Amerikanische Nachrichtendienste warnen vor dem Zerfall westlicher Gesellschaften

Michelangelo - Die delphische Sibylle (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Die kürzlich erschienene Studie „Global Trends 2040“ des US-amerikanischen „National Intelligence Council“ prognostiziert einen zunehmenden Zerfall westlicher Gesellschaften in den kommenden Jahrzehnten. Staatliches Versagen bei der Bewältigung existenzieller Herausforderungen, abnehmender gesellschaftlicher Zusammenhalt sowie identitätspolitischer Aktivismus würden die Bedingungen für einen möglichen Zusammenbruch von Staaten im Krisenfall schaffen. Der langfristige Bestand westlicher Gesellschaften und ihrer politischen Ordnungen sei gefährdet.

Ziel der Studie war es, die wesentlichen Trends zu beschreiben, die das globale strategische Umfeld in den Jahren bis 2040 wahrscheinlich prägen werden. Kernaussage der Studie ist, dass auf globaler Ebene wahrscheinlich eine Serie von Krisen bevorstehe, welche die Resilienz von Gesellschaften weltweit stark beanspruchen und in vielen Fällen vermutlich überdehnen wire:1

  • Staatliches Versagen bei der Bewältigung von existenziellen Herausforderungen, das gegenwärtig etwa in der Corona-Krise zu beobachten sei, schwäche zunehmend das Vertrauen von Menschen in die Staaten und die politischen Ordnungen der westlichen Welt und erzeuge wachsende Zweifel am Wahrheitsgehalt der Aussagen von Regierungen und Behörden. Außerdem nehme die Zahl der Menschen zu, welche die Folgen von der Globalisierung sowie von Migration und der Veränderung der ethnischen Zusammensetzung westlicher Gesellschaften als negativ beurteilen würden und gegenüber den bestehenden politischen Ordnungen auf Distanz gingen.
  • Identitätspolitischer Aktivismus, der zum Teil die Grundlagen der bestehenden Ordnungen in Frage stelle oder ablehne, sei ein zentraler Treiber der Fragmentierung  westlicher Gesellschaften, die in den kommenden Jahrzehnten wahrscheinlich von immer größerer Polarisierung gekennzeichnet sein würden. Zu den Aktionsfeldern dieses Aktivismus gehörten neben Fragen der Abstammung, des Geschlechts, der sexuellen Orientierung oder der Religion auch politische Themen wie der Klimawandel. Er schwäche durch sein Wirken nationale Identitäten und den gesellschaftlichen Zusammenhalt, erzeuge oder vertiefe gesellschaftliche Bruchlinien und führe dazu, dass gesellschaftliche Konflikte zunehmen, weil die von den jeweiligen identitären Aktivisten vertretenen Wertvorstellungen einander meist ausschlössen. Dieser Aktivismus könne, gestützt auf soziale Medien und neue Technologien, immer größere Wirkung erzielen. Die durch ihn erzeugten Konflikte hätten das Potenzial dazu, gewaltsam zu verlaufen.2

Falls es Staaten nicht gelinge, die angesprochenen Herausforderungen vor allem in den Bereichen Wirtschaft, Soziales und Sicherheit zu bewältigen und dadurch in der Wahrnehmung ihrer Bürger an Legitimität zu gewinnen, könne sich in einigen dieser Staaten mittel- bis langfristig die Systemfrage stellen. Dies könne auch die liberalen Demokratien des Westens betreffen. Hier sei langfristig auch der Zusammenbruch von Staaten und politischen Ordnungen möglich, vor allem im Fall von Krisen. In diesem Fall seien Konflikte zwischen Anhängern der alten und der neuen Ordnung unausweichlich.

Gleichzeitig lähme die bereits vorhandene Fragmentierung und Polarisierung die Politik dieser Staaten und erschwere die Suche nach Antworten auf diese Herausforderungen. Es bestehe daher ein „hohes Risiko“, dass sich die Erosion liberaler Demokratien fortsetze. Noch sei kein konkreter Herausforderer erkennbar, der die gegenwärtigen politischen Ordnungen westlicher Gesellschaften ersetzen könne, aber ein möglicher Kandidat sei (neben den erwähnten identitätspolitischen Strömungen) ein „technologiegetriebener autoritärer Kapitalismus“.3

Hintergrund

Der „National Intelligence Council“ ist eine Einrichtung amerikanischer Nachrichtendienste zur Analyse strategischer Fragen. Unter dem Titel „Global Trends“ erstellt sie regelmäßig Zukunftsstudien, die auch auf Beiträgen außerbehördlicher Experten beruhen.

Die 2017 erschienene erschienene Studie „Global Trends – Paradox of Progress“ prognostizierte Europa in den kommenden beiden Jahrzehnten eine Reihe krisenhafter Entwicklungen und spricht in diesem Zusammenhang von einer „dunklen und schwierigen Zukunft“. Der Studie zufolge werde Europa in den Jahren bis 2035 wahrscheinlich von zunehmender Instabilität und einer Reihe konvergierender, sich gegenseitig verstärkender Krisentendenzen erfasst werden:

  • Europa würden wahrscheinlich weitere strategische Schocks bevorstehen, etwa in Form einer erneuten Eskalation der Euro- und Staatsschuldenkrise sowie im Zusammenhang mit anhaltend hoher oder zunehmender Migration.
  • Der Migrationsdruck auf Europa werde vor allem wegen zunehmender Instabilität an der Peripherie Europas bzw. im Mittleren Osten und Nordafrika sowie in Subsahara-Afrika weiter zunehmen. Von dieser Instabilität könnten auch bevölkerungsreiche Staaten wie Ägypten und Algerien betroffen sein, was sich in besonders hohem Migrationsdruck auswirken würde.
  • Aufgrund von voraussichtlich anhaltend schwacher Konjunktur und hohen Schuldenlasten würden Staaten oft nicht über die nötigen Ressourcen verfügen, um den wachsenden Herausforderungen zum Beispiel durch Transferleistungen zu begegnen. Dies würde Verteilungskonflikte fördern, vor allem zwischen Migranten und sozial schwachen europäischen Bevölkerungen.
  • Aufgrund des möglichen Scheiterns der EU und des Euros, zunehmenden wirtschaftlichen Drucks auf die Mittelschichten (unter anderem durch die schwache Konjunktur sowie durch Automatisierung), migrationsbedingten Herausforderungen und der oben erwähnten Verteilungskonflikte sei eine weitere politische Polarisierung bzw. Radikalisierung des politischen Lebens in Europa wahrscheinlich. Die bestehenden liberalen politischen Ordnungen und ihre Eliten könnten dabei weiter an Rückhalt in den jeweiligen Bevölkerungen verlieren.
  • Unter Muslimen würden islamistische Tendenzen voraussichtlich weiter zunehmen, was speziell in Europa durch ausbleibende Integrationserfolge verstärkt werden könnte. Daraus ergebe sich auch eine Zunahme der Bedrohung durch islamistischen Terrorismus. Dies wiederum würde die Tendenz zu ethnischer und politischer Polarisierung zusätzlich verstärken.

Die vorliegenden Informationen und bereits jetzt sichtbaren Tendenzen würden darauf hindeuten, dass Europa und anderen Teilen der Welt eine „dunkle und schwierige Zukunft“ bevorstehen könnte.

In den 2004 und 2012 erschienenen Vorgängerstudien entwarfen die Experten ebenfalls überwiegend negative Szenare, was die Zukunft Europas angeht:

  • Man beobachte die globale Tendenz, dass sich politische Akteure verstärkt entlang ethnischer oder religiöser Linien aufstellen, was durch zunehmende ethnische Vielfalt und Migration gefördert werde. Identitätsfragen würden in den kommenden Jahren voraussichtlich immer stärker das politische Geschehen prägen.
  • Im Rahmen von Identitätspolitik würden Gruppen verstärkt versuchen, Gesellschaften in ihrem Sinne umzugestalten, was Konflikte mit anderen Gruppen nach sich ziehe, die sich dadurch herausgefordert fühlten. Insbesondere ethnische oder religiöse Gruppen, die einen hohen Anteil junger Männer (“youth bulge”) aufweisen, würden ihre Identität dabei verstärkt auf aggressive Weise artikulieren.

Europa werde aufgrund der demographischen Entwicklung und der Zuwanderung jünger Männer aus Subsahra-Afrika und dem Mittleren Osten in besonderem Maße von kulturellen und ethnischen Polarisierungstendenzen betroffen sein. Integration und Assimilation von Muslimen blieben hier verstärkt aus, was wahrscheinlich zur Herausbildung islamisierter Räume sowie zu Konflikten führen werde. Die Kombination aus wirtschaftlicher Stagnation oder Rezessionen und ethnisch-religiöser Polarisierung werde wahrscheinlich innere Konflikte in den betroffenen Gesellschaften erzeugen.

Quellen

  1. National Intelligence Council (Hrsg.): „Global Trends 2040. A More Contested World“, Washington D. C., März 2021, S. 1.
  2. Ebd., S. 70-76.
  3. Ebd., S. 82-84, 89.