Sebastian Haffner: Wie man eine freie Gesellschaft zerstört

Ambrogio Lorenzetti - Die Allegorie der schlechten Regierung (gemeinfrei)

Der Publizist Sebastian Haffner verfasste 1933 einen erst nach seinem Tod veröffentlichten Text über seine Erfahrungen im „Referendarlager Jüterbog“, wo er als Jurist an einer „weltanschaulichen Schulung“ teilnehmen musste. Mit psychologisch ausgefeilten Methoden sei dort innerhalb kurzer Zeit ohne die Anwendung von Gewalt aus freien und gebildeten Männern eine passive Masse geformt worden, die sich in den nationalsozialistischen Staat einfügte. Haffner gewährt in seinem Text einen Einblick in diese Methoden und ermöglicht es dadurch, sie zu erkennen, falls sie eines Tages erneut zum Einsatz kommen sollten.

Die Teilnehmer, „Referendare immerhin, Akademiker mit intellektueller Schulung, angehende Richter und gewiß nicht durch die Bank Schwächlinge ohne Überzeugungen und ohne Charakter“ seien durch die angewendeten Methoden „binnen wenigen Wochen zu einer minderwertigen, gedankenlos-leichtfertigen Masse“ gemacht worden, die mit der „der ganzen intellektuellen Feigheit und Verlogenheit des Kollektivwesens“ alles ausblendete, was die innere Einfügung in den totalitären Staat hätte stören können.

Durch zunächst kleine und scheinbar harmlose Forderungen nach Konformität sei man an eine passive Haltung gewöhnt worden, die es dem NS-Staat später leichter gemacht habe, weiterreichende Forderungen durchzusetzen:

  • Eine der ersten Maßnahmen zur Vermassung der Teilnehmer habe darin bestanden, ihnen das „Sie“ zu verweigern und das volksgemeinschaftliche „Du“ unter ihnen durchzusetzen.
  • Durch die Forderung danach, eine bestimmte Sprache zu verwenden oder bestimmte Symbole zu zeigen, habe man jene sichtbar gemacht, die sich nicht konform verhielten. Die Teilnehmer hätten sich gefügt und sich konform verhalten, weil man sich nicht sicher sein konnte, ob das Gegenüber ein Anhänger der Staatsideologie war, der einem Nachteile bereiten konnte.
  • Die eigentliche Schulung habe vor allem darin bestanden, den Teilnehmern sinnlose Aufgaben aufzuerlegen. Durch die „ständige Demütigung, die darin gelegen hatte, den ganzen Tag Dinge zu tun, die überhaupt keinen erkennbaren Sinn und Verstand hatten“, seien die Teilnehmer psychisch erschöpft worden.
  • Als später scheinbar sinnvollere Inhalte vermittelt wurden, die der Einbindung der Teilnehmer in den NS-Staat dienten, sei dies von ihnen als „erlösend“ empfunden worden, und man habe diese Inhalte positiv aufgenommen, ohne sie zu hinterfragen. Durch dieses Vorgehen sei man außerdem psychisch darauf vorbereitet worden, kleine Freiheiten als Privilegien zu empfinden und dankbar anzunehmen.

Es sei dieser Art von Schulung insgesamt darum gegangen, freie Männer „wenn nicht in Nazis, so doch in brauchbares Material für die Nazis“ zu verwandeln. Alle hätten sich darauf eingelassen und seien die geforderten Kompromisse eingegangen, um ihr Examen ablegen zu können, in Aussicht gestellte Erleichterungen zu genießen oder persönliche Nachteile zu vermeiden:

„Hätte ich mich vielleicht weigern sollen, gleich am ersten Tag, als die Armbinden ausgehändigt wurden? Gleich erklären: Nein, so etwas trage ich nicht, und es unter dem Fuß stampfen? Aber das wäre wahnsinnig gewesen und noch mehr lächerlich. […] Alle Leute trugen hier die Armbinden, und ich wußte nachgerade, es waren mehr darunter, die ‚privat‘ genau so darüber dachten wie ich. Wenn ich Theater gemacht hätte, sie hätten die Achseln gezuckt. Besser, ich trug jetzt die Armbinde, so blieb ich frei und konnte später meine Freiheit richtig benutzen. […] Schweigen war besser …“.

Eine wesentliche Ursache für die Kollaboration mit totalitären Akteuren sah Haffner auch in einer besonderen Eigenschaft der deutschen Seele:

„Und schließlich gab es da einen seltsamen, sehr deutschen Ehrgeiz, der plötzlich zu spielen begann, ohne daß wir es selbst so recht merkten: nämlich einen abstrakten Tüchtigkeits-Ehrgeiz, den Ehrgeiz, eine Sache, die einem aufgegeben wird, auch wenn sie völlig sinnlos, unverständlich und sogar demütigend ist, so gut wie möglich zu machen, so tüchtig, sachlich und gründlich wie nur denkbar auszuführen …

Hier war unser aller schwache Stelle – ob wir nun im übrigen Nazis oder Nichtnazis waren. Und hier wurden wir mit bemerkenswert psychologisch-strategischem Geschick angepackt.“

Außerdem habe sich unter den Teilnehmern der Schulung der korrumpierte Kameradschaftsbegriff des Nationalsozialismus verbreitet, welcher die Masse verherrlicht, das Individuum abgewertet und keine Diskussion zugelassen habe. Im politischen Klima der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“ hätten Diskussionen „sofort die Farbe der Quengelei und Stänkerei“ angenommen, weshalb sie unterblieben seien.

Man habe die Deutschen überwiegend nicht aktiv unterdrücken müssen. Die „Deutschen, mit ihrer geringen Begabung zum individuellen Leben“ seien „willig und gierig“ gewesen, die „Früchte der gefährlichen Freiheit“ gegen „die bequem zur Hand hängende, üppige, saftig-quellende Rauschfrucht“ des „allgemeinen, wahllosen, gemein machenden“ Massenprinzips zu tauschen.1

Quellen

  1. Sebastian Haffner: „Das Gift der Kameradschaft“, Die Zeit, Nr. 21/2002.