Ray Bradbury: „Jemand muss bereitstehen, wenn alles in die Luft geht“

Christlicher Ritter - Aus dem Psalter von Westminster (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

In seinem 1953 erschienenen dystopischen Roman „Fahrenheit 451“ setzt sich der Schriftsteller Ray Bradbury mit der Berufung des Mannes zum schützenden und bewahrenden Dienst auseinander. Das Werk behandelt einen Abschnitt im Leben Guy Montags, der Mitarbeiter einer Sicherheitsbehörde in einem vor einer Katastrophe stehenden totalitären Staat ist und durch die Begegnung mit einem numinosen Wesen im Innern erschüttert wird. Er entdeckt in einem Prozess von Initiationen seine Berufung dazu, die höchsten Werte im Angesicht des Untergangs zu schützen und zu bewahren und stößt schließlich auf einen Männerbund, der Kultur und Tradition bewahrt und nach der Katastrophe erneuern wird.

Der korrumpierte Männerbund als Akteur der Kultur des Todes

Montag ist Mitarbeiter der „Feuerwehr“, einem korrumpierten Männerbund, dessen Auftrag es ist, als politische Polizei eine totalitäre egalitäre Ordnung durchzusetzen, die allerdings von der großen Mehrheit der Menschen bejaht wird. Das Streben nach geistigen Werten wird von der herrschenden Ideologie als die Quelle von Ungleichheit und Diskriminierung betrachtet. Durch die Unterdrückung dieses Strebens sei eine gleiche und damit gerechte Gesellschaft geschaffen worden, in der auch die „mindeste Minderheit“ geschont ist. Wo Kultur nur aus anspruchslosem Kitsch bestehe, müsse sich niemand mehr unterlegen fühlen, und alle Menschen seien zufrieden.1

Die Arbeit der „Feuerwehr“ besteht darin, „die kärglichen Reste der Kulturgeschichte vollends auszutilgen“, indem sie die verbliebenen Bücher vernichtet und ihre Besitzer festnimmt.2 Der Führer der Institution ist ein gebildeter aber nihilistischer Zyniker. Die Institution sieht sich als „Glückshüter“ und als Diener am Seelenfrieden der Menschen, die sich „den wenigen entgegen“ stelle, „die mit ihrem widersprüchlichen Dichten und Denken die Leute ins Unglück stürzen wollen. Wir schützen den Deich.“3 Ein „Buch im Haus nebenan“ sei „wie eine scharf geladene Waffe. Man vernichte es. Man entlade die Waffe. Man reiße den Geist ab. Wer weiß, wen der Belesene als Zielscheibe aussuchen könnte!“4

In dieser Kultur des Todes erscheint alles als künstlich, leer und zugleich schrill und laut. Sie steht aus nicht näher erläuterten Gründen vor einem nuklearen Krieg, was allgemein ignoriert wird, und ist von Gewalt und Selbstmorden geprägt. Teil dieser Kultur ist Montags seelisch und körperlich zerstörte Ehefrau, deren „Haar von Chemikalien zu sprödem Stroh zerfressen“ wurde, deren Körper von Abmagerungskuren ausgemergelt ist5, die sich zufrieden wähnt aber Selbstmordversuche mit Schlafmitteln unternimmt und die interaktive Fernsehunterhaltung als ihre „Familie“ betrachtet. Sie ist von Freundinnen umgeben, die ihre Kinder hassen, falls sie diese nicht durch ein „Dutzend Abtreibungen“ getötet haben6.

Die Begegnung mit der numinosen Frau

Auch Montag ist Teil dieser Kultur, bis er dem Mädchen Clarisse begegnet. Sie löst Montags innere Entwicklung aus, die in seiner Berufungserfahrung mündet. Aus der Sicht der meisten Menschen ist Clarisse eine psychisch auffällige Schülerin, die sich den üblichen Zerstreuungen entzieht, sich absondert, keine Freunde hat und zusammen mit ihrer Familie „unter scharfer Beobachtung“ der politischen Polizei steht, weil sie als Bedrohung gilt.7 Tatsächlich handelt es sich bei ihr jedoch um eine numinose Frauengestalt, mit der es weit mehr auf sich hat, als auf den ersten Blick erkennbar ist.

  • Clarisse zeigt sich Montag „in sternklarer Nacht“, wobei sich ihre Erscheinung über mehrere Tage hinweg ankündigt. Mehrfach hat Montag auf dem Weg von seiner Arbeit in der Nacht den Eindruck, „als wäre unvermittelt ein Wind zu spüren, als hätte ihn jemand beim Namen gerufen“ und als würde jemand auf ihn in der Dunkelheit warten, „um sich im letzten Augenblick in ein Nichts zu verflüchtigen“, bevor sie schließlich erscheint.8
  • Ihre äußerliche Erscheinung ist von der Wirkung ihrer Augen geprägt, „so dunkel und glänzend und voller Leben“, und ihr Gesicht ist „leuchtend wie Schnee im Mondschein9 sowie „voller ruhiger Gewissheit, das rasche Fortschreiten der Nacht bezeugend, die neuen Finsternissen entgegenstrebt, aber auch einer neuen Sonne“.10 Ihre wesentlichen Eigenschaften sind „feine Neugier“ und „ein ständiges Staunen“.11 Montag nimmt sie als „überlebensgroße Gestalt“ wahr.
  • Sie selbst beschreibt sich beiläufig als „uralt“ und empfindet sich als Fremde unter den Menschen.12 Wo sie auftritt, ist dies mit Naturerscheinungen verbunden, etwa mit einem als „gewaltig“ beschriebenen Wind. Sie bevorzugt die Nacht, die Stille und die Wälder, die sich häufig durchwandert und den Sonnenaufgang sowie die Natur im Allgemeinen betrachtet, wobei sie offenbar auf der Suche nach dem Schönen ist.

Sie beobachtet auch die Menschen, indem sie unerkannt Gesprächen zuhört. Hierbei scheint sie auf der Suche nach besonderen seelischen Eigenschaften zu sein, findet meist aber nur Leere vor. Als Montag ihr begegnet, hat er den Eindruck, „als ob ihn das Mädchen in Gedanken umkreise, als ob es ihm das Innerste nach außen kremple, ohne sich selbst von der Stelle zu rühren“.13 Durch Fragen, aber auch durch die Konfrontation mit Symbolen lenkt sie seinen Blick auf das, was in seiner Welt und seinem Leben falsch und unzulänglich ist, aber auch über diese Welt hinaus, was dazu führt, dass er sich auf die Suche begibt. Montag erkennt durch sie, dass er Teil einer Kultur des Todes ist, die vor ihrer Vernichtung steht, und beginnt nach einem Ausweg aus Tod und Untergang zu suchen. Nach ihrer letzten Begegnung verschiedet sie sich mit den Worten, dass sie nun leider gehen müsse, woraufhin sie nicht mehr auftaucht. Später heißt es, dass sie von Jugendlichen, die Nachts auf Spaziergänger Jagd machen, getötet worden sei, was aber unbestätigt bleibt.

Montag sieht sie später noch einmal in einer Vision, als er an der Grenze zum Tod während seines gefährlichen Übergangs aus der vor dem Untergang stehenden Stadt in den sicheren Wald aus der Ferne in einer durch den Mond erhellten Nacht eine schöne Frau sieht, deren Gesicht dem Clarisses gleicht. Hier erscheint sie noch erhabener als in seinen früheren Begegnungen und richtet nicht direkt das Wort an ihn, hinterlässt ihm aber ein „Zeichen, dass die unermessliche Welt“, in die er durch die Annahme seiner Berufung eingetreten war, „ihn annahm“.14

Es bleibt unklar, worum es sich bei Clarisse genau handelt, bzw. ob sie überhaupt ein Mensch ist. Einige Beschreibungen Bradburys deuten übernatürliche Kräfte an, während andere von ihm verwendete Bilder marianischer Symbolik nach katholischem Verständnis entsprechen, etwa die vom Autor im Zusammenhang mit ihr durchgängig verwendete Mondsymbolik und sein Hinweis, dass der Mond sein Licht von der Sonne erhalte. Wie Maria wird Clarisse außerdem als „wie der Mond so schön“ beschrieben, „strahlend rein wie die Sonne, Furcht erregend wie Heerscharen“15, und ihr Feind ist der Drache, der große Feind des Menschen.16

Die Berufung zum schützenden und bewahrenden Dienst

Auf seiner durch die Begegnung mit Clarisse angestoßenen Suche begegnet Montag weiteren Menschen, die ihm bei seiner Suche direkt oder indirekt helfen. Dazu gehört eine alte Frau, die sich in seiner Anwesenheit mit ihren Büchern verbrennt, anstatt sich verhaften zu lassen, und dabei aus einem Werk zitiert:

„Seid ein Mann, Meister Ridley; wir werden heute, so Gott will, in England eine Kerze anzünden, wie sie wohl nie mehr auszulöschen ist.“17

Der Opfergang der Frau bewegt Montag, und er sagt sich, dass „etwas dran sein“ müsse an den Büchern, „etwas von dem wir uns keine Vorstellung machen, wenn eine Frau sich deswegen verbrennen lässt; es muss etwas dran sein. Für nichts und wieder nichts tut man da nicht“.18

Er erinnert sich außerdem an eine frühere Begegnung mit einem ehemaligen Literaturprofessor namens Faber, an den er sich wendet, damit er sein Mentor wird. Von ihm angeleitet erkennt Montag schließlich, dass die die ihn umgebende Gesellschaft sich selbst vernichten wird. Er erkennt auch, dass es darauf ankommt, die Erinnerung daran zu bewahren, wie solche Katastrophen verhindert werden können, und er erkennt seine Berufung:

„Jemand muss bereitstehen, wenn alles in die Luft geht.“19

Faber, der klug ist aber auch feige, wäre nicht dazu in der Lage, diese Aufgabe zu leisten. Sie in die Tat umsetzen, erfordert den von Klugheit geleiteten tapferen Mann in Person Montags, der sich zum Handeln entschließt.  Montag ist aber noch nicht reif für diesen Auftrag und will zunächst aus einem unklugen Impuls heraus die „Feuerwehr“ von innen heraus zerstören, indem er Bücher in den Häusern ihrer Mitarbeiter platziert und sie dann anzeigt. Er scheitert aber bereits im Ansatz und muss fliehen.

Seine Flucht aus der zum Untergang verurteilten Stadt in den sicheren Wald führt durch einen Fluss, und sein Eintauchen in diesen im Augenblick der höchsten Gefahr trägt die Züge einer Taufe. Es „kam ihm vor, als habe er die große Séance mit all den raunenden Geistererscheinungen endgültig hinter sich“, und als sei er aus Unwirklichkeit „in eine Wirklichkeit hinein“ getreten.20

Im Fluss treibend betrachtet er den Mond (einen Verweis auf die Begegnungen mit Clarisse) und gerät in einen Zustand der Kontemplation, der ihm weitere Erkenntnisse über seine Berufung verschafft. Er erkennt, dass man entweder zerstören oder aufbauen kann, und dass er in seinem bisherigen Leben niemals anderen etwas gegeben hat, so wie auch die Menschen der Stand einander nichts geben. Seine Aufgabe sei es ab jetzt, anderen zu dienen, indem er das geistige Erbe schützt und bewahrt, ohne das die Menschen nicht leben können:

„Irgendwo musste wieder ein Anfang gemacht werden mit Erhalten und Bewahren, und jemand musste sich auf die eine oder andere Art damit befassen, musste erhalten und bewahren, in Büchern, in Archiven, in den Köpfen der Menschen, gleichgültig wie, solange es nur sicher war und geschützt vor Motten, Rost und Moder, und Menschen mit Streichhölzern. Die Welt war voll Verbrennung aller Art. Nun galt es schleunigst die Zunft der Teflonweber ins Leben zu rufen.“21

Der Männerbund als Bewahrer und Erneuerer von Tradition und Kultur

Als Montag aus dem Fluss steigt, befindet er sich im Wald, wobei Bradbury das ungefähr zeitgleich zu seinem Werk entstandene Bild des Waldgängers vermutlich nicht kannte. Montag stößt dort auf Waldgänger bzw. auf die Mitglieder eines Männerbunds, die in der Vergangenheit an Universitäten lehrten oder als Geistliche tätig waren, und die mangels öffentlichem Interesse an ihrem Werk ihre Arbeit verloren oder in Konflikt mit dem Staat gerieten, weil sie sich gegen den Niedergang der Kultur stellten. Sie bewahren den Inhalt der großen Werke, indem sie diese auswendig lernen; haben sich im Wald eine Welt geschaffen haben, in der das Feuer nicht zerstört, sondern erhellt und wärmt, und in der die Menschen leben, um anderen zu geben. Die letzte Initiation in Form der Frage, ob er sich anschließen wolle und was er beitragen könne, besteht er durch einen Verweis darauf, dass er Teile eines Buches der Bibel in sich trage.22

Der Führer dieses Bundes beschreibt dessen Auftrag und Wirken so:

„Es geht uns nur darum, uns die Kenntnisse, die wir einmal benötigen werden, zu sichern und zu erhalten. Vorläufig sind wir noch nicht darauf aus, irgendjemanden aufzuwiegeln oder Ärger zu erregen. Wenn wir vernichtet werden, stirbt das Wissen mit uns, vielleicht ein für allemal. […] Gegenwärtig haben wir eine fürchterliche Aufgabe; wir warten, bis der Krieg ausbricht und ebenso schnell wieder vorbei ist. Das ist nicht erquicklich, aber was soll’s, wir sind nur eine überzählige Minderheit, die Rufer in der Wüste. Wenn der Krieg vorbei ist, können wir der Welt vielleicht von Nutzen sein. […]

Wir geben die Bücher mündlich an unsere Kinder weiter, und dann mögen die Kinder ihrerseits sich der Welt nützlich machen. Natürlich geht auf diese Art viel verloren. Aber man die Leute nicht zum Zuhören zwingen. Sie müssen sich mit der Zeit selbst Gedanken darüber machen, warum ihre Welt in die Luft geflogen ist. Einmal muss es ja so weit kommen. […]

Das Wichtigste allerdings, was wir uns immer wieder ins Bewusstsein rufen müssen, ist, dass wir nicht wichtig sind; es durfte keine Gelehrteneitelkeit aufkommen, wir durften uns nicht über andere erhaben fühlen. Schließlich sind wir nichts als Schutzumschläge für Bücher, im Übrigen aber belanglos. […]

Vielleicht wird das, was wir mit uns herumschleppen, eines Tages jemandem nützen. Aber auch damals, als wir die Bücher noch zur Hand hatten, machten wir keinen Gebrauch von dem, was wir darin fanden. Wir hörten nicht auf, die Toten zu beleidigen. […] In der kommenden Woche werden wir eine Menge einsamer Menschen treffen, und den ganzen nächsten Monat und das ganze nächste Jahr. Und wenn man uns fragt, was wir eigentlich tun, könnt ihr sagen: ‚ Wir erinnern uns.‘ Damit werden wir uns auf die Dauer durchsetzen.“ 23

Der Führer des Bundes deutet an, dass diese Aufgabe nie enden werde und man nach der „nächsten Kulturdämmerung“ wieder von vorne beginnen müsse.24

Nach dem Eintritt der erwarteten Katastrophe bzw. nach dem nuklearen Schlagabtausch, der die Stadt und die totalitäre Ordnung vernichtet, steht der Bund vor der Wahl, wie er nun handeln soll. Das Buch schließt mit damit, dass Montag die Initiative übernimmt um den Wald zu verlassen und in Richtung der zerstörten Stadt zu gehen, wo ein großer Auftrag auf ihn und den Bund wartet.

Quellen

  1. Ray Bradbury: Fahrenheit 451, Zürich 2013, S. 104 – 105.
  2. Ebd., S. 19.
  3. Ebd., S. 110 – 111.
  4. Ebd., S. 105.
  5. Ebd., S. 89.
  6. Ebd., S. 174.
  7. Ebd., S.108.
  8. Ebd., S. 21-22.
  9. Ebd., S. 23-24.
  10. Ebd., S. 31.
  11. Ebd., S. 22.
  12. Ebd., S. 61.
  13. Ebd., S. 24.
  14. Ebd., S. 239 – 240.
  15. Hoheslied 6, 10.
  16. Offenbarung 12.
  17. Bradbury 2013, S. 70.
  18. Ebd., S. 93.
  19. Ebd., S. 152.
  20. Ebd., S. 235.
  21. Ebd., S. 237.
  22. Ebd., S. 251 – 252.
  23. Ebd., S. 254 – 257, 273.
  24. Ebd., S. 257.