Wolfgang Thierse: Patriotismus und Gemeinsinn als Antworten auf gesellschaftliche Auflösung

Louis Janmot - Poème de l'âme - Rayons de soleil (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Sozialdemokrat und Kulturwissenschaftler Wolfgang Thierse war zwischen 1998 bis 2005 Präsident des Deutschen Bundestages. In einem kürzlich erschienenen Aufsatz kritisierte er, dass die gegenwärtige Welle des linksradikalen identitätspolitischen Aktivismus den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland zunehmend zerstöre. Diese Bedrohung erfordere die Rückkehr zur Tugend des Gemeinsinns sowie zu den Werten „Heimat und Patriotismus, Nationalkultur und Kulturnation“.1

„Themen kultureller Zugehörigkeit“ in Form von Fragen „ethnischer, geschlechtlicher und sexueller Identität“ würden westliche Gesellschaften zunehmend spalten. Der Grad der Aggression, mit der die immer extremer handelnden identitätspolitischen Aktivisten ihre Anliegen verträten, habe eine Intensität erreicht, wie sie „in der Vergangenheit immer wieder zu heftigen, gar blutigen Konflikten geführt“ habe:

  • Es breite sich eine „Cancel Culture“ aus, die „Menschen, die andere, abweichende Ansichten haben und die eine andere als die verordnete Sprache benutzen, aus dem offenen Diskurs in den Medien oder aus der Universität“ ausschließe, indem sie sie persönlich diskreditiere. Der entsprechende Aktivismus richte sich unmittelbar gegen „demokratische politische Kultur“ und das Ideal der rationalen Debatte.
  • Es gebe „neue Bilderstürme“ in Form der „Tilgung von Namen“ sowie der „Denunziation von Geistesgrößen“. Die „subjektive Betroffenheit“ zähle dabei mehr „als der genaue Blick auf die Bedeutungsgeschichte eines Namens, eines Denkmals, einer Person“. Eine „Reinigung und Liquidation von Geschichte“, die „bisher Sache von Diktatoren, autoritären Regimen, religiös-weltanschaulichen Fanatikern“ gewesen sei, greife im linken Spektrum zunehmend um sich.
  • Es sei eine Forderung der Gerechtigkeit, für „Minderheiten gleiche soziale, ökonomische und politische Rechte zu erringen“. Es gebe jedoch aktuell die „Gefahr, nicht akzeptieren zu können, dass nicht nur Minderheiten, sondern auch Mehrheiten berechtigte kulturelle Ansprüche haben“. Antirassistische Ideologie weise Züge eines antiweißen Rassismus auf und beruhe auf einem „Mythos der Erbschuld des weißen Mannes“. Durch ihre Unterstellung eines „strukturellen, ubiquitären Rassismus in unserer Gesellschaft“ erzeuge diese Ideologie „falsche kulturelle Frontbildungen“ und rufe Abwehrreaktionen hervor, die von den Anhängern dieser Ideologie wiederum als Belege für vermeintlichen Rassismus dargestellt würden, was die Spaltung der Gesellschaft weiter vertiefe.

Man müsse sich angesichts dieser Radikalisierung die Frage stellen, wieviel Identitätspolitik und Vielfalt eine Gesellschaft vertrage, ohne zu zerfallen. Eine Gesellschaft benötige eine gemeinsame kulturelle Identität, etwa gemeinsame „Vorstellungen von Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität, Menschenwürde“, damit Vielfalt nicht zum Zerfall führe.

Rechte Identitätspolitik stelle keine geeignete Antwort auf linke Identitätspolitik dar, weil sie „kulturelle nationale Identität als ethnische und kulturelle Homogenität missversteht“. Unabhängig davon sei eine Rückkehr zur Tugend des Gemeinsinns und Werten wie dem Patriotismus erforderlich, um der Bedrohung durch linksradikalen identitätspolitischen Aktivismus zu begegnen:

„Heimat und Patriotismus, Nationalkultur und Kulturnation […] sind nicht reaktionäre Residuen einer Vergangenheit, die gerade vergeht. Der Blick in die europäische Nachbarschaft und auf den Globus zeigt: Die Nation ist keine erledigte historische Größe. Und die Pandemie hat gerade wieder erwiesen, wie notwendig diese Solidargemeinschaft, nämlich der nationale Sozialstaat, ist. In Zeiten dramatischer Veränderungen ist das Bedürfnis nach sozialer und kultureller Beheimatung groß. Eine Antwort auf dieses Bedürfnis ist die Nation. Das nicht wahrhaben zu wollen, halte ich für elitäre, arrogante Dummheit. […]

[D]ie Veränderungen, die wir erleben, machen die Fiktion einer homogenen Nationalkultur in der Tradition von Johann Gottfried Herder endgültig obsolet. Trotzdem ist Kultur auch nicht nur Interkultur, kulturelles McWorld oder Kulturplasma. Sie ist und bleibt ein immer auch regional und national bestimmtes, geschichtlich geprägtes Ensemble, ein Ensemble von Lebensstilen und Lebenspraktiken, von Überlieferungen und Erinnerungen, von Einstellungen und Überzeugungen, von ästhetischen Formen und künstlerischen Gestalten. Und genau als solches Ensemble prägt die Kultur die relative stabile Identität einer Gruppe, einer Gesellschaft und eben auch einer Nation. Und ich füge sofort hinzu: und ändert sich dabei! Denn Kultur ist selbst auch der eigentliche Raum der Bildung und Veränderung von Identitäten, der Vergewisserung des Eigenen wie auch der Aneignung und des Erlernens von Fremdem. Das macht Kultur so wichtig und Nation eben nicht überflüssig.“

Damit gesellschaftliche Vielfalt „friedlich und produktiv“ gestaltet werden könne, brauche es zudem die Tugend des Gemeinsinns. Ohne sie sei der gesellschaftliche Zusammenhalt gefährdet oder wird gar zerstört durch radikale Meinungsbiotope, tiefe Wahrnehmungsspaltungen und eben auch konkurrierende Identitätsgruppenansprüche“.

Bewertung und Hintergrund

Linksidentitärer Aktivismus beruht auf einer Synthese aus neomarxistischen und postmodernen Ideologieelementen und strebt die kulturelle Auflösung westlicher Gesellschaften als Voraussetzung für die Verwirklichung von Gleichheitsutopien an. Wolfgang Thierse unterstützte in der Vergangenheit die im Sinne dieser Ideologie ausgerichtete Amadeu-Antonio-Stiftung, die zu den zentralen Akteuren der von ihm jetzt kritisierten Auflösungsprozesse in Deutschland zählt. Sein Aufsatz markiert ein Umdenken sowie eine Hinwendung zu den Positionen der christlichen Soziallehre und ihres Ideals des Gemeinwohls sowie ihren Tugenden Gemeinsinn und Solidarität. Ein solches Umdenken war angesichts der zunehmenden Radikalisierung identitätspolitischer Ideologien zuletzt auch bei anderen Personen aus dem linksidentitären Spektrum zu beobachten. Vor einigen Monaten etwa hatte sich Christian Jakob, ein Redakteur der „tageszeitung“, kritisch mit der laufenden identitätspolitischen Kulturrevolution auseinandergesetzt.

Anna Seibt, eine Redakteurin des Deutschlandfunks, machte hingegen in einer Antwort auf Thierses Text deutlich, dass es identitätspolitischen Ideologien letztlich um die Zerstörung der traditionellen Kultur und der auf ihr beruhenden Gesellschaft geht:

  • Es stelle ein „Problem“ dar, dass in Deutschland „weiße, heterosexuelle und patriarchal geprägte Menschen den Ton angeben“.
  • Ziel müsse es sein, das „Traditions-Wir“, auf das Thierse sich bezog, „aufzubrechen“ und somit zu zerstören, weil es auf ungerechte Privilegien für die oben genannte Gruppe beruhe.

In ihren Äußerungen wird erkennbar, dass identitätspolitische Ideologien geistig steril bzw. in ihrem Denken vor allem durch Feindbilder geprägt sind. Über die vorwiegend biologistisch begründete Verneinung des Gewachsenen und den Willen zu dessen Zerstörung hinausgehende Vorstellungen über die Schaffung einer gerechteren Gesellschaft finden sich hier nicht. Noch weniger findet sich hier der mit dem Lebenswille verwandte Wille, Verantwortung für das eigene Erbe zu übernehmen und es an kommende Generationen weiterzugeben.

Die Anhänger der erwähnten Ideologien (sofern es sich um Europäer handelt) erweisen sich hier als Nihilisten. Sie wollen offenbar die letzten Menschen in einer langen Generationenkette sein, deren Werke sie vernichten, so dass nichts von ihnen bleibt. Identitätspolitik erscheint vor diesem Hintergrund weniger das Produkt einer weltanschaulichen Überzeugung zu sein, sondern die Folge einer suizidalen, nach Auslöschung des Eigenen strebenden seelischen Disposition. Das gehäufte Auftreten dieser Disposition deutet darauf hin, dass der gesamte europäische Kulturraum an einer kollektiven seelischen Krankheit leidet. Die dadurch verursachten Verwundbarkeiten lassen ihn zur Beute einer Vielzahl von Akteuren werden, die diese Schwäche erkannt haben und ausnutzen.

Die Gedanken anderer Autoren zum Problemkomplex Identitätspolitik haben wir hier zusammengestellt.

Quellen

  1. Wolfgang Thierse: „Wie viel Identität verträgt die Gesellschaft?“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.02.2021.