Andreas Reckwitz: Resilienz als konservatives Konzept

Die Mauern Konstantinopels - Aus dem Luttrell-Psalter, 14. Jhd. (gemeinfrei)

Der Soziologe Andreas Reckwitz lehrt an der Humboldt-Universität Berlin. In einem jetzt erschienenen Aufsatz setzt er sich mit dem Begriff der Resilienz. Die Frage der Widerstandsfähigkeit von Gesellschaften werde für die Politik angesichts der zunehmenden Krisen in westlichen Gesellschaften immer wichtiger. Resilienz sei ein konservatives Prinzip und zugleich eine Forderung klugen politischen Handelns. Übersteigertes Resilienzdenken könne jedoch zur Erstarrung von Gesellschaften führen.

Der Begriff der Resilienz könne „zu einem Schlüsselwort der Post-Corona-Ära, ja für die Politik des 21. Jahrhunderts insgesamt werden“, da die Krisen westlicher Gesellschaften zeigten, dass diese resilienter werden müssten:

„Resilienz – dabei geht es um Widerstandsfähigkeit, um die Fähigkeit, gewappnet zu sein für unerwünschte, mitunter schockartige Ereignisse.

Tatsächlich ist es nicht nur die Coronakrise, die Widerstandsfähigkeit mehr und mehr zu einem politischen Ziel werden lässt. In den vergangenen zehn Jahren sind die Gesellschaften wiederholt mit Krisen konfrontiert worden, die ihre Robustheit auf den Prüfstand gestellt haben: der Finanzkrise, der Migrationskrise, wiederholten Terroranschlägen und als permanentem Stressmoment der Klimakrise. […]

Eine Politik der Resilienz ist somit eine langfristige Politik des Negativen. Sie lernt aus den immer neuen Krisen und Katastrophen, indem sie versucht, die Gesellschaft zu ‚rüsten‘. […]

Das Problem mit den gesellschaftlichen Risiken ist allerdings, dass sich gar nicht absehen lässt, an welcher Stelle sie sich als Nächstes in eine konkrete Bedrohung verwandeln. Für Klimawandel und Pandemien sind wir jetzt leidlich sensibilisiert, aber könnte nicht als Nächstes ein digitaler Supercrash stattfinden, wie wir ihn bisher nur aus Science-Fiction-Filmen kennen? Und sind wir dafür gerüstet? Das Reich der Risiken hält eine Menge von ‚unknown unknowns‘ bereit. Für die Resilienzpolitik wünschenswert wäre insofern etwas Ähnliches wie ein Breitbandantibiotikum in der Medizin: Maßnahmen, die potenziell gegen verschiedenste Gefährdungen wirken.“

Das Konzept rechne fest mit dem Eintritt des Ernstfalls und strebe danach, auf diesen vorbereitet zu sein. Es handele sich somit um ein konservatives Konzept:

  • Der Resilienzgedanke beruhe auf einer Abkehr vom „Fortschrittsverständnis der Moderne“ und dessen Optimismus sowie vom „Glauben an die Gestaltbarkeit von Gesellschaft“ sowie vom „progressiven Liberalismus“ und dessen Ziel der immer größeren Ausweitung individueller Rechte. Er rechne mit Unverfügbarkeiten und betrachte die Zukunft als unberechenbar sowie als „Raum von Risiken“, die niemals vollständig ausgeschlossen werden könnten.
  • Resilienzorientierte Politik betrachte die Gesellschaft nicht als „Raum für den Aufbruch in eine progressive Zukunft“ und sehe die Gesellschaft als verletzlich an. Sie verzichte daher auf das „Streben nach dem Neuartigen und Positiven“ und ziele auf das „Vermeiden oder Aushalten des Negativen“ ab.
  • Wer auf der Grundlage dieses Konzepts denke und handele, dem gehe es weniger um Fortschritt als ums langfristige Überleben in einer gefährlichen Welt.

Reckwitz bejaht den Resilienzgedanken und bewertet einen „Paradigmenwechsel in Richtung einer Politik der Resilienz“ als einen „Akt der Klugheit“ sowie als „vernünftige Revision des klassisch-modernen Machbarkeitsdenkens“. Er sieht jedoch das Risiko, dass eine Verabsolutierung dieses Gedanken die „positiven Ziele gesellschaftlicher Verbesserung“ in Vergessenheit geraten lassen könne, etwa Gerechtigkeit oder Nachhaltigkeit. Eine Gesellschaft, die jegliches Risiko vermeide und Sicherheit auf Kosten aller anderen Werte maximieren wolle, würde erstarren vergessen, dass man Bedrohungen wie Terrorismus nicht nur aushalten, sondern auch besiegen könne.1

Bewertung

Das Konzept der kulturellen Resilienz trägt den von Reckwitz angesprochenen potenziellen Schwächen eines abstrakten Resilienzgedankens Rechnung. Kulturelle Resilienz ist wertgebunden und strebt nach der Krisenfestigkeit einer spezifischen Kultur sowie nach deren langfristiger Kontinuität. Die christlich-abendländische Kultur verwirklicht sich auf politischer Ebene unter anderem in einem bestimmten Verständnis des Gemeinwohls sowie in der der Stärkung von Solidarität, Subsidiarität und dem Schutz der Menschenwürde.

Indem sich diese Kultur entfaltet, wird sie zugleich resilienter, wie etwa am Beispiel der Solidarität erkennbar ist: Je stärker der Zusammenhalt in einem Gemeinwesen ist, desto krisenfester ist es auch. Eine auf dieser Kultur beruhende Gesellschaft kann zugleich mit geringem Risiko immer größere Ziele anstreben, weil sie bei ihrer Entwicklung dem Traditionsprinzip folgt und auf dem festen Boden des Bewährten und Erprobten steht. In diesem wertgebundenen Verständnis von Resilienz gibt es somit keinen unauflösbaren Widerspruch zwischen der Stärkung der Krisenfestigkeit einerseits und der Verwirklichung der von Reckwitz angesprochenen „positiven Ziele gesellschaftlicher Verbesserung“ andererseits. (sw)

Quellen

  1. Andreas Reckwitz: „Die neue Politik des Negativen“, Der Spiegel, 06.03.2021.