Der heilige Mauritius als ritterlicher Beschützer des Reiches

Mathias Grünewald - Der heilige Märtyer Mauritius (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Antirassistische Aktivisten fordern aktuell die Entfernung der Erinnerung an den hl. Mauritius aus dem kulturellen Gedächtnis, weil er in der Kunst und Heraldik meist als dunkelhäutig dargestellt wird oder „Mohrenstraßen“ in einigen deutschen Städten nach ihm benannt sind. Die Journalistin Claudia Becker wirft den Aktivisten in einem jetzt erschienenen Beitrag „Bilderstürmerei“ vor und beschreibt die herausgehobene Bedeutung des Heiligen für die christliche Kultur des Mittelalters, wo er als ritterlicher Beschützer des Reiches große Verehrung genoss.

Der mutmaßlich aus Ägypten stammende hl. Mauritius war der Überlieferung nach römischer Offizier und diente um das Jahr 290 in der in Gallien stationierten Thebäischen Legion. Dort wurde er zum Märtyrer, nachdem er sich zusammen mit anderen christlichen Soldaten weigerte, an Christenverfolgungen teilzunehmen. Becker sieht in ihm vor allem ein Beispiel für die „heldenhaften Eigenschaften wie Mut und Standhaftigkeit“.

  • Die Ottonen hätten eine intensive Verehrung des Heiligen betrieben und ihn als Beschützer des Reiches betrachtet. Otto der Große führte seinen Sieg gegen die Magyaren auf dem Lechfeld bei Augsburg im Jahre 955 (bei der Schlacht handelt es sich um eines der wichtigsten Ereignisse der europäischen Geschichte) auf den Beistand des heiligen Mauritius zurück, dessen Heilige Lanze er im Gefecht führte.
  • Der Heilige wurde auf Veranlassung Ottos Hauptpatron des Magdeburger Doms, des ältesten gotischen Doms Deutschlands. Hier gibt es eine um 1240 entstandene kunsthistorisch bedeutende Skulptur, die ihn als Ritter zeigt. Es handele sich bei ihr um eine der frühesten Darstellungen eines Schwarzafrikaners nördlich der Alpen sowie um die erste Abbildung eines dunkelhäutigen Heiligen in dieser Region. Die „lebensnahe Darstellung eines Afrikaners als Reichsheiligen“ sei damals offensichtlich unproblematisch gewesen.
  • Laut Gabriele Köster, der Direktorin der Magdeburger Museen, sei es abwegig, in der Darstellung des Heiligen Rassismus zu vermuten. Es handele es sich bei ihm „um eine durch und durch positiv besetzte Figur“. Im Magdeburger Dom sei er als Ritter dargestellt, „der in seinem Habitus, seiner Körperhaltung, Kleidung dem Ideal des Ritterromans dieser Zeit voll und ganz entspricht“.

Beckers Darstellungen legen nahe, dass diese Kultur, was die Abstammung von Menschen anging, offensichtlich wesentlich toleranter war als viele identitätspolitische Aktivisten der Gegenwart es sind. Sie weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die letzten Versuche zur Beseitigung von Darstellungen des hl. Mauritius aus dem öffentlichen Leben durch die Nationalsozialisten betrieben wurden.

Hintergrund

Anhänger der antirassistischen Black Lives Matter-Bewegung zerstörten in den USA zahlreiche Statuen christlicher Heiliger oder verunstalteten diese aus verschiedenen Gründen. Der BLM-Aktivist Shaun King rief darüber hinaus zur Zerstörung von Christus-Darstellungen auf, wenn diese zu europäische Züge aufwiesen. Im antirassistischen Spektrum nimmt außerdem eine allgemeine christenfeindliche Tendenz zu, die das Christentum als angeblich „weiße“ Religion ablehnt.

Nicht alle Aktivisten aus diesem Spektrum äußerten sich bezüglich der Verehrung des heiligen Mauritius jedoch so radikal wie jene, die Becker in ihrem Artikel kritisiert. Der an der Universität London lehrende Kulturwissenschaftler Jeff Bowersox wies etwa auf der Plattform des aktivistischen „Black Central European Studies Network“ (BCESN) darauf hin, dass es sich bei der oben angesprochenen Magdeburger Skulptur um „keine erniedrigende Karikatur“ handele. Der Heilige werde hier als „bewundernswerter Krieger“ dargestellt, und die Skulptur sei als Ausdruck christlicher Weltanschauung zu würdigen, die „jegliche Farbenunterschiede überwand“. Die mutmaßliche schwarzafrikanische Abstammung des Heiligen sei im Mittelalter nicht nur akzeptiert, sondern sogar noch betont worden, um die Universalität des Christentums zu unterstreichen. Dies gelte auch für die Darstellungen anderer Heiliger, etwa der Heiligen Drei Könige und des Gregorius Maurus.

Auch andere der Legende nach zu christlichen Märtyrern gewordene Soldaten der Thebäischen Legion spielten im Mittelalter eine wichtige Rolle in der sich entwickelnden christlichen Kultur Deutschlands. Das Bonner Münster etwa wurde im 11. Jahrhundert über Gräbern errichtet, in denen mutmaßlich die Soldaten Cassius und Florentius bestattet wurden, die der Überlieferung nach im Rheinland als Märtyrer starben.