Cornel West: Für die Verteidigung der abendländischen Bildung

Raffael - Die Schule von Athen (gemeinfrei)

Der Philosoph Cornel West lehrt an der Harvard University. In einem heute zusammen mit Jeremy Tate veröffentlichten Aufsatz kritisiert er den gegenwärtig vor allem im angelsächsischen Sprachraum stattfindenden Kampf gegen die Vermittlung des abendländischen Kulturerbes an Universitäten. Dieser Kampf illustriere den Grad des geistig-moralischen Verfalls der USA. Das abendländische Erbe sei das Erbe aller freien Menschen und müsse unbedingt verteidigt werden.

  • Der abendländische Literaturkanon sei eine „Konversation unter großen Denkern, die sich über Generationen hin erstrecke und umso reicher wird, je mehr es durch unsere  eigenen Stimmen und die exzellenten Stimmen aus Afrika, Asien, Lateinamerika und anderen Orten der Welt ergänzen“. Er sei ein zudem „ausgedehnter Dialog der crème de la crème unserer Zivilisation über die fundamentalsten Fragen“, dessen Ziel ein besseres Leben sei. Durch die Auseinandersetzung mit diesem Erbe wachse der Geist des Menschen, weil er in höchstem Maße herausgefordert werde.
  • Der als Sklave geborene Frederick Douglass, der später zu einem bedeutenden amerikanischen Schriftsteller wurde, habe die Schriften abendländischer Denker wie Sokrates, Cato und Cicero studiert, um zu lernen, wie ein freier Mann zu denken. Die Aktivisten, die das abendländische Erbe an Universitäten bekämpften, wollten „das Licht der Weisheit und Wahrheit schwächen“, das Douglass und viele andere Afroamerikaner inspiriert habe, die sich für individuelle Freiheit eingesetzt hätten. Das abendländische Erbe sei auch zum Erbe der Schwarzen in den USA geworden, weil es ihnen ermöglicht habe, zu sich selbst zu finden und geistig frei zu werden.
  • Der aktuelle Kampf gegen das abendländische Erbe sei ein Zeichen für den „geistigen Verfall, moralischen Abstieg und die tiefe geistige Enge, die in der amerikanischen Kultur Amok laufen“. Man könne dies nur verurteilen. Die Fixierung auf die negativen Aspekte einzelner Teile des westlich-abendländischen Erbes verstelle mittlerweile vollständig den Blick auf dessen Gesamtheit sowie auf dessen Stärken und Leistungen.

Die Akteure dieses Kampfes seien nicht nur identitätspolitische Aktivisten, sondern auch postliberale Ideologen, für die Bildung nur Vermittlung praktischer Fähigkeiten sowie die Aneignung von Titeln sei. Diese Ideologen kämpften gegen ein Bildungsverständnis, das die Bildung der Seele sowie die „Kultivierung von geistig intakten und moralisch ausgestatteten Menschen“ anstrebe, die über Tugenden wie Tapferkeit und Gemeinsinn verfügen.1

Hintergrund

Cornel West gehört zu den einflussreichsten afroamerikanischen Denker der Gegenwart in den USA und hat in der Vergangenheit linksidentitären Aktivismus unterstützt. Sein aktueller Aufsatz markiert möglicherweise ein Umdenken, das durch die jüngsten Exzesse dieses Aktivismus ausgelöst worden sein könnte.

Hintergrund des Aufsatzes ist die Entscheidung der vor allem von afroamerikanischen Studenten besuchten Howard University, den Bereich Klassische Altertumswissenschaft bzw. „Classics“ abzuschaffen.

  • Die unter dem Begriff „Classics“ zusammengefassten Gebiete, die auch klassische Philosophie und Geschichte umfassen, spielten bislang in den Bildungskonzepten sowie im Identitätsverständnis von Universitäten im angelsächsischen Kulturraum und der durch sie herangebildeten kulturellen Eliten eine zentrale Rolle.
  • Die Entscheidung der Universität steht im Kontext eines linksidentitären Aktivismus, der sich seit 2020 deutlich radikalisiert hat und, vom angelsächsischen Sprachraum ausgehend, die Abschaffung der abendländischen grundierten Bildungsbegriffs und die Zurückdrängung abendländischer Bildungsinhalte fordert, weil diese angeblich die geistige Grundlage von Rassismus und „weißer Vorherrschaft“ darstellten.

Ein Beispiel für die Radikalität dieses Aktivismus, der sich am totalitären Vorbild der maoistischen „Kulturrevolution“ sowie an neomarxistischen und postmodernen Konzepten orientiert, sind kürzlich bekannt gewordene Pläne von Professoren aus dem Bereich Musikwissenschaft der Universität Oxford, ihr Fach zu „dekolonialisieren“ und „weiße europäische Musik aus der Sklavenzeit“ bzw. Komponisten wie Bach, Beethoven und Mozart aus dem Lehrplan zu entfernen. An der Londoner „School of Oriental and African Studies“ läuft unterdessen eine Kampagne zur Entfernung weißer Denker aus den Lehrplänen.

Auch in Deutschland sind entsprechende Aktivisten bereits sei einiger Zeit an Universitäten aktiv. Ihre Ideologien stoßen in größeren, wahrscheinlich an der nächsten Bundesregierung beteiligten Parteien zunehmend auf positive Resonanz. Hinter dem Ziel einer umfassenden „Dekolonialisierung“ verbirgt sich dabei eine totale Ideologisierung, die sich gegen das kulturelle Erbe Europas richtet und die neben Institutionen wie Schulen und Universitäten auch die Sprache und das Denken erfassen und im Sinne der Ideologie neu gestalten soll.

Quellen

  1. Cornel West/Jeremy Tate: „A classics catastrophe at Howard“, The Washington Post, 20.04.2021.