Alexei Yurchak: Sprachkontrolle und Lageblindheit in postmodernen Staaten

Ambrogio Lorenzetti - Die Allegorie der schlechten Regierung (gemeinfrei)

Der Anthropologe Alexei Yurchak lehrt an der University of California in Berkeley. Er schuf den Begriff der „Hypernormierung“ zur Beschreibung von postmodernen Versuchen, die gewünschte Wirklichkeit durch die Kontrolle der Sprache herzustellen. Am Beispiel der Spätphase der Sowjetunion beschrieb er, wie solche Versuche Staaten und Gesellschaften zunehmend blind für ihre tatsächliche Lage machen und ihren Zusammenbruch begünstigen.1

Der sowjetische Staat habe Sprache nicht als ein Mittel zur Beschreibung der Wirklichkeit, sondern als ein Mittel zur Schaffung der ideologisch gewünschten Wirklichkeit betrachtet. Die Sowjetunion sei in ihrem Endstadium faktisch ein postmoderner Staat gewesen.2

Mit zunehmendem Verfall von Staat und Gesellschaft habe Sprache zudem dazu gedient, die Herausforderungen, denen der Staat nicht gewachsen war, unsichtbar zu machen. Der Staat sei dadurch blind für seine tatsächliche Lage geworden, was die in ihm wirkenden Zerfallsprozesse beschleunigt habe. Weil die Sowjetunion zumindest bei der Erzeugung von Illusionen über ihren inneren Zustand erfolgreich gewesen sei, habe ihr rascher Zusammenbruch die meisten Beobachter überrascht.

  • Alle offizielle und öffentlich zulässige Kommunikation in der Sowjetunion sei „hypernormiert“ gewesen. Staatliche Stellen hätten Formeln und Begriffe vorgegeben, mit denen Sachverhalte des öffentlichen Lebens angesprochen werden durften. Diese Vorgaben hätten den Anspruch erhoben, wissenschaftlich fundiert zu sein.
  • Eine Diskussion oder Kritik dieser Begriffe sei nicht vorgesehen gewesen. Offizielle Kommunikation habe darin bestanden, die zentral festgelegten Formeln möglichst unverändert wiederzugeben. Nur in Parteikomitees, aus denen nichts an die Öffentlichkeit gelangt sei, habe eine begrenzte Möglichkeit dazu bestanden, Sachverhalte offen anzusprechen.3

Da alternative Informationsquellen weitestgehend ausgeschaltet waren, habe man als Bürger des kommunistischen Staates kaum Zugang zur Wirklichkeit gehabt. Kommunikation sei unter diesen Bedingungen zu einem Ritual geworden. Man habe die offizielle Kommunikation verfolgt, um zu wissen, was von einem erwartet wird, und ihre Aussagen wiederholt, um sich Probleme zu ersparen und ein möglichst normales Leben führen zu können.4

Hintergrund und Bewertung

Die Fähigkeit zum Erkennen der eigenen Lage ist eine grundlegende Eigenschaften resilienter Organisationen oder Gemeinwesen.5 In der abendländischen politischen Philosophie stellt die Kardinaltugend der Klugheit, also die Fähigkeit zum Erkennen der Wirklichkeit und eigenen Lage, daher die wichtigste Tugend politischer Führung dar.6 Die von Yurchak am Beispiel des sowjetischen Kommunismus kritisierten utopischen Ideologien weisen einen strukturell bedingten Mangel an Klugheit auf, der bislang in allen Fällen dazu führte, dass sie an der Wirklichkeit scheiterten.

Oswald Spengler sprach von einer „Angst vor der Wirklichkeit“, welche die „seelische Schwäche des späten Menschen hoher Kulturen“ sei. Diese Angst äußere sich in einer Flucht „in erdachte und weltfremde Systeme“ und darin, dass man Wunschbilder an die Stelle der unerwünschten Tatsachen stelle. Je größer die Angst vor der Wirklichkeit sei, desto lauter würden die Bekundungen von Optimismus im Angesicht von Krisen. Diese Wirklichkeitsflucht sei häufig mit utopischem Denken verbunden und eine Folge mangelnder Welterfahrung sowie des „schwachen, sich selbst hassenden Intellekts“ infantiler Persönlichkeiten. Sie sei kennzeichnend für „Männer, die zu lange oder immer Kinder geblieben sind“ und die sich als „ewige Jünglinge“ der Härte der Wirklichkeit nicht stellen wollten.7

Die von Yurchak kritisierten Ansätze gewinnen gegenwärtig in westlichen Gesellschaften zunehmenden Einfluss auf das staatliche Handeln. Ein Beispiel dafür sind pseudowissenschaftliche, auf neomarxistischer und postmoderner Ideologie beruhende Rassismusdiskurse, welche die Ansprache und Analyse von Herausforderungen in den Bereichen Innere Sicherheit und Integration zunehmend erschweren und eine Sprache geschaffen haben, die diese Herausforderungen unsichtbar macht. Dies ist mit dem Risiko verbunden, dass in diesen Bereichen politischen Entscheidungen nicht auf der Grundlage realistischer Lagebilder, sondern auf der Grundlage ideologischer Wunschvorstellungen getroffen werden, so dass die erwähnten Herausforderungen langfristig außer Kontrolle geraten könnten.

Quellen

  1. Alexei Yurchak: Everything Was Forever, Until It Was No More. The Last Soviet Generation, Princeton 2005.
  2. Ebd., S. 75.
  3. Ebd., S. 50 ff.
  4. Ebd., S. 286.
  5. „Sicherheit und Resilienz – Resilienz von Organisationen – Grundsätze und Attribute“, ISO 22316:2017-03, März 2017.
  6. Josef Pieper: Traktat über die Klugheit, Leipzig 1937, S. 50.
  7. Oswald Spengler: Jahre der Entscheidung, München 1933, S. 3-10.