Das ritterliche Ethos im Heldengedicht Beowulf

Der heilige Georg kämpft gegen den Drachen - Darstellung aus dem 12. Jhd, (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Das im 8. Jahrhundert entstandene angelsächsische epische Heldengedicht „Beowulf“ handelt laut seinem unbekannten Dichter davon, wie „edelste Krieger sich Ehre erwarben“ und beschreibt den Kampf des Helden Beowulf gegen drei übernatürliche Feinde; den Troll Grendel und seine Mutter sowie einen Drachen.1 Das Werk enthält eine der ältesten Beschreibungen des Ethos, das später das christliche Rittertum prägte. Sein Inhalt beruht auf der Synthese aus vorchristlicher europäischer Kultur und christlichem Geist, die ab dem frühen Mittelter die abendländische Kultur prägte.

Der abendländische Männerbundgedanke

Laut Tolkien, für dessen Werk das Gedicht eine wesentliche Inspiration darstellte, sei es dem Dichter nicht darum gegangen, die nordgermanische Kultur der Spätantike historisch genau zu beschreiben. Er habe diese Kultur und ihre Geschichte vielmehr christianisieren wollen, um das zu bewahren, was an ihnen wertvoll war.2 Das Werk sei ein Beispiel für die Inkulturation des Christentums in Nord- und Westeuropa und verdanke seine zeitlose Anziehungskraft der Tatsache, dass es christliche Inhalte auf eine Weise vermittele, welche die Seele europäischer Männer auf besondere Weise anspreche.3 Der Dichter verband dazu Elemente des germanischen Männerbundkonzepts mit christlichen Elementen zu einem abendländischen Männerbundgedanken, der später das christliche Rittertum inspirierte:

  • Christus wird als Führer von Männerbünden beschrieben. Das Paradies wird in Anlehnung an die Bezeichnung von Königshallen „die Halle des Herrn“ genannt. Christus ist der „Ranghöchste“, und Christen sind „die Gefolgsmannen Gottes“.
  • Christliche Krieger und Herrscher, die im Gedicht nach dem Vorbild der Könige und Patriarchen des Alten Testaments beschrieben werden, müssen mit Gottes Hilfe einen Raum der Ordnung im Chaos schaffen und behaupten, bis sie schließlich unterliegen, wobei die Ordnung weiterbesteht, solange jüngere taugliche Krieger bereitstehen, um die Ordnung zu verteidigen und schließlich selbst zu guten Herrschern zu werden und den Kreis des Lebens fortzusetzen. Vor seinem Tod übergibt Beowulf dementsprechend seine Waffen und seine Rüstung an Wiglaf, der ihm als einziger aus seiner Gefolgschaft in seinem letzten Kampf gegen den Drachen (einem Symbol für das Chaos und das den Menschen bedrohende Böse) zur Seite stand, so dass er besiegt werden konnte.
  • Herrschaft beruht nach dieser Vorstellung auf Zustimmung zur Person des Herrschers. Der gute König Hrothgar, dem Beowulf gegen das Monster Grendel zur Seite steht, wird als Führer eines Männerbundes beschrieben, der durch sein Charisma Freunde an sich band. Diese „folgten ihm gerne“ und „stark war die Schar“. Auch seine Vorfahren werden als heroische Gestalten beschrieben, die durch ihr Charisma und Vorbild Krieger dazu bewegen, ihnen Gefolgschaft zu leisten.
  • Die im Gedicht beschriebene männerbündische Gesellschaft ist hierarchisch strukturiert. Der Aufstieg in der Hierarchie erfolgt durch die Übernahme von immer größerer Verantwortung und die Bewährung bei den damit verbundenen risikoreichen Aufgaben. Dem König an der Spitze der Hierarchie, über dem nur Gott steht, sind in erster Linie größere Pflichten auferlegt als anderen Menschen. Er verfügt nur dann über ein größeres Maß an Ehre und Anspruch auf deren Anerkennung, wenn er als guter König herrscht und Risiken erfolgreich bewältigt. Diese Gesellschaft ist zudem patriarchal strukturiert, d. h. sie erwartet vom Mann mit zunehmendem Aufstieg in der Hierarchie, dass er in immer größerem Maße Schutz und Fürsorge gewährt.
  • Der Männerbund Beowulfs beruht nicht auf Zwang oder Unterwerfung, sondern auf dessen Autorität, die auf dessen überlegener Tüchtigkeit beruht und von den Mitgliedern des Bundes, den besten und tapfersten Kriegern des Landes, aus freier Entscheidung anerkannt wird.
  • Beowulf verkörpert das Ideal, das die moderne Führungslehre mit dem Begriff des „servant leader“ beschreibt. Als Führer des Bundes, der später König wird, verfügt Beowulf nicht über Privilegien, sondern trägt die größten Risiken, stellt sich vor seine Männer und geht ihnen voran. Seinen Feinden will Beowulf nur im direkten Zweikampf „Held gegen Held“ gegenübertreten. Zuvor trifft er Vorkehrungen dafür, dass für seine Gefolgschaft gesorgt ist, falls er im Kampf fällt. Als einige seiner Krieger Beowulf im Kampf gegen den Drachen aus Furcht die Unterstützung verweigern, werden sie nicht bestraft, sondern es wird an ihre Ehre bzw. an ihr Gewissen appelliert.

Während der Männerbund in der germanischen Kultur vor allem dazu diente, Beute zu machen und gegen andere Stämme zu kämpfen, dient der durch den Dichter beschriebene Bund dem Schutz der Menschen und der Unterstützung anderer und ist somit ein christlich inspirierter Bund.

Die Worte Tolkiens über den zeitlosen Charakter der oben beschriebenen Motive bestätigten sich auch dadurch, dass Tolkien durch den Rückgriff auf diese Motive einige der im europäischen Kulturraum einflussreichsten Werke der Gegenwart schuf. Die Motive des „Herrn der Ringe“ gehören heute wieder zum kulturellen Allgemeingut, wären aber auch dem Dichter des Beowulf und seinen Hörern vertraut gewesen.

Das ritterliche Ethos im Beowulf

Mit dem beschriebenen Männerbundgedanken eng verbunden ist das Ethos des christlichen Rittertums, das sich im Mittelalter in Westeuropa herausbildete, und dessen Ansätze im Beowulf bereits erkennbar sind. Dieses Ethos beruht ebenfalls auf einer Synthese vorchristlicher bzw. germanischer Elemente und christlichem Geist.

Der germanischen Kultur entstammt das Streben Beowulfs nach Ehre und die Betonung der Tugend der Tapferkeit, die seine ausgeprägteste Charaktereigenschaften beschrieben werden. Ehre wird nach dem Verständnis des Dichters durch das Beweisen von Tüchtigkeit bzw. Tapferkeit im Kampf gewonnen und durch Feigheit verloren. Außerdem wird Ehre dadurch gewonnen, dass man sich einem Ziel oder einer Aufgabe vollständig verschreibt und dabei „ewigen Ruhm“ oder sein Ende finde. Der Tod ist dabei dem Verlust der Ehre vorzuziehen. Beowulfs Wirken wird als ein einziges Zugehen auf die von ihm erkannten Bedrohungen beschrieben, denen er im Bewusstsein seiner Kraft zuversichtlich entgegentritt. Er weiß um die „Kraft seiner Ahnen in seinem Arm“ und prahlt mit seiner Stärke, allerdings nicht um anzugeben, sondern um hohe Maßstäbe zu schaffen, an denen er gemessen werden will. Unferth, ein anderer Charakter, der im Werk beschrieben wird, prahlt ebenfalls, scheut aber vor dem Kampf zurück und verliert dadurch seine Ehre.

Christlich ist im Gedicht hingegen die Bindung von Ehre und Tapferkeit an schützenden Dienst. Beowulf ist kein germanischer Krieger mehr, sondern trägt bereits Züge eines christlichen Ritters, wie Tolkien in Anknüpfung an den Literaturwissenschaftler Raymond Wilson Chambers bemerkte.4 Beowulf ist „mutig im Kampf“ und zugleich ein „Mann guter Taten“, der seine Fähigkeiten ausschließlich im Dienst an anderen einsetzt. Seine Stärke ist verbunden mit Selbstkontrolle, und niemals geht er bei der Anwendung von Gewalt über das notwendige Maß hinaus oder handelt impulsiv. Seine seelische Stärke entspricht seiner körperlichen Kraft. Dadurch war er in seiner Jugend unauffällig und wurde sogar „verhöhnt und verachtet“ und „sein Wert lang verkannt“, bis seine Stärke sichtbar wurde. Laut dem Dichter erwarb sich Beowulf viel Ehre dadurch, dass er als guter König sein Reich schütze und verteidigte. Ehre gewann er auch dadurch, dass er als „Wächter und Krieger“ der Bitte Hrothgars nachkam, dessen Reich zu schützen und zu bewahren. Wegen seines Einsatzes waren die Menschen nicht mehr zu „Opfern bestimmt“. Beowulf nimmt den von ihm beschützten Menschen den Schrecken vor den Monstern der Nacht und versetzt stattdessen diese in Angst.

Christlich ist außerdem die Vorstellung eines überzeitlichen Kampfes, der in Form der Monster in die Welt hineinragt. Das Monster Grendel wird als „Feind aus der Hölle“ und als „Schattenbewohner“ sowie als „Mann der Verdammnis“, „Feind allen Friedens“ und als einer der „Erben Kains“ beschrieben, der gegen Gott aufbegehrte, und der „Edelinge Schar“, die Hrothgar folgt, bedroht und viele von ihnen tötet, weil es deren Freude über die Ordnung und den Frieden in dessen Land nicht erträgt.

In der durch den Dichter beschriebenen feindseligen Welt ist der Mensch ein Fremder und muss sich mit der Hilfe Gottes gegen die Mächte des Chaos und des Bösen behaupten. In diesem Kampf verliert der ehrenhaft und tapfer kämpfende Held auch dann nicht, wenn er so wie Beowulf im Kampf fällt, während der unehrenhafte, dem Bösen dienende Feind (etwa der Drache im Beowulf) am Ende nicht siegt, obwohl er den Helden tötet.5 Nach seinem Tod setzt Beowulf seinen Dienst fort, weil nun sein Grab den verfluchten Schatz des Drachen birgt, der den Menschen nur Schaden gebracht hätte.

Ein weiterer christlicher Einfluss ist die im Gedicht wiederholte Warnung vor der Sünde des Stolzes, der die eigene Kraft oder die Kraft des Menschen allgemein überschätzt, sowie vor Überheblichkeit, die davon ausgeht, dass der Mensch durch sein Wirken ewigen Frieden in der Welt schaffe könne. Nur der Sieg gegen Grendel, das schwächste der drei Monster, gelingt Beowulf aus eigener Kraft. Auch „das Beste der Eisen“ ist gegen übernatürliche Feinde „auf Erden stumpf“. Den Kampf gegen die Mutter Grendels gewinnt Beowulf nur durch die Hilfe Gottes bzw. mit einem nicht von Menschen geschaffenen Schwert, nachdem sein eigenes Schwert das Monster nicht verletzten konnte. Gott, der „Lenker der Menschen“, habe ihm durch ein „Schwert aus der Vorzeit“ geholfen, das er im Hort es Monsters findet.

Quellen

  1. Alle hier verwendeten Zitate aus dem Werk stammen aus Johannes Frey (Hrsg.): Beowulf. Das angelsächsische Heldenlied, Stuttgart 2013.
  2. J. R. R. Tolkien: „The Monsters and the Critics“, in: Christopher Tolkien (Hrsg.): The Monsters and the Critics and other Essays, London 1997, S. 27–28.
  3. Ebd., S. 33­–34.
  4. Ebd., S. 12.
  5. Ebd., S. 22.