John McWhorter: Identitätspolitischer Aktivismus als Sektenphänomen

Nicolas-Antoine Taunay - Triumph der Guillotine (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Sprachwissenschaftler John McWhorter lehrt an der Columbia University in den USA. In einem jetzt veröffentlichten Gespräch beschreibt er identitätspolitischen Aktivismus als Sektenphänomen. Er beruhe auf einer „Ideologie der Erwählten“, die sich dazu ermächtigt fühlten, jeglichen Widerspruch aus dem öffentlichen Leben zu eliminieren. Die dort ablaufenden Radikalisierungsprozesse ähnelten zudem jenen, die bereits während der Französischen Revolution zu beobachten gewesen seien.

Die identitätspolitischen Bewegungen der Gegenwart stellten eine „neue Religion“ dar, die auf einer „Ideologie der Erwählten“ beruhe. Sie ähnelten radikalen Sekten. Diese Bewegungen zerstörten zunehmend das geistige Leben westlicher Gesellschaften, in dem sie „die Gefühle und Betroffenheit von Menschen, von denen gesagt wird, sie seien Opfer eines repressiven Systems“, an die Stelle von Argumenten stelle und ihre Kritiker aus dem „öffentlichen Diskurs zu verbannen“ versuchten. Dabei radikalisierten sich diese Bewegungen mit hoher Geschwindigkeit.

  • McWhorter spricht von einer „Ideologie der Erwählten“, weil identitätspolitische Ideologie so wie die Weltanschauung radikaler Sekten davon ausgehe, „letztgültige Wahrheiten“ im Bereich des Politischen gefunden zu haben und mit einem „rhetorischen Baseballschläger durch das Internet ziehen und jeden als Rassisten niederknüppeln, der ihnen widerspricht“.
  • Diese Ideologie sei eine biologistische Rassenideologie, die davon ausgehe, dass die „Stellung von Menschen in der sozialen Sphäre vor allem von Merkmalen wie Hautfarbe oder Geschlecht bestimmt wird“. Zudem gehe man davon aus, dass Menschen aufgrund ihrer Rasse „eine geheimnisvolle, spirituelle Gemeinschaft bilden“, so dass man etwa annehme, dass nur ein Schwarzer ein von einem anderen Schwarzen verfasstes Gedicht richtig übersetzen könne.
  • In dieser Ideologie gehe es nicht mehr darum, ob eine Aussage wahr oder falsch sei, sondern nur noch darum, ob der der richtigen Rasse angehöre und das richtige Geschlecht habe. Als Weißer könne man sich aus der Sicht dieser Ideologie nicht richtig verhalten, sondern sei grundsätzlich ein Rassist, egal wie man sich verhalte.

Die Lage von Minderheiten sei den Aktivisten, denen es in erster Linie um Selbstdarstellung gehe, gleichgültig. Sie trügen durch ihr Handeln sogar zur Verschlechterung von deren Situation bei:

„Es geht nicht darum, normalen schwarzen Menschen in ihrem täglichen Leben zu helfen. Sondern darum zu zeigen, dass man ein Antirassist ist. Und das kann schlimme Folgen haben. In etlichen städtischen Schulbezirken sind schwarze und hispanische Jungs für die meisten gewalttätigen Übergriffe verantwortlich, weswegen sie häufiger von der Schule fliegen als weiße oder asiatischstämmige Jungs. Die ‚Erwählten‘ sagen nun, dass sich in diesen Zahlen ‚struktureller Rassismus‘ offenbare, weil in ihrer Ideologie jeder Unterschied zwischen Schwarzen und Weißen notwendigerweise auf Rassismus gründet. Das Problem dabei ist allerdings: Wenn man Jungs, die ihr Umfeld systematisch terrorisieren, im Namen des Antirassismus nicht von der Schule entfernt, dann sinkt das Lernniveau für alle, und zwar auch für die schwarzen Schüler, die an diesen Schulen oft die Mehrheit bilden. Auf der symbolischen Ebene wurde dann der Rassismus zwar bekämpft. Aber schwarze Schüler, die auf einer öffentlichen Schule tatsächlich vorankommen wollen, zahlen den Preis dafür.“

Intellektuelle seien für radikale utopische Ideologien dieser Art besonders anfällig:

„Ideologien sind für intelligente Menschen wie Drogen, weil sie dazu neigen, nach einem Modell zu suchen, das auf alles eine Antwort parat hat. Lange Zeit war dies der Marxismus. Nun haben wir diese neue Lehre, mit deren Modell einer weißen Hegemonie sich angeblich fast alles erklären lässt. Wenn man sich ihr anschließt, hat man das Gefühl, ein guter Mensch zu sein. Das Grundgefühl des westlichen Menschen ist Schuld, und diese Lehre hilft dabei, sie zu lindern.“

Es bestehe das Risiko, dass identitätspolitischer Aktivismus radikale Gegenbewegungen stärkt oder hervorruft: Wenn eine „Revolution zu drakonisch wird, wenn sie zu sehr Robespierre nacheifert, dann gibt es eine Gegenbewegung, die zu den gleichen hässlichen Methoden greift“. Wenn radikale Intellektuelle weißen Arbeitern, die ihren Arbeitsplatz verloren hätten, erklären wollten, dass sie Rassisten seien, die über „weiße Privilegien“ verfügten, müssten sie mit wütenden Antworten rechnen. Wenn die „radikale Linke in Europa damit anfängt, das zu ignorieren, was die Menschen jeden Tag erleben, und versucht, jeden zu bestrafen, der von ihrer Linie abweicht“, dann werde dies „heftige Konflikte“ nach sich ziehen.1

Hintergrund

McWhorters Artikelserie über die „Ideologie der Erwählten“ kann hier abgerufen werden. Frühere Beiträge zum Problemkomplex Identitätspolitik und „Cancel Culture“ finden sich hier.

Quellen

  1. „‚Ideologien sind für intelligente Menschen wie Drogen‘“, Der Spiegel, 13.03.2021, S. 116-119.