Armin Pfahl-Traughber: „Islamophobie“ und „antimuslimischer Rassismus“ als politische Kampfbegriffe

Gentile Bellini - Sultan Mehmed II. (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Extremismusforscher Armin Pfahl-Traughber lehrt an der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung in Brühl. In einem jetzt in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ erschienenen Aufsatz kritisiert er die Begriffe „Islamophobie“ und „antimuslimischer Rassismus“. Diese Begriffe würden von Linksidentitären und Islamisten „als politische Kampfbegriffe genutzt“, um eine kritische Auseinandersetzung mit islambezogenen Sachverhalten sowie islamistischen Positionen und Akteuren zu diskreditieren.

Eine Differenzierung zwischen realer Feindseligkeit gegenüber Muslimen und einer begründeten Islam- und Islamismuskritik sei auf der Grundlage dieser Begriffe nicht möglich und „womöglich auch gar nicht gewünscht“:

  • Beim Begriff der „Islamophobie“ passe „bereits die Wortbedeutung nicht“, denn „damit müsste eigentlich Angst vor dem Islam“ bzw. ein „psychisches Problem“ gemein sein, aber „nicht die Feindlichkeit gegen Muslime“. Der Begriff sei zudem inhaltlich undefiniert. Der Aktivist Farid Hafez versuchte ihn als „antimuslimischen Rassismus“ zu definieren, wobei er eine Zirkeldefinition vorgenommen habe, bei der ein unbestimmter Begriff durcheinen anderen unbestimmten Begriff erläutert werde. Im Denken solcher Aktivisten bleibe alles „diffus, inkonsistent und widersprüchlich“, und es erfülle „nicht einmal minimale Bedingungen für wissenschaftliches Definieren“.
  • Diese Unschärfe sei möglicherweise gewollt, denn sie erleichtere die „instrumentalisierende Nutzung als politisches Schlagwort“, wie sie im von Hafez mitherausgegebenen „European Islamophobia Report“ praktiziert werde, der ohne weitere Begründung auch islamismuskritische Muslime wie Seyran Ates und Mouhanad Khorchide oder die Islamismusforscherin Susanne Schröter aufführe.

Auch der Begriff des „antimuslimischen Rassismus“ sei untauglich, schon weil Muslime keine Rasse darstellten:

  • Die Verwender dies Begriffes versuchten mittels dieses Begriffs, einer kritischen Auseinandersetzung mit kulturellen Sachverhalten zu unterstellen, dass sie tatsächlich auf die Abwertung der Abstammung und nicht auf die geistige Auseinandersetzung mit der Kultur abziele.
  • Darüber hinaus sei auch dieser Begriff weitestgehend undefiniert. Die Aktivistin Iman Attia habe etwa den Eindruck erweckt, dieses Konzept auf eine Weise zu verwenden, die nicht zwischen Feindseligkeit gegenüber Muslimen und Islamkritik zu differenzieren und auch die „Berufung auf die Menschenrechte unter Rassismus-Verdacht“ stellen zu wollen.
  • Der Begriff des Rassismus werde dabei willkürlich ausgeweitet und realer Rassismus verharmlost, wenn etwa Judenverfolgung mit Einwänden gegen das muslimische Kopftuch gleichgesetzt werden.

Die Verwendung der Begriffe stehe im Kontext aktivistischer Versuche, „Hegemoniekonzepte“ zu schaffen, mit denen sie bestimmte Weltanschauungen von Kritik ausnehmen wollten:

  • Zu diesen Akteuren gehöre die „Identitätslinke“, die Muslime pauschal als eine schutzbedürftige Opfergruppe ansehe, wobei nur antieuropäische Muslime als authentische Vertreter ihrer Religion und Kultur wahrgenommen werden.
  • Auch Islamisten bedienten sich dieser Begriff, um Einfluss auf den öffentlichen Diskurs zu nehmen und Kritik an ihnen und ihrem Handeln mit Rassismus gleichzusetzen.

Es gebe in diesem Zusammenhang problematische „Bündniskonstellationen von Islamisten und Linken“ bei der Bekämpfung gemeinsamer Gegner. 1

Hintergrund

In der „Neuen Zürcher Zeitung“ setzt sich Lucien Scherrer heute ebenfalls mit dem Begriff der Islamophobie auseinander. Er kritisiert vor allem den Antisemitismusforscher Wolfgang Benz, der nach dessen eigenen Worten die „Judenfeindlichkeit […], die im 20. Jahrhundert zum Holocaust geführt hat“, mit der „Islamfeindlichkeit“ der Gegenwart verglichen hatte:

  • Benz arbeite mit fragwürdigen Vergleichen, da die Vorstellung einer jüdischen Weltverschwörung auf gefälschten Dokumenten wie den „Protokollen der Weisen von Zion“ beruht habe, während die islamistische Bedrohung der Gegenwart real sei. Außerdem gebe es keine Pogrome gegen Muslime in Europa.
  • Benz und andere Verfechter des Islamophobie-Begriffs würden nicht Islamisten als Problem wahrnehmen, sondern deren Kritiker. Dies werde auch daran deutlich, dass er Islamismuskritiker als „Panikmacher“ bezeichnet und sie mit den Antisemiten des 19. Jahrhunderts verglichen habe. Er suggeriere zudem, dass Warnungen vor Islamisten nur von „obskuren Publizisten“ vorgebracht würden.
  • Obwohl die Thesen von Benz und anderen Aktivisten „geschichtsblind, konstruiert und verharmlosend“ seien, hätten staatliche Institutionen in Deutschland die darauf beruhenden Konzepte in vielen Fällen übernommen. In Österreich sei ähnliches zu beobachten, wo der oben bereits erwähnte Aktivist Farid Hafez in Politik und Medien auf positive Resonanz stoße. Auch Benz unterstütze Hafez, dessen Arbeit zudem von türkischen Stellen finanziert werde. Dieser Aktivismus sei „ganz im Sinne islamistischer Strömungen, die derzeit im identitätspolitischen  Diskriminierungs- und Opferwettbewerb ganz oben stehen wollen.“2

Der Islamismusforscher Lorenzo Vidino hatte bereits vor einiger Zeit ausführlich untersucht, wie die Muslimbruderschaft und die um sie herum aktiven Netzwerke in westlichen Gesellschaften Islamophobievorwürfe als Propagandamittel einsetzen.3

Auch der Philosoph Pascal Bruckner hatte sich mit dem Konzept auseinandergesetzt und betrachtet es ebenfalls als Propagandawaffe. Sie richte sich nicht nur gegen westliche Gesellschaften allgemein, sondern insbesondere auch gegen das Christentum. Während dieses „heute vom Nahen Osten bis Pakistan die Religion der Märtyrer ist“, würden sowohl Islamisten als auch ihre progressiven Unterstützer im Rahmen des Islamophobie-Vorwurfs das Christentum als „Religion der Eroberung und der Intoleranz“ darstellen und damit nicht nur eine Ansprache realer Verfolgung erschweren, sondern letztlich die physische Bekämpfung des Christentums im Nahen Osten auf geistig-kultureller Ebene auch in Europa fortsetzen.4

Richtigstellung: In einer früheren Version dieses Beitrags war ein Fehler enthalten. Anstelle des richtigen Namens Farid Hafez wurde hier fälschlich ein anderer Name genannt. Wir bitten für diesen Fehler um Entschuldigung.

Quellen

  1. Armin Pfahl-Traughber: „Ausgrenzen im Namen der Minderheit“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.04.2021.
  2. Lucien Scherrer: „Die hofierten Holocaust-Relativierer“, Neue Zürcher Zeitung, 27.04.2021.
  3. Lorenzo Vidino: „The Muslim Brotherhood in Austria“, Program on Extremism – The George Washington University/Universität Wien, August 2017.
  4. Pascal Bruckner: „Imaginärer Rassismus“, Neue Zürcher Zeitung, 21.04.2017.