Mitteleuropa und die Zukunft der abendländischen Kultur

Ambrogio Lorenzetti - Die Wirkung guten Regierens auf das Land (gemeinfrei)

Der Althistoriker David Engels ist als Forschungsprofessor am “Instytut Zachodni” in Polen tätig. In einem kürzlich in der „Budapester Zeitung“ veröffentlichten Gespräch setzte er sich mit der möglichen Bedeutung Mitteleuropas für die kulturelle Erneuerung des Kontinents und die Bewahrung seines Erbes auseinander.

  • Mitteleuropa sei mittlerweile „eine der letzten Bastionen der alten
    abendländischen Identität“, die in Westeuropa im Schwinden begriffen sei. Als „atlantischer Mensch“ bzw. als Westeuropäer erkenne er Europa etwa in Polen stärker wieder als in seiner alten Heimat Belgien.
  • Die Visegrád-Staaten würden von Westeuropäern, die an der europäischen Tradition festhielten, zunehmend „als eine Art Garant des Überlebens europäischer
    Traditionen gesehen“. Von diesen Staaten würden positive Impulse für ganz Europa ausgehen, etwa wenn diese Staaten innerhalb der EU als „Stimme der Tradition auftreten“ und „als einzige den Stolz auf unsere abendländische, in der griechisch-römischen und jüdisch-christlichen Vergangenheit wurzelnde Identität“ bekunden. Dies sei ein „unglaublich wichtiger Ansatz“, der aber noch „massiv ausgebaut und vor allem offensiv nach Westen getragen“ werden müssten.

Staaten wie Frankreich und Deutschland seien „gegenwärtig zu einem solchen Grad ihrer eigenen Identität entfremdet“ dass „sie wohl nie mehr in Gänze zum eigentlichen, echten Abendland gehören werden“, während die Perspektiven kultureller Kontinuität in den kulturell resilienteren Staaten Mitteleuropas günstiger seien. Falls die kulturelle Erneuerung Westeuropas scheitere, sei es denkbar, dass die europäische Identität in Mitteleuropa fortbestehe. Mitteleuropa müsse sich dann vom scheiternden Westen des Kontinents entkoppeln. Dies könne neue Formen europäischer Integration hervorbringen, etwa eine Union der Staaten des Trimariums.1

Hintergrund

Engels hatte zusammen mit anderen Autoren in dem von ihm 2019 herausgegebenen Band Renovatio Europae Perspektiven einer Erneuerung Europas im Geist seines abendländischen Erbes beschrieben und zudem einen Entwurf für eine Präambel einer möglichen europäischen Verfassung vorgelegt.

Quellen

  1. “Bastion der alten abendländischen Identität”, Budapester Zeitung, 26.03.2021, S. 5-7.