Thomas Biebricher: Zur Lage des Konservatismus in Deutschland

John Martin - Ruins of an Ancient City (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Politikwissenschaftler Thomas Biebricher lehrt an der Copenhagen Business School. In einem jetzt in der „Frankfurter Rundschau“ veröffentlichten Gespräch äußert er sich zu Lage des Konservatismus in Deutschland. Dieser sei sowohl inhaltlich als auch personell erschöpft. Er könne jedoch eine Perspektive haben, wenn er sich wieder auf „Unverfügbarkeiten“ und auf die Themen „Verortung und Verwurzelung“ besinne.

  • Den christdemokratische Konservatismus kennzeichne eine „inhaltliche Erschöpfung“. Das vorläufig „letzte konservative Identifikationsmerkmal“ sei „die schwarze Null“ gewesen.
  • Die Unionsparteien stützten sich seit Jahrzehnten auf einen „technischen Konservatismus“, der dazu beigetragen habe, dass „bestehende soziale Strukturen in Frage gestellt werden“. Die propagierten Neuerungen hätten „massive Auswirkungen“ auf vorhandene kulturelle Bestände und traditionelle Lebensgewohnheiten gehabt, „die dadurch in Frage gestellt und im Zweifelsfall sogar hinweggefegt werden“. Diese Form des Konservatismus sei in sich widersprüchlich, weil sie keine bewahrende Wirkung mehr entfalte.
  • Dieser  Konservatismus habe außerdem „ein Nachwuchsproblem“ und sei in jeder Hinsicht so weit ausgedünnt, dass Konservative in der CDU sich um Friedrich Merz sammelten, der gar kein Konservativer sei, sondern ein liberaler Finanzpolitiker.

Ein erneuerter Konservatismus könne sich „rund um Unverfügbarkeiten“ (etwa beim Umgang mit Biotechnologie) positionieren und die Themen „Verortung und Verwurzelung“ betonen. Um „der Zukunft zugewandt zu sein, braucht es eine Verwurzelung in der Vergangenheit“. Hier müsste sich der Konservatismus entscheiden, wie weit er „an kapitalistisch getriebenen Innovationen festhalten“ und welchen Stellenwert er den Themen „Wohlstand und Arbeitsplätze“ einräumen wolle:

„Konservatismus setzt gegen die Veränderung auf Bewahrenswertes. Er sucht im Wandel einen Halt und Orientierung in festen Werten. Die Herausforderung der Konservatismen besteht darin, dass auch dieses Bewahrenswerte sich über die Zeit hinweg ändert, sogar ändern muss, wenn der Konservatismus nicht aus der Zeit fallen will. Das heißt, es muss stetig etwas nachwachsen an neuen, konservativen Positionen. Ein neuer konservativer Bestand, von dem sich sagen lässt: Das ist es wert, künftig bewahrt zu werden.“1

Hintergrund und Bewertung

Biebricher hatte sich in der Vergangenheit intensiv mit Auflösungserscheinungen im Konservatismus in Deutschland auseinandersetzt. Seine Gedanken dazu hatten wir hier vorgestellt.

Biebricher erwähnt in seinem Gespräch ein gegenwärtig verbreitet anzutreffendes Verständnis von Konservatismus, das diesen als „Moderator des Fortschritts“ versteht, der Gesellschaften dabei helfen solle, gesellschaftlichen Wandel zu steuern und erträglich zu gestalten, selbst aber nicht Quelle des Wandels sein will, sondern nur passiv auf Impulse anderer Weltanschauungen reagiert.

Tatsächlich jedoch verfügt vor allem der christliche Konservatismus über eigene Vorstellungen von gesellschaftlichem Wandel und hat in der Geschichte keinesfalls nur passiv agiert. Quelle des Wandels in diesem Denken nach eine durch Kontemplation gewonnene Vorstellung einer transzendenten Ordnung, die als Leitbild für die Gestaltung einer sozialen Ordnung dient. Diese Vorstellung geht auf Platon zurück und ist somit von Beginn an in der der abendländischen Geschichte präsent gewesen. Auch wenn der Begriff „Konservatismus“ erst im späten 18. Jahrhundert entstand, so ist der im oben beschriebenen Sinne verstandene Konservatismus vermutlich die älteste, einflussreichste und dauerhafteste politische Weltanschauung in der Geschichte des europäischen Kulturraums. Felix Dirsch sprach daher von einem „ewigen Konservatismus“.2

Zu den Prinzipien dieses Konservatismus zählte Russell Kirk neben der Annahme einer zeitlos gültigen moralischen Ordnung auch das Streben nach kultureller Kontinuität, die Bevorzugung des Bewährten und Erprobten, langfristiges Denken, die Bejahung von Unterschieden und die Ablehnung von Egalitarismus und staatlich erzwungener Uniformität, ein skeptisches Menschenbild und damit verbunden die Bejahung der Kontrolle von Macht sowie die Ablehnung utopischen Denkens, ein Denken von der Basis her bzw. die Bejahung von freiwilligen Zusammenschlüssen von Bürgern sowie von Privateigentum und Skepsis gegenüber staatlichen Eingriffen und Zentralismus.3

Der christliche Konservatismus sei vor allem ein Kulturkonservatismus, der konkrete bzw. in Nationalkulturen verwirklichte Formen christlich inspirierter Kultur bewahren und sie laufend durch Rückbindung auf ihren Ursprung erneuern wolle.4 Dieser Konservatismus führe seit über 200 Jahren ein Rückzugsgefecht gegen die radikalen Ideologien, die sich als Gegner der transzendenten Ordnung verstehen und nach der Auflösung der aus der Bindung an sie geschaffenen kulturellen Bestände strebten.5 Eine Rolle als passiver Moderator der Fortschrittsvorstellungen dieser Ideologien wäre unzureichend, weil am Ende dieser Vorstellungen stets die Auflösung oder Zerstörung der aus religiösen Bindungen heraus gewachsenen Ordnung steht.

Quellen

  1. „‚Es muss stetig etwas nachwachsen an neuen, konservativen Positionen‘“, Frankfurter Rundschau, 28.04.2021.
  2. Felix Dirsch: Authentischer Konservatismus. Studien zu einer klassischen Strömung des politischen Denkens, Berlin 2012, S. 25 ff.
  3. Russell Kirk: The Politics of Prudence, Bryn Mawr 1993.
  4. Ebd., S. 194.
  5. Ebd., S. 30-33.