Hedwig Richter: Deutschlands gebrochene Identität

Ambrogio Lorenzetti - Die Allegorie der schlechten Regierung (gemeinfrei)

Die Historikerin Hedwig Richter lehrt an der Universität der Bundeswehr München. Zusammen mit Bernd Ulrich diagnostiziert sie den Deutschen in einem heute erschienenen Aufsatz eine gebrochene kulturelle Identität. Aufgrund eines gestörten Verhältnisses zu sich selbst fliehe man davor, Verantwortung für das eigene Land zu übernehmen und den Herausforderungen entgegenzutreten, die es bedrohen. Spätestens in Krisensituationen müsse dieser Ansatz scheitern.

Die politische Kultur Deutschland werde durch die „These vom Sonderweg“ geprägt, die auf der Annahme „der schicksalhaften Anfälligkeit der Deutschen für die Barbarei und von einem unausweichlichen Weg“ der deutschen Geschichte zum  Nationalsozialismus beruhe:

  • Es gebe „eine spezifische Deutung der deutschen Schuld, in der die Tiefe des Zivilisationsbruchs mit einer kühnen Kausallogik in die Tiefe der deutschen Geschichte hinein expandiert wird“ und die „ein geradezu mystisches Deutschtum des Anders- und Gefährlichseins“ beschwöre, das vom Beginn der Geschichte an als Wegbereiter des Nationalsozialismus und seiner Verbrechen verstanden werde. Diese „vergangenheitspolitische Dogmen schieben sich wie schwere Brokatvorhänge zwischen die Deutschen und die Wirklichkeit“.
  • Historisch sei dieses Selbstbild nicht zu begründen, weil es nicht nur das „grundsätzliche Zerstörungspotenzial der Moderne“ ausblende, das keine Besonderheit der deutschen Kultur sei, sondern auch die besonderen politischen Konstellationen, die der Herrschaft des Nationalsozialismus vorausgingen.

Diese „Annahme vom Sondervolk“ wirke destruktiv und trage „bis heute zu einer Hysterisierung und Lähmung der Bundesrepublik bei“:

  • Für die „politisch und medial tonangebenden Generationen“ in Deutschland stelle es den „Raison d`Être der Bundesrepublik“ dar, dass deutsche Politik vor allem die Verhinderung „vor einem Rückfall in den Faschismus“ sein müsse. Jegliches politische Handeln werde als „antifaschistisches Instrument zur Verhinderung eines deutschen Rückfalls“ verstanden, „weg von allem, was historisch als ‚typisch deutsch‘ identifiziert werden konnte“.
  • Man fliehe beständig davor, Verantwortung für das Gemeinwesen und seinen Fortbestand zu übernehmen, weil man ein „unerwachsenes Verhältnis zu sich selbst“ habe. Es gehe den politisch Handelnden faktisch darum, einen Staat zu schaffen, der strukturell dazu unfähig sei, die historischen Verbrechen des Nationalsozialismus zu wiederholen. Ein solcher Staat sei jedoch zwangsläufig auch dazu unfähig, das Gemeinwohl sicherzustellen.
  • Die Annahme, dass die Deutschen ein „rückfallgefährdetes Sondervolk“ darstellten, das „bei Zumutungen aller Art die zivilisatorische Contenance zu verlieren“ drohe, führe außerdem zu einem Unwillen dazu, sich mit Herausforderungen auseinanderzusetzen und den Deutschen Härten bei deren Bewältigung abzuverlangen. Das „Vernünftige und Gebotene“ werde meist „als faschismusfördernd“ abgelehnt, etwa eine „zukunftsfähige Migrationspolitik“.
  • Auch die Wehrunfähigkeit und der mangelnde Wehrwille Deutschlands sei auf dieses Problem bzw. auf die Annahme einer „vermeintlich besonderen Gefährdung der Deutschen durch das Militärische“ zurückzuführen. Der deutsche Staat „gibt sehr viel Geld für eine Armee aus, die möglichst wenig funktioniert, das Nichtwollen versteckt sich im Nichtkönnen“.

Ein „Abschied vom Sonderweg“ sei dringend erforderlich. Die Deutschen müssten Verantwortung für sich und ihr Gemeinwesen übernehmen. Dies gelte auch für die Verantwortung dafür, totalitäre Herrschaft zu verhindern. Sie dürften außerdem die Herausforderungen, denen das Land gegenübersteht, nicht länger ausblenden und müssten „endlich zu einem Staat eigener Art und eigenen Rechts“ finden „der nicht als Cordon sanitaire der Deutschen gegen sich selbst herabgewürdigt wird“.1

Hintergrund und Bewertung

Die christliche Soziallehre betrachtet eine prinzipielle Bejahung des Eigenen bzw. der eigenen Geschichte und des eigenen Gemeinwesens als eine Forderung der Gerechtigkeit sowie als eine Voraussetzung des Gemeinwohls. Papst Franziskus hatte in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass es „keine Offenheit zwischen den Völkern ohne die Liebe zum eigenen Land und seinen Menschen sowie zu ihren jeweiligen kulturellen Eigenheiten“ geben könne. Jeder Mensch müsse Verantwortung für sein Land übernehmen und „sein Zuhause lieben und pflegen […] damit es nicht zusammenbricht, denn die Nachbarn werden das nicht tun“. Das Wohl der Welt erfordere es, „dass jeder sein eigenes Land schützt und liebt“.2

Jörg Hackeschmidt und Caroline König hatten vor einigen Wochen Schwächen der deutschen Erinnerungskultur kritisiert. Diese sei von einer „Verengung auf die Schrecken“ der deutschen Geschichte geprägt und tauge nicht dazu, Gemeinsinn zu stiften oder integrierend zu wirken. Deutschland brauche ein positives Identitätsverständnis.3

Thorsten Hinz hatte in seinem 2011 erschienenen Werk über die „Psychologie der Niederlage“ eine ähnliche These vertreten wie Richter und Ulrich. Die deutsche Nachkriegsidentität beruhe demnach auf einem kollektiven geistig-moralischen Schuldgefühl sowie auf der Annahme, dass die deutsche Kultur als Ganzes durch die Verbrechen des Nationalsozialismus diskreditiert sei. Dadurch sei eine Situation entstanden, in der eine Nation sich selbst verneine und eine auf ständiger Selbstverneinung beruhende Politik betreibe, die selbstdestruktiv wirken müsse. Eine Politik, die der langfristigen Kontinuität des Gemeinwesens diene, sei auf der Grundlage dieses Ansatzes nicht möglich. Dieser bewirke zudem nicht eine Aufarbeitung von realer historischer Schuld, sondern eine „Selbstneurotisierung“. Deutschland sei „an der Seele krank“. Dass Deutschland sich bereits in einem Prozess der Selbstzerstörung befinde, werde daran erkennbar, dass zahlreiche Auflösungserscheinungen allgemein akzeptiert oder sogar als Ausdruck mutmaßlichen Fortschritts begrüßt würden.4

Hinz stützte sich vor allem auf Gedanken Arnold Gehlens, der darauf hingewiesen hatte, dass die wichtigste historische Aufgabe jeder Nation darin bestehe, „sich überhaupt als eine so verfaßte geschichtliche Einheit zu halten“. Dies setze „die geistige Behauptung und das Bekenntnis einer Nation zu sich selbst“ voraus. Wo diese Voraussetzungen nicht gegeben seien, werde eine Nation verwundbar.5

Zuvor hatte Carl Schmitt erklärt, dass die Vorstellung, man könne durch den Verzicht auf politische Entscheidungen im Sinne der eigenen Selbstbehauptung „einen rein moralischen […] Zustand der Menschheit herbeiführen“, utopisch sei. Es sei „tölpelhaft zu glauben, ein wehrloses Volk habe nur noch Freunde, und eine krapulose Berechnung, der Feind könnte vielleicht durch Widerstandslosigkeit gerührt werden“. Dadurch, „daß ein Volk nicht mehr die Kraft oder den Willen hat, sich in der Sphäre des Politischen zu halten“, verschwinde das Politische nicht aus der Welt: „Es verschwindet nur ein schwaches Volk.“6

Quellen

  1. Hedwig Richter/Bernd Ulrich: „Die Angst vor dem Volk“, Die Zeit, 08.04.2021, S. 5.
  2. Fratelli tutti 143.
  3. Jörg Hackeschmidt/Caroline König: „Selbsthass ist kein Identifikationsangebot“, Neue Zürcher Zeitung, 18.03.2021.
  4. Thorsten Hinz: Die Psychologie der Niederlage. Über die deutsche Mentalität, 5. Aufl., Berlin 2016.
  5. Arnold Gehlen: Moral und Hypermoral. Eine pluralistische Ethik, Frankfurt a. M. 1968.
  6. Carl Schmitt: Der Begriff des Politischen, München 1932, S. 41.