Ryszard Legutko: Totalitäre Tendenzen in Europa

Pieter Bruegel - Der Turmbau zu Babel (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Philosoph Ryszard Legutko lehrt an der Jagiellonen-Universität in Krakau. In einem kürzlich veröffentlichten Gespräch warnte er vor totalitären Tendenzen in Europa. Die europäische Zivilisation befinde sich in Folge des Wirkens radikaler utopischer Ideologien und der Schwäche konservativer Kräfte „in einer tiefen moralischen und spirituellen Krise“. Die erwähnten Ideologien hätten „stets zwei Hauptfeinde“ bekämpft, „die Familie und die Religion“, weil diese „Quellen der Kontinuität“ darstellten, die revolutionären Umgestaltungsplänen im Weg stünden.

  • Gegenwärtig entfalte sich „ein Projekt zur Umstrukturierung der Gesellschaft, um eine neue europäische Nation zu schaffen, eine neue mehr oder weniger homogene Identität, tatsächlich einen neuen Typus Mensch“. So wie die Französische Revolution und der totalitäre Kommunismus kämpfe auch der Linksliberalismus der Gegenwart bei seinem Versuch zur Schaffung eines „neuen Menschen“ gegen diese Institutionen und gehe dabei immer aggressiver vor.
  • Europa habe „eine außergewöhnliche Kultur, aber es hat sich von ihr abgeschnitten“. Europäische Kultur bestehe nicht aus 50 neu erfundenen Geschlechtern, sondern aus „Platon, Michelangelo, Beethoven“. Wenn es den Europäern nicht gelinge, sich wieder mit ihrer kulturellen Tradition zu verbinden, sei Europa  „in großer Gefahr“.

Legutko nennt zwei Aktionsfelder als Beispiele für diesen Kulturkampf:

  • Es habe sich ein „Neusprech, der die Sprache zerstört“ herausgebildet, der „eine Metarealität hauptsächlich ideologischer Natur schafft, welche die reale Welt verdeckt“. Das, was George Orwell als „Gedankenverbrechen“ und der Kommunismus als „reaktionäres Denken“ bezeichnet habe, werde im postmodernen Neusprech als „Sexismus“, „Rassismus“ und „Homophobie“ benannt.
  • Unter dem Vorwand, „Vielfalt“ schützen zu wollen, finde gegenwärtig eine „eine massive Zerstörung der bestehenden Strukturen“ in Europa statt. Ein Beispiel dafür sei die gegenwärtig angegriffene Unterscheidung zwischen männlich und weiblich, die seit Jahrtausenden Bestandteil jeder menschlichen Kultur sei. Zudem verberge sich hinter dem Vielfaltsbegriff, der die gewachsene Kultur zerstören wolle, tatsächlich ein Streben nach „Uniformität“. Man wolle die Kultur im Sinne der Ideologie umgestalten und dabei „Andersdenkende zum Schweigen bringen“.

Ein Wandel zum Positiven sei derzeit nicht in Sicht. Ein „Pluralismus der Parteien und Ideen“ sei in Westeuropa derzeit kaum noch feststellbar. Die konservativen Kräfte in Westeuropa hätten weitgehend „kapituliert“ und seien heute Teil eines Block von Parteien, die sich weltanschaulich kaum noch voneinander unterschieden und von linksgerichteten Ideologien geprägt sein. Die Abkehr der Gesetzgebung vom traditionellen Verständnis von Ehe und Familie sei in Deutschland etwa unter maßgeblicher Mitwirkung von Christdemokraten vorangetrieben worden, die sich von den traditionellen Prinzipien des Konservatismus abgewandt hätten.1

Hintergrund

Die Wochenzeitung „Die Tagespost“ hatte den Text Legutkos ebenfalls aufgegriffen. Dieser gehört auch zu den Unterzeichnern der „Pariser Erklärung“, die wir hier vorgestellt haben. Die oben beschriebenen Gedanken hat er in seinem auch auf Deutsch  verfügbaren Werk „Der Dämon der Demokratie. Totalitäre Strömungen in liberalen Gesellschaften“ näher ausgeführt. Auf seine Analyse bzgl. der Implikationen der gegenwärtigen Entwicklungen für das Christentum sind wir hier eingegangen.

Legutkos Analyse der Krise Europas ähnelt der anderer mittel- und osteuropäischer christlich-konservativer Denker, die durch die Erfahrung kommunistischer Herrschaft geprägt wurden:

  • Der tschechische Denker Václav Havel warnte, dass allen modernen Ideologien ein totalitärer Impuls innewohne. Dieser werde die kulturtragenden Akteure in westlichen Gesellschaften mittel- bis langfristig mit ähnlichen Herausforderungen konfrontieren, wie sie mit der Herrschaft des Kommunismus verbunden waren.
  • Der russische Schriftsteller Alexander Solschenizyn sagte der westlichen Welt in einer 1978 an der Universität Harvard gehaltenen Rede existentielle Krisen voraus, deren Ursache sei, dass sie ähnlich wie der Kommunismus auf dem fehlerhaften Welt- und Menschenbild der Moderne aufgebaut seien.
  • Der polnische Philosoph Leszek Kolakowski warnte davor, dass die Krise der westlichen Welt mit dem Ende kommunistischer Herrschaft nicht überwunden sein werde. Eine westliche Welt, die „ihr religiöses Erbe und ihre historische Tradition vergessen hat“ und zugunsten von Utopien aufgegeben habe, könne trotz allen technologischen und sonstigen Fortschritts keine Zukunft haben. Ohne Wiederanbindung an seine religiösen Wurzeln seien weder eine Erneuerung noch ein Überleben Europas möglich.

Gleichzeitig schufen christlich-konservative Kräfte unter den Bedingungen kommunistischer Herrschaft erprobte Konzepte zur Bewältigung der damit verbundenen Herausforderungen. Dazu gehört auch das in den 1970er Jahren durch den katholischen Denker Václav Benda in der damaligen Tschechoslowakei entwickelte Konzept der „Parallel-Polis“, das kulturelle Kontinuität während der Zeit totalitärer Herrschaft sicherstellte und die Grundlage für die spätere Erneuerung der Kultur schuf.

Quellen

  1. Laure Mandeville: „Ryszard Legutko: ‚En Europe, les conservateurs ont totalement capitulé‘“, Le Figaro, 05.03.2021.