traum von einer gefährlichen Brücke, die er überschreiten müsse, „und koste es dein Leben“, was es im Traum auch tut.15 Aus seinem christlichen Glauben heraus ist er jedoch bereit, den Tod in Kauf zu nehmen:

„Was ist der Tod? Warum haben die Leute solche Angst vor ihm? […]

Hier sterben täglich zehn, das ist noch nicht viel, und es wird kein Aufhebens davon gemacht. Wieviel Blumen werden achtlos zertreten? Wird nicht Christus stündlich hundertfach gekreuzigt? […]

Wenn Christus nicht gelebt hätte und nicht gestorben wäre, gäbe es wirklich gar keinen Ausweg. Dann müßte alles Weinen grauenhaft sinnlos sein. Dann müßte man mit dem Kopf gegen die nächste Mauer rennen und sich den Schädel zertrümmern. So aber nicht.“16

Kurz vor seiner Verhaftung und Hinrichtung schreibt er:

„Nur ein Schwächling verschwendet sich nicht.“17

In seinem letzten, an eine Freundin adressierten Brief schreibt er, dass er „die Gefahr selbst gewählt habe“ und sich nun „frei, ohne Bindung“ an sein Ziel begeben müsse. Er schließt mit einem Zitat Paul Claudels: „La vie, c’est une grande aventure vers la lumière“ („Das Leben ist ein großes Abenteuer hin zum Licht.“).18

Hintergrund und Bewertung

Die deutsche Erinnerungskultur tut sich mit vielen Persönlichkeiten des Widerstands gegen den Nationalsozialismus schwer, weil deren oft im christlichen Glauben und der abendländischen Tradition fundierte Radikalität der deutschen Gegenwartskultur fremd sind und sie deshalb verfremdet dargestellt werden müssen, um sie in Gegenwartsdiskurse einzupassen. Der meist auf harmlose Kalendersprüche reduzierte Dietrich Bonhoeffer der öffentlichen Erinnerung hat zum Beispiel mit der keineswegs harmlosen historischen Persönlichkeit kaum etwas gemeinsam.

Auch Hans Scholl wäre das Deutschland der Gegenwart vermutlich fremd gewesen. Laut dem evangelischen Theologen Robert Zoske nahm der pietistisch geprägte Scholl den Kampf gegen den Nationalsozialismus als einen religiösen Krieg und sich selbst als ein Werkzeug Gottes in diesem Krieg wahr.19

Scholls geistiger Weg und sein Denken erschließen sich auch durch die Lektüre, die er in seinen Aufzeichnungen als prägende Einflüsse angibt. An erster Stelle nennt er das Buch „Das neue Mittelalter“ des Philosophen Nikolai Berdjajew, das wir hier rezensiert hatten. Frank Joseph Schöning, der sich im gleichen christlichen Milieu bewegte wie Scholl und ihn wahrscheinlich auch persönlich kannte, bezeichnete ihn in einem Nachruf außerdem „Blutzeuge für die Wirklichkeit eines geheimen Deutschland“.20 Zoske betont in seiner Biografie ebenfalls den Einfluss des Dichters Stefan George bzw. des „Geheimen Deutschlands“ auf Scholl.21 Weder er noch die anderen Mitglieder der „Weißen Rose“ eignen sich somit für Versuche von Akteuren, die außerhalb der erwähnten Traditionen stehen, sie für ihre Zwecke zu vereinnahmen und zu instrumentalisieren.

Quellen

  1. Inge Jens (Hrsg.): Hans Scholl. Sophie Scholl. Briefe und Aufzeichnungen, Frankfurt a. M. 1984, S. 19.
  2. Ebd., S. 38.
  3. Ebd., S. 88.
  4. Ebd., S. 92.
  5. Ebd., S. 68.
  6. Ebd., S. 106.
  7. Ebd., S. 110.
  8. Ebd., S. 16-19.
  9. Ebd., S. 112-113.
  10. Ebd. S. 12.
  11. Ebd., S. 13-15.
  12. Ebd., S. 75.
  13. Ebd., S. 75.
  14. Ebd., S. 91.
  15. Ebd., S. 98-99.
  16. Ebd., S. 102-103.
  17. Ebd., S. 114.
  18. Ebd., S. 116.
  19. Robert Zoske: Flamme sein! Hans Scholl und die Weiße Rose. Eine Biografie, München 2018.
  20. Zit. nach Jens 1984, S. 261.
  21. Zoske 2018, S. 64 ff.