Christophe de Voogd: Der kulturelle Selbstmord des Westens

Der Historiker Christophe de Voogd lehrt am Institut d’études politiques de Paris („Sciences Po“). Nachdem ein Verleger in den Niederlanden Dantes Göttliche Komödie umschreiben ließ, um negative Islambezüge zu entfernen, stellte er diese Tat in den Kontext eines umfassenden Kampfes gegen das europäische Kulturerbe, der gegenwärtig stattfände. Er bewertet diese und ähnliche Taten als eine „Form des kulturellen Selbstmords“.

  • Der Verleger habe durch sein Handeln auf orwellsche Weise „das literarische Kulturerbe selbst“ in Form eines der wichtigsten Werke des abendländischen Kulturerbes angegriffen. Die Göttliche Komödie sei „eine der symbolischsten und vollkommensten Ausdrucksformen“ dieses Erbes und sei hier stellvertretend für dieses angegriffen worden.
  • Der Vorfall stehe im Kontext der „Cancel Culture“, die alles verbieten wolle, was den Sensibilitäten und den kulturellen Dominanzansprüchen der von ihr als privilegiert betrachteten Gruppen widersprechen könne.
  • Die entsprechenden Kampagnen richteten sich unmittelbar und ausschließlich gegen „die klassischen Wissenschaften und das christliche Kulturerbe“ und nicht gegen „die Homophobie, den Rassismus oder die Frauenfeindlichkeit in anderen Kulturen“. Die Behauptung von Aktivisten, dass sie diese Missstände bekämpfen wollten, hält de Vooghd daher für vorgeschoben.

Es falle auf, dass dieser Aktivismus zu einem großen Teil „von den Menschen der westlichen Welt selbst ausgeht“, weshalb man ihn als „eine Form des kulturellen Selbstmords bezeichnen muss“.1

Hintergrund und Bewertung

Der oben beschriebene Eingriff in das Werk Dantes ist in Europa beispiellos und markiert eine neue Eskalationsstufe im Kampf gegen das christliche Erbe Europas, auch wenn der Verlag seine Entscheidung aufgrund der entschiedenen Kritik an seiner Maßnahmenmittlerweile offenbar wieder zurückgenommen hat und die von ihm als anstößig empfundenen Teile des Werks stattdessen nun mit einem Warnhinweis versehen will.

Papst Franziskus hatte kürzlich angesichts des bevorstehenden 700. Jahrestages des Tods Dantes ein apostolisches Schreiben veröffentlicht, in dem er ihn als „Propheten“ würdigte und sich den vor hundert Jahren von Benedikt XV. geschriebenen Worten anschloss, die Dante als christlichen Autoren herausstellten, der „die erhabenen Mysterien des Glaubens“ sowie die christlichen Ideale „in nahezu göttlichen Versen besang“.2 Kurt Flasch, der das Werk 2015 neu übersetzt hatte, würdigte Dante als „konservativen Revolutionär“, der die dekadente Kultur des spätmittelalterlichen Florenz durch abendländische Impulse erneuern wollte.3

Ideologisch motivierte Eingriffe in literarische oder andere Werke stellen in kommunistischen Staaten wie China eine gängige Praxis dar.4 Auch in Europa forderten Aktivisten in den vergangenen Jahren immer wieder solche Eingriffe, was vor allem Kinderbücher betraf, etwa auf die Werke Otfried Preußlers, Astrid Lindgrens oder Michael Endes. Treiber solcher Eingriffe sind häufig Aktivisten wie der Rassismusforscher Wolfgang Benz, der behauptete, dass etwa die Werke Astrid Lindgrens „mit Ressentiments befrachtet“ und von „Kolonialrassismus“ gezeichnet seien.5 Auch die Göttliche Komödie ist seit langem Ziel von Aktivisten, die deren Inhalt als „islamophob“ ablehnen und u. a. fordern, sie nicht mehr im Schulunterricht zu verwenden.6

Ulrich Greiner hatte ideologische Eingriffe in Werke der Literatur als „ein Vergehen an der Literatur“ bewertet und darauf verwiesen, dass George Orwell in seinem Roman 1984 einen totalitären Staat beschrieben hatte, der Bücher umschreibe, um ihren Inhalt ideologisch konform zu machen. In Orwells Buch sagt einer der Charaktere dazu:

„Ist dir klar, dass die Vergangenheit tatsächlich ausgelöscht worden ist? Alle Dokumente sind entweder vernichtet oder gefälscht worden, jedes Buch hat man umgeschrieben, jedes Gemälde neu gemalt, jedes Denkmal, jede Straße und jedes Gebäude umbenannt, jedes Datum geändert. Die Historie hat aufgehört zu existieren.“

Laut Greiner habe man es derzeit nicht mit totalitären Zuständen bzw. mit Orwells „Großem Bruder“ zu tun, sondern mit dem „Kleinen Bruder“ der politischen Korrektheit:

„Dessen rastlose Tätigkeit sollte man aber nicht unterschätzen. Er realisiert sich im Tun jener zahllosen, oftmals staatlich bestallten Tugendwächter, die in höherem Auftrag, sei es Feminismus, Antisemitismus oder Antirassismus, agieren und die mit ideologisch geschärftem Nachtsichtgerät dunkle Abweichungen vom Pfad der Gerechten unverzüglich aufdecken.“

Zum Kampf gegen reale Missstände würde dies jedoch nichts beitragen, da „jene hasserfüllten Schläger“, gegen die sich solche Eingriffe richteten, „ihre mörderischen Ideen sicherlich nicht durch die fehlgeleitete Lektüre“ literarischer Klassiker gewonnen hätten.7

Die Publizistin Birgit Kelle hatte in ihrer Bewertung des aktuellen Vorfalls auf den Satz des Historikers Arnold Toynbee Bezug genommen: „Zivilisationen sterben nicht, sie begehen Selbstmord“. Sie stellt den Vorfall zudem in den Kontext anderer gegen das europäische Kulturerbe gerichteter Aktionen, etwa der Entfernung von Komponisten wie Beethoven und Mozart aus dem Lehrplan des Studiengangs Musik an der Universität Oxford, die damit begründet worden sei, dass es sich um „weiße, europäische Musik aus der Zeit der Sklaverei“ handele. Als besonders problematisch bewertet sie, dass diese „Selbstzerstörung von Kultur und Tradition“ kaum auf Gegner stoße, die ihr Grenzen setzten.8

Quellen

  1. „Mohammed-Zensur. ‚Das ist der kulturelle Selbstmord des Westens“, welt.de, 06.04.2021.
  2. Papst Franziskus: „Apostolisches Schreiben Candor Lucis Aeternae des Heiligen Vaters Papst Franziskus zum 700. Todestag von Dante Alighieri“, 25.03.2021.
  3. Marc Reichwein: „‚Er wollte eine neue Welt'“, Die Welt, 23.05.2015.
  4. Matthew Taylor King: „The Gospel According to Xi“, The Wall Street Journal, 05.06.2020.
  5. Marlene Halser: „Igel bratende Zigeuner“, taz – die tageszeitung, 24.02.2011.
  6. Alison Flood: „Divine Comedy is ‚offensive and discriminatory‘, says Italian NGO“, The Guardian, 15.03.2012.
  7. Ulrich Greiner: „Die kleine Hexenjagd“, Die Zeit, 17.01.2013, S. 13.
  8. Birgit Kelle: „Die Unterwerfung hat begonnen“, Die Tagespost, 01.04.2021, S. 19.