Jörg Hackeschmidt/Caroline König: Deutschland braucht ein positives Identitätsverständnis

Karl Friedrich Schinkel - Gotischer Dom am Wasser (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Historiker Jörg Hackeschmidt ist im Stab Politische Planung, Grundsatzfragen und Sonderaufgaben des Bundeskanzleramtes tätig. Zusammen mit der Politikwissenschaftlerin Caroline König kritisiert er in einem heute erschienenen Aufsatz Schwächen der deutschen Erinnerungskultur. Diese sei von einer „Verengung auf die Schrecken“ der deutschen Geschichte geprägt und tauge nicht dazu, Gemeinsinn zu stiften oder integrierend zu wirken. Deutschland brauche ein positives Identitätsverständnis.

  • Laut der Politikwissenschaftlerin Antonia Grunenberg bestehe die Übernahme von historischer Verantwortung „nicht nur darin, dass Auschwitz ’nie wieder passieren darf‘, sondern in der Erneuerung und der Sorge für ein demokratisches Gemeinwesen“. Angesichts migrationsbedingter und anderer Herausforderungen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt müsse Deutschland eine „positive Identität, ein verbindendes Narrativ entwickeln“.
  • Darauf habe auch der Historiker Hans-Ulrich Wehler hingewiesen, als er sagte, dass sich „ein vitales Gemeinwesen [….] nicht auf einem Menschheitsverbrechen aufbauen“ lasse. Eine „Identität ex negativo“ sei nicht tragfähig, und der „Selbsthass der Deutschen“ könne niemanden integrieren. Wer sich selbst hasse, könne keinen Respekt für sich sowie für seine Werte- und Rechtsordnung erwarten.

Die „Unfähigkeit Deutschlands“, ein „Dreivierteljahrhundert nach Ende des Zweiten Weltkriegs ein Selbstverständnis als Nation zu entwickeln“, sei „beunruhigend“. Die „Gewissheit darüber, was man verabscheut“ ersetze „nicht einen positiven Begriff politischer Zivilisation“ und kein „republikanisches Stiften von Gemeinwesen, und es ersetzt auch keine historischen Vorbilder, an denen es der Kultur- und Erfindernation Deutschland wahrlich nicht mangelt“. Die Entwicklung und die Vermittlung eines positiven Identitätsverständnisses stelle eine wesentliche Aufgabe für die kommenden Jahre dar.1

Bewertung

Die Autoren lassen offen, worin sie die Grundlagen des von ihnen eingeforderten positiven Identitätsverständnisses sehen. Gegenwärtig sind neben identitätspolitischen Tendenzen zur Fragmentierung der Gesellschaft mindestens drei, zum Teil miteinander konkurrierende Identitätsentwürfe erkennbar:

  • Ein postmodern-technokratischer Entwurf, den die Autoren mit den Worten kritisieren, dass Deutschland hier wie „eine neu zu gründende Wohngemeinschaft“ erscheine, „in der die Mitbewohner nun alle gemeinsam die Koordinaten für das Zusammenleben neu aushandeln“;
  • Ein nationalliberaler bzw. nationalkonservativer Entwurf, der an die deutsche Nationsbildung im 19. Jahrhundert anknüpft;
  • Ein abendländischer Entwurf, der während der Gründungsphase der Bundesrepublik zeitweise dominierte.

Während der erste Entwurf gegenwärtig im Scheitern begriffen ist, sind die beiden andere Entwürfe gegenwärtig gesellschaftlich so marginalisiert, das die Autoren sie nicht zu erwähnen wagen. Sie stellen aber die einzigen historisch und kulturell fundierten positiven Identitätsentwürfe dar, die zur Verfügung stehen, um gesellschaftliche Bindungen in Deutschland zu erneuern und integrierend zu wirken.

In den vergangenen Jahrzehnten wurde eine Synthese dieser Entwürfe geschaffen, welche die nationale deutsche Identität im Kontext des abendländischen Erbes und der Einheit der Völker und Kulturen Europas versteht. Gegenüber dieser Synthese zeigten sich zuletzt auch einige Anhänger des klassischen Aufklärungsgedankens und des klassischen Liberalismus aufgeschlossen.

Das Eintreten für diesen Identitätsentwurf stellt, wie auch Hackeschmidt und König betonen, eine wichtige Aufgabe dar, deren Umsetzung jedoch mit enormen und derzeit weiter zunehmenden Widerständen verbunden ist. Dies ist jedoch nicht ungewöhnlich, da die abendländische Geschichte im Wesentlichen eine Konfliktgeschichte darstellt. Dies anzuerkennen, stellt den notwendigen ersten Schritt zur Erneuerung von Gesellschaften im Geist dieses Erbes dar. (sw)

Quellen

  1. Jörg Hackeschmidt/Caroline König: „Selbsthass ist kein Identifikationsangebot“, Neue Zürcher Zeitung, 18.03.2021.