Alexander Grau: Für einen offensiven Konservatismus

Albrecht Dürer - Kaiser Karl der Große (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Philosoph Alexander Grau kritisiert in einem heute erschienenen Aufsatz die Schwäche des Konservatismus der Gegenwart, der sich seit Langem an die Positionen utopischer Ideologien anpasse und schrittweise fast alle Standpunkte aufgegeben habe, die ihn einst auszeichneten. Auf diese Weise sei der Konservatismus zum „Verlierer der Geschichte“ geworden, der nur noch „auf den finalen Schlag“ warte, der ihn endgültige erledige. Eine Zukunft könne nur ein offensiver Konservatismus haben, der utopischen Ideologien mit eigenen Konzepten entgegentritt.

  • Der „spätmoderne Konservative“ habe „keine eigenständige inhaltliche Haltung mehr, sondern gefällt sich darin, genau das zu wollen, was der Mainstream immer schon will, nur eben ein paar Jahre später“. Nichts aber sei „beschämender und überflüssiger als der Verfahrenskonservative, der vor dem Zeitgeist kapituliert hat und sich kleinlaut eine kurze Gnadenfrist erfleht. Das ist kein Konservatismus, das ist Spiessertum. […] Hasenfüsse braucht niemand.“
  • Ein „Konservatismus, der Strahlkraft entwickeln will“, müsse „sich als grundlegende Alternative zu neulinken Gesellschaftsträumen präsentieren“, die „Kulturhoheit“ der eigenen Gedanken anstreben sowie „das herrschende Framing […] durchbrechen“. Dabei dürfe man keine „Rücksicht auf die Befindlichkeiten des herrschenden Zeitgeistes“ nehmen. Es müsse etwa unmissverständlich „deutlich werden, dass klassische konservative Werte wie traditionelle Familie, Heimat und Überlieferung keine Gefängnisse sind, sondern Schutzräume“ gegen „die ideologischen Übergriffe der sich progressiv Wähnenden“.

Ein innerlich erneuerter Konservatismus habe das Potenzial dazu, Widerstand gegen den von wirtschaftsnahen Akteuren und linksgerichteten Ideologien gemeinsam vorangetriebenen „inhumanen Albtraum“ einer globalen Einebnung aller Kulturen zu leisten, der sich hinter den Parolen von „Diversity und Inklusion“ verberge. Diese neue Ideologie, die „von einem Umbau Europas und der Welt zu einem traditionsbefreiten Siedlungsraum flexibler, postnationaler und hybrider Patchworkexistenzen, die in einer entgrenzten Welt global austauschbar und funktionsfähig sind“, träume, sei der natürliche Gegner der Konservativen, die zum „eigentlichen Bewahrer von Vielfalt und Dissidenz“ werden müssten.1

Hintergrund und Bewertung

Im gesamten westlichen Kulturraum dominiert seit den 1980er Jahren der von Grau kritisierte inhaltlich entkernte Konservatismus. Der Philosoph Günter Rohrmoser beobachtete bereits vor 20 Jahren, dass der authentische traditionelle Konservatismus in Deutschland nur noch eine „marginale und kaum noch eindeutig zu identifizierende Größe“ darstelle.2 Die Schwäche des Konservatismus schuf zudem in Verbindung mit dem sich vollziehenden Scheitern neoliberaler Ideologie ein politisches Vakuum, das rechtspopulistische Akteure teilweise ausfüllen.

Der ehemalige Bundespräsident Gauck forderte vor diesem Hintergrund die ehemals konservativen Unionsparteien dazu auf, dass sie für Konservative „wieder Heimat werden“. Es brauche eine „erweiterte Toleranz in Richtung rechts“ sowie eine stärkere Differenzierung zwischen „zwischen rechts – im Sinne von konservativ – und rechtsextremistisch oder rechtsradikal“. Es gebe eine problematische Tendenz dazu, „jeden, der schwer konservativ ist, für eine Gefahr für die Demokratie zu halten und aus dem demokratischen Spiel am liebsten hinauszudrängen.“3

Der Politikwissenschaftler Thomas Biebricher hatte die Erschöpfung des Konservatismus in Deutschland tiefer analysiert. Seit den 1970er Jahren habe die deutsche Christdemokratie eine schrittweise „Neoliberalisierung“ sowie eine Abwendung vom konservativen Denken vollzogen, in deren Folge sie ihren christlich-konservativen Charakter zuletzt endgültig aufgegeben habe.

  • Die Ursache der Krise des Konservatismus in Deutschland sei nicht die Stärke seiner Gegner, sondern die Schwäche der deutschen Konservativen gewesen, deren Denken bereits in den späten 1960er Jahren „in seiner substanziellen Dimension weitgehend verbraucht“ und nicht dazu fähig gewesen sei, sich gegen progressive und liberale Ideologien zu behaupten.
  • Der damals vorherrschende Konservatismus habe nicht mehr über eine kulturelle Vision und einen damit verbundenen aktiven Gestaltungswillen verfügt, sondern habe sich darin erschöpft, die von anderen Kräften vorangetriebenen Veränderungen mit Verzögerung nachzuvollziehen. Die seitdem zu beobachtende „Dynamik des konservativen Niedergangs“ sei Teil einer Krise des Konservatismus, welche die gesamte westliche Welt erfasst habe.

Die CDU habe sich bereits in den 1970er Jahren schrittweise von großen Fragen sowie vom konservativen Denken abgewandt und den Austausch mit konservativen Denkern eingestellt:

  • Der Politikwissenschaftler Klaus Hornung habe in diesem Zusammenhang 1984 diagnostiziert, dass der Begriff der von Helmut Kohl in Aussicht gestellten konservativen „geistig-moralischen Wende“ nur das „Etikett auf einer leeren Flasche“ gewesen sei. Tatsächlich sei die CDU zu diesem Zeitpunkt bereits eine „sozialliberale Wirtschaftspartei“ gewesen.
  • Günther Rohrmoser, der den Begriff der „geistig-moralischen Wende“ geprägt hatte, sprach damals von einem vollständigen Scheitern der CDU auf allen Gebieten mit Ausnahme der Deutschland- und Haushaltspolitik.
  • Seit den 1990er Jahren hätten konservative Denker gar keinen Bezug mehr zur CDU gehabt und sich außerhalb von ihr organisiert bzw. seien aus ihr herausgedrängt worden. Ratschläge seien nicht mehr bei „Spaemann, Lübbe oder anderen konservativen Intellektuellen“ gesucht worden, sondern bei Meinungs- und Wahlforschern.

Die intellektuelle Qualität der Amts- und Funktionsträger von CDU und CSU habe parallel dazu stetig abgenommen. Hier fehle mittlerweile durchgängig „die Fähigkeit, aus der Tiefe der konservativen Tradition zu schöpfen, um ehedem zum konservativen Kernbestand gehörende Positionen noch plausibel […] zu erläutern“. In der kurzen Debatte vor der faktischen Aufhebung des im Grundgesetz vorgesehenen besonderen Schutzes von Ehe und Familie sei zum Beispiel kein Vertreter der Unionsparteien noch dazu in der Lage gewesen, den christlich-konservativen Begriff von Ehe und Familie zu verteidigen. Es habe bei einzelnen Abgeordneten allenfalls noch zu einem „dürren Verweis“ auf den entsprechenden Artikel im Grundgesetz gereicht.

Den Zeitpunkt des endgültigen Bruches der CDU mit der konservativen Tradition datiert Biebricher auf die 1980er Jahre bzw. auf die Amtszeit Helmut Kohls. Damals habe sich die CDU zunehmend „begeistert über die Globalisierung der Ökonomie […] und den Imperativ allumfassender Flexibilität“ gezeigt.

  • Damals habe die Partei eine „Verengung zum Ökonomischen“ und eine Hinwendung zu materialistischer Ideologie vollzogen. In Folge dessen habe sie Deutschland nicht mehr als Nation und als Gemeinwesen, sondern nur noch als Wirtschaftsstandort betrachtet, der sich auf einen materialistischen „Gründungsmythos […] in Form von Wiederaufbau und Wirtschaftswunder“ stütze.
  • Der Neoliberalismus der CDU stelle eine Synthese zwischen den „Forderungen nach flexiblen Lebensentwürfen und Selbstverwirklichung der 68er“ und liberaler Ideologie dar, was insbesondere daran sichtbar werde, dass er den Menschen als hedonistischen Egoisten wahrnehme, dessen Existenz vor allem das Ziel habe, seine materiellen Bedürfnisse zu befriedigen.
  • Dieser Neoliberalismus sei weit entfernt vom konservativen Ordoliberalismus eines Walter Eucken, der die Verbindung von wirtschaftlichem Risiko und Haftung betone. Der Neoliberalismus hingegen fördere die Abwälzung dieser Risiken auf das Gemeinwesen und habe mit Unterstützung der CDU ein System der Umverteilung auf Kosten des Gemeinwohls geschaffen.

Die „älteren katholischen Kreisvorsitzenden“ hätten „stumm und verschlossen“ auf den Wandel ihrer Partei zu einem Akteur einer „entgrenzten Modernisierung“ reagiert. „Skepsis bezüglich der korrosiven Effekte jener hochdynamischen Wirtschaftsstruktur auf die Familie“ sei in der Partei kaum noch zu beobachten gewesen. Die CDU habe hier im Widerspruch zu den Prinzipien konservativen Denkens wesentlich zur Schaffung gesellschaftlicher Bedingungen beigetragen, welche „die langfristige Festlegung auf Familie in einer umfassend prekären Welt geradezu anachronistisch erschienen“ lassen.

Unter der Führung von Angela Merkel sei die inhaltliche Überformung der Christdemokratie abgeschlossen worden. Die CDU habe sich hier auch in der Migrations- sowie in der Familienpolitik von ihren letzten konservativen Kernbeständen getrennt, als sie Deutschland zum multikulturellen Einwanderungsland und den Islam zu einem Teil von Deutschland erklärte.4

Quellen

  1. Alexander Grau: „Subversion heisst heute, sich alte Strümpfe überzuziehen“, Neue Zürcher Zeitung, 17.04.2021.
  2. Günter Rohrmoser: Geistige Wende. Christliches Denken als Fundament des Modernen Konservatismus, München 2000, S. 243.
  3. Christiane Hoffmann/Lothar Gorris: „‚Wir müssen lernen, mutiger intolerant zu sein‘“, Der Spiegel, 15.06.2019, S. 32-38.
  4. Thomas Biebricher: Geistig-moralische Wende. Die Erschöpfung des deutschen Konservatismus, Berlin 2018.