Joachim Gauck: Gegen die neue Rassenideologie

Mathias Grünewald - Der heilige Märtyer Mauritius (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der evangelische Theologe und ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck warnt in einem heute erschienenen Aufsatz, dass linksidentitärer Aktivismus eine neue Form von Rassenideologie geschaffen habe, die mit antiweißem Rassismus verbunden sei. Diese Ideologie leugne die historischen Leistungen von Weißen, etwa die Bekämpfung und Abschaffung der Sklaverei, aber auch die historischen Verbrechen von Nichtweißen, um ideologisierte Geschichtsbilder zu schaffen. Dies fördere Rassenkonflikte und führe dazu, dass reale Verfolgung und Unterdrückung, die in vielen Regionen der Welt fortbestünden, ausgeblendet würden.1

Der „aus angloamerikanischen Gefilden“ stammende Zeitgeist behaupte, dass Weißsein schicksalhaft mit Privilegien verbunden sei. In diesem Zusammenhang habe sich ein antiweißer Rassismus herausgebildet, der auf rassenbezogenen Pauschalisierungen gegenüber Weißen beruhe und Weißsein pauschal abwerte, indem er es mit der ungerechten Ausübung von Macht identifiziere und unterstelle, das „Weiße ganz ungeachtet ihres individuellen Verhaltens mit einer Art kollektiver Schuld versehen“ seien.

Die Behauptung, dass Weiße über Privilegien verfügten, sei jedoch faktisch falsch. Sonderrechte für Weiße gebe es in keinem einzigen Staat des europäischen Kulturraums der Gegenwart, sondern allenfalls Ungleichheiten zwischen ethnischen Gruppen. Dass „Weiße in einer weißen Mehrheitsgesellschaft selbst ohne rechtliche Privilegien zahlreiche Vorteile haben“, sei jedoch die natürliche Folge der Tatsache, dass sie in ihren Heimatstaaten „weitgehend reibungslos als Gleiche unter Gleichen“ agieren könnten, und habe zunächst nichts mit Diskriminierung zu tun.

Identitätspolitischer Rassenaktivismus richte sich außerdem gegen das gesamte abendländische Kulturerbe, dass unter Rassismusverdacht gestellt werde, weil seine Schöpfer meist Weiße waren. Dabei werde auf den europäischen Kolonialismus und die in einzelnen Staaten praktizierte Sklaverei verwiesen.

  • Sowohl Kolonialismus und Sklaverei stellten jedoch universelle Phänomene dar, die nicht nur von Weißen praktiziert worden seien. Der arabische Sklavenhandel etwa habe eine weit längere Geschichte als der europäische, und Weiße seien unter seinen Opfern gewesen. Auch das Osmanische Reich und muslimische Piraten hätten Weiße „massenhaft versklavt“.
  • Es sei der historische Verdienst weißer Christen gewesen, dass sie die Sklaverei in den von ihnen beherrschten Räumen „bekämpft und schließlich beseitigt“ hätten, und Weiße hätten das Konzept der Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz geschaffen. Diese Leistungen würden von Aktivisten jedoch geleugnet.
  • Die Aktivisten, welche die gesamte Menschheitsgeschichte zu einem Produkt von Rassenkämpfen „zwischen Weißen und People of Color“ umdeuten wollen, marginalisierten dadurch die Unterdrückung von Nichtweißen durch Nichtweiße, etwa in China und Kambodscha, „wo Millionen zu Opfern kommunistischen Terrors wurden“. Man könnte die Rollen von Gut und Böse in der Geschichte nicht nach Hautfarben festlegen.

Es bestehe das Risiko dass „Vernichtung, Unterdrückung und Diskriminierung weniger Aufmerksamkeit zuteil wird, wenn die Unterdrücker nicht weiß, sondern schwarz oder People of Color sind“, etwa die von chinesischen Kommunisten unterdrückten Uiguren oder die von Islamisten verfolgten Christen Schwarzafrikas. Wer „Unterdrückung übersieht, wenn sie von Nichtweißen verübt wird“, stelle den Faktor der Rasse über die universellen Menschenrechte und betreibe „trotz steter Ablehnung des Begriffs Rasse eine letztlich rassisch grundierte“ Politik.

Hintergrund und Bewertung

Gauck hatte zuletzt eine „neurotische Feindschaft gegen das Eigene“ in Deutschland kritisiert. Sein jetzt veröffentlichter Beitrag kann auch als Distanzierung von seinem Amtsnachfolger Frank-Walter Steinmeier verstanden werden, der in seinen Reden auf linksidentitäre Rassenideologeme zurückgreift, etwa auf das Stereotyp des „alten weißen Mannes“, dem es aufgrund seiner Rasse angeblich an Einsichtsfähigkeit und Fähigkeit zum Verständnis bestimmter Probleme mangele.

Rassenideologien, die den Menschen primär als Produkt seine Abstammung verstehen und unterschiedlichen Rassen einen unterschiedlichen Wert zumessen, waren bis ins 18. Jahrhundert in der abendländischen Kultur unbekannt und entstanden erst im Zuge des Aufkommens materialistischer Welt- und Menschenbilder. Christliche Denker stellten diesen das Konzept der Menschenwürde entgegen, auf dessen Grundlage im 19. Jahrhundert ein globaler Kampf gegen rassenideologisch gerechtfertigte Praktiken wie die Sklaverei einsetze, der diese Praxis im europäischen Kulturraum und Herrschaftsbereich vollständig beseitigte, während sie in anderen Kulturräumen bis heute fortbesteht.

Im frühen 20. Jahrhundert verurteilten die katholische Kirche die auf vulgärdarwinistischen Vorstellungen beruhenden Rassenideologien dieser Zeit grundsätzlich und warnte frühzeitig vor den von ihr ausgehenden Gefahren.2 Papst Pius XI. fasste 1937 die Position der christlichen Soziallehre gegenüber Rassenideologien jeglicher Art mit den Worten zusammen, dass derjenige, der „die Rasse […] zur höchsten Norm aller, auch der religiösen Werte macht und sie mit Götzenkult vergöttert“ die „gottgeschaffene und gottbefohlene Ordnung der Dinge“ verkehre.3 Auch die Protestanten der Bekennenden Kirche stellten sich konsequent gegen die Rassenideologien ihrer Zeit.

Im späteren 20. Jahrhundert bildeten sich neue, auf neomarxistischen und postmodernen Vorstellungen beruhende Rassenideologien heraus, mit denen wir uns hier auseinandergesetzt haben, und deren Ziel nicht die Unterdrückung oder Ausbeutung von Nichtweißen, sondern die Delegitimierung  der mit rassischen Begriffen definierten traditionellen europäischen Kultur und den auf ihr beruhenden politischen Ordnungen ist.

Diese Rassenideologie findet auch in den Kirchen zunehmend Anhänger, was dazu führt, dass sie als Institution bislang keinen wirksamen Widerstand gegen sie leisten. Während einige Kirchenvertreter offenbar aus Furcht davor, dem Zeitgeist zu widersprechen, gegenüber den von Gauck beschriebenen Tendenzen schweigen, kollaborieren andere mit ihnen. Säkulare Denker wie Ayaan Hirsi Ali oder Levent Tezcan verteidigen die Leistungen und den Wert des abendländischen Erbes gegenwärtig oft entschlossener, als Vertreter der Kirchen es tun. (sw)

Quellen

  1. Joachim Gauck: „‚Menschen, die die Freiheit, Demokratie und Menschenrechte lieben, fragen nicht danach, ob jemand schwarz ist oder weiß‘“, Die Zeit, 31.03.2021, S. 55.
  2. Ernst-Wolfgang Böckenförde: „Der deutsche Katholizismus im Jahre 1933. Eine kritische Betrachtung“, in: Rainer Brendel (Hrsg.): Die katholische Schuld? Katholizismus im Dritten Reich – zwischen Arrangement und Widerstand, Münster 2002, S. 171-199, hier: S. 173 f.
  3. Mit brennender Sorge 12.